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Rolf Bossart ist nach Paris gereist, eine Woche nach den Attentaten. Hier sein Bericht und einige Überlegungen.
Von  Rolf Bossart
Bild: euronews.com

Die Analysen und Kommentare, mit denen man nach Madrid, London und «Charlie Hebdo» den Terror so intelligent wegerklärt hat, beruhigen nicht mehr. Das ist der erste Gedanke. Weder die simplen, die behaupteten, dass dieser Terror nichts mit dem Islam zu tun habe, noch die klügeren, die glauben, dass dieser gewalttätige Islam ein Produkt der kapitalistischen Moderne sei.

Der zweite Gedanke kommt erst, als ich einige Tage später nach Paris reise und eine seltsame Beruhigung registriere angesichts der schwerbewaffneten Polizei im TGV, am Gare de l’Est, im Centre Pompidou, auf den Strassen. Aber gleichzeitig beunruhigt es mich auch, da mich sonst Waffen eher ängstigen. Auch ist klar, dass ein Rechtsstaat, der sich bewaffnen muss, Schwäche offenbart und in der Tendenz die Angst eher grösser macht.

In der Hotelhalle warte ich auf meine Freunde vom IIPM (dem International Institute of Political Murder des St.Galler Regisseurs Milo Rau) und blättere in der «New York Times», wo der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders der internationalen Leserschaft empfiehlt, in politischen Dingen vermehrt auf die «Weisheit des Volkes» zu achten, in allen Einzelheiten das Initiativ- und Referendumssystem der Schweiz erklärt und es als effizientes Kontrollsystem für die dem Volk entfremdeten politischen Eliten einfordert. Er vergisst nicht zu erwähnen, dass, wenn heute Wahlen wären, seine Partei die stärkste Kraft im Land werden würde.

Melancholie des Untergangs

Am Abend gibt die Berliner Schaubühne ein Gastspiel im Theatre de la Ville: Ödipus der Tyrann in der Bearbeitung von Friedrich Hölderlin. Weil Ursina Lardi, mit der Milo Rau gerade in Paris sein neues Stück erarbeitet, die Hauptrolle spielt, gehen wir hin. Das Theater ist ausverkauft, das Publikum mehrheitlich um die zwanzig. Am langatmigen und über weite Strecken schwer verständlichen Stück kann es nicht liegen, also sind sie wohl wegen Lardi gekommen oder wegen Regisseur Romeo Castellucci, einem Star seiner Zunft, vor allem für die Kunstgemeinde des Theaterfestivals in Avignon.

Nachher steht man bei der ausgelassenen Premierenfeier zusammen und sieht, wie der deutsch-französische Kulturaustausch, der in letzter Zeit durch die deutsche Vorherrschaft in der EU etwas geschwächt worden war, hier offensichtlich noch gut funktioniert. Auch wenn mit der Erfahrung der Attentate im Rücken über allem ein Schleier der Melancholie liegt und man sich des Gedankens nicht erwehren kann, dass man wohl später gerade in solchen Szenen das alte, untergegangene Europa des Wohlstands und der Völkerfreundschaft paradigmatisch verkörpert sehen wird.

Zurück im Hotel schaue ich auf «France 2» eine TV-Debatte, die eine Woche nach den Attentaten die Frage stellt, inwiefern die bisherigen Analysen ausreichen. Es diskutieren sechs Expertinnen und Experten in Sachen Integration, Islam und Terror. Der einzige, den ich gut kenne, der Chefredakteur von «Le Monde Diplomatique», Alan Gresh, ist der engagierteste in der Runde. Er fällt allen ins Wort, kritisiert den Westen und verteidigt gestenreich die Muslime und ihre Lage insgesamt.

Gresh hat angesichts eines Front National, der aus den Anschlägen sein Kapital schlägt, damit objektiv natürlich recht wie auch in seinen unzähligen Artikeln, die der Sache der Palästinenser und der Kritik der israelischen Besatzungspolitik gewidmet sind. Aber wie er oft für Palästina solche zweideutigen Sätze schreibt wie: «… damit die Palästinenser nächstes Jahr feiern können in Jerusalem», so ist auch die Motivlage seines etwas übertriebenen Engagements in dieser TV-Debatte unklar. Warum darf der säkulare Intellektuelle kein schlechtes Wort über den Islam gelten lassen?

Fortschritt und Menschenrechte bleiben eine Daueraufgabe

Zeigt sich hier vielleicht – stellvertretend für alle unerschütterlichen Islamismusinterpreten – eine typische Haltung in der Linken? Eine Art Selbsterniedrigung, ausgelöst durch das übersteigerte Schuldbewusstsein, zu einer imperialistischen Kultur zu gehören, die ihren Wohlstand unverdient geniesst und die daher dessen Infragestellung durch Flüchtlingsströme und Terror als eine Art schicksalshaften Akt der Gerechtigkeit phantasiert?

Der Umstand, dass die europäische Linke sich selber oft nur noch als Erbin und Agentin des Imperialismus interpretiert, führt dazu, dass sie sich mehr und mehr ausser Stande sieht, ihre Errungenschaften als Teil eines universalistischen Projekts zu geniessen, für das sich der Kampf noch immer lohnt. Die Ironie dabei ist, dass sich diese Selbstbeschuldigung deckt mit der neoliberalen Politik, die die Errungenschaften der Linken wie den Sozialstaat und die kulturellen Einrichtungen selber als unrechtmässige Privilegien bezeichnet.

Und besteht hier dann nicht eine Verwandtschaft des impliziten, schuldgetriebenen Nihilismus der Linken mit dem hassgetriebenen Nihilismus der Islamisten und dem erzwungenen Nihilismus der Millionen vertriebenen und Glück suchenden Menschen? Eine Verwandtschaft, die die Verheissung der Bremer Stadtmusikanten «Etwas Besseres als den Tod finden wir überall» in seiner nihilistischen Variante verkündet: «Etwas Besseres findet sich überall, und sei es auch der Tod?» Aber wäre damit nicht das Fundament der Moderne, die konkreten Forderungen der französischen Revolution, suspendiert? Und wie kann man die Verkündigung der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in diesen Zeiten noch sinnvoll umsetzen?

Vielleicht gehört Alan Gresh ja auch zu jener Gruppe von Intellektuellen, die fest davon ausgeht, dass die Geschichte ein einziger Fortschrittsstrom ist, in den sich vernunftgemäss alle einfügen werden. Die für jede ernsthafte Reflexion über die Moderne so zentrale – wahrscheinlich in Paris gewonnene – Einsicht Walter Benjamins, dass kein Monument der Kultur nicht auch eines der Barbarei ist, entfällt zugunsten einer moralischen Spaltung in falschen und guten Fortschritt.

In einer solchen Sicht auf die Geschichte existiert Wiederholung nur als Farce, Regression nur als Anomalie, Religion nur als vorsätzliche Dummheit und Zerstörung nur als vermeidbare Fehlhandlung. Säkularisierung, Gleichheit der Geschlechter und Bildungsrechte sind dann nicht mehr spezifische Errungenschaften, deren Öffnung für alle eine zwar notwendige, aber immer schwierige und widersprüchliche Aufgabe sein kann, sondern die einzig möglichen Werte, die eigentlich alle immer schon wollen müssen. Dass sie oft mit Gewalt erkämpft wurden, erst mal nur für wenige galten und durch Abgrenzung und Erziehungsprogramme gesichert werden mussten und müssen, ist nicht auf dem Radar einer solchen automatischen Fortschrittsideologie.

Statt das Kriegsbeil zu schwingen…

Was es bedeutet, die Dialektik von Fortschritt und Barbarei ausser Acht zu lassen, zeigen die Reaktionen auf solche Gewaltexzesse wie die Attentate in Paris, die meist in zwei Varianten auftreten. Entweder man verfällt in den oben skizzierten schuldbeladenen Kulturnihilismus der Linken, oder man sieht den Grund der Aggression nur aussen und schwingt das Kriegsbeil wie die Rechte, fordert Internierungslager für fundamentalistische Muslime und Vergeltung.

Was aber wäre eine Haltung, die einigermassen klug mit den Tatsachen umgehen kann: dass erstens das, was man als Bewohner der Schweiz, Deutschlands, Frankreichs usw. liebt und für gut befindet, in einer kapitalistischen Welt immer nur unter ausbeuterischen Bedingungen zur Entfaltung kommt; dass es zweitens, auch wenn die Welt nicht kapitalistisch wäre, in der Frage des guten Lebens trotzdem unzählige Schwierigkeiten zu lösen gäbe und diese Lösungen nie unschuldig wären, das heisst aus allen Perspektiven als gerecht gelten könnten; und dass es drittens niemals ein Gut darstellt, dessen man sich sicher sein kann, sondern unter bestimmten widrigen Umständen oder massenpsychologischen Gesetzen, wie sie in Zeiten von Genozid und Terror herrschen können, auch von jedem einzelnen selber willentlich oder unbewusst suspendiert werden könnte?

Ich versuche zum Schluss einige vorläufige Antworten zu den drei aufgeworfenen Problemkreisen:

1. Die Welt im Kapitalismus

Der Kapitalismus verhält sich nicht nur kannibalistisch zu allen, die ihm unterliegen, sondern auch zu den Werten, die die Gesellschaft tragen. Wer daher für soziale Gerechtigkeit kämpft, wer kulturelle Fragen in Gerechtigkeitsfragen rückverwandelt, wer sich wo immer möglich weigert, zum Mittäter einer entfesselten Wirtschaft zu werden, kämpft nicht nur gegen den Islamismus, sondern auch aktiv für die Erhaltung der eigenen Werte. Und trotz aller kulturalistischen Rhetorik bleibt natürlich dies die zentrale, aber zugleich auch die schwierigste Aufgabe. Als erste und wichtigste Massnahme erscheint gerade jetzt der unter kapitalistischen Bedingungen extrem schwierige Kampf gegen alle Rüstungsexporte und gegen privaten Waffenbesitz.

2. Die Welt, abgesehen vom Kapitalismus

Diese Thematik ist zwar ungleich komplexer als die Thematik der Kapitalismuskritik, aber dafür lässt sich hier viel einfacher etwas tun. Ein Beispiel aus dem Bereich der Religion: Navid Kermani, der Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels 2015, wurde scharf kritisiert, weil er am Schluss seiner wichtigen Dankesrede über Islam und Christentum die Zuhörer zum Beten aufgefordert hatte. Weit davon entfernt, ein Akt zu sein, der die Gepflogenheiten einer säkularen Gesellschaft ausser Kraft setzte, war es vielmehr ein Akt, der die spezifische westliche Säkularität verteidigte. Warum? Weil es ein Irrtum ist, zu glauben, Religiosität stürbe bei Nichtgebrauch irgendwann ab. Solange wir Menschen wünschende und sterbliche Wesen sind, wird Religiosität eine starke Triebkraft bleiben, und sie wird umso ungefährlicher sein, je selbstverständlicher eine Religion in der öffentlichen Kultur ihren Platz und eine staatliche Anerkennung hat.

Das ist der Sinn der unscharfen Trennung von Kirche und Staat in der Schweiz und in Deutschland, die den Säkularisten so auf die Nerven geht. Wenn nun Kermani als Muslim in einer christlichen Kirche bei einem sonst durch und durch säkularen Anlass provokativ zum Gebet auffordert, so erinnert er symbolisch an den Wert des gesellschaftlichen Paradox‘ einer religiösen Säkularität mitten in Europa. Es müsste von daher gedacht das Ziel sein, den Islam in der Schweiz als staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft zu etablieren. Voraussetzung dazu wäre eine bisher im islamischen Recht so nicht vorgesehene zentralisierende Institution, die einen allgemeinen Vertretungsanspruch der Muslime in der Schweiz geltend machen, die selbsternannten Repräsentationen delegitimieren könnte und der staatlichen Kontrolle unterstehen müsste. Das braucht Zeit und man sollte die zahlenmässig grösste muslimische Gemeinde, die bereits an säkulare Verhältnisse gewöhnten Kosovaren und Bosnier, hauptverantwortlich einbinden.

3. Der dünne Boden der Menschlichkeit

Die Genozid- und Terrorforschung hat in den letzten Jahrzehnten klar gemacht, dass die Menschen unter bestimmten Umständen zum Schlimmsten fähig sind. Es gibt aber Faktoren, die hemmend wirken. Neben vielen individuellen Faktoren, die man unter dem Begriff der Resilienz zusammenfasst, möchte ich hier drei zentrale gesellschaftliche Bedingungen nennen:

Erstens eine enge affirmative oder kritische Bindung zur Gesellschaft in der man lebt. Eine solche ist nur möglich über Freundschaften, Arbeit, politische Rechte, die Beherrschung der Landessprache und vielfältige Bildungserlebnisse. Der Staat sollte wohl in Zukunft bei der Arbeit und den politischen Rechten flexibler, bei Sprache und Bildung bestimmter auftreten.

Zweiter wichtiger Punkt ist die unbedingte Vermeidung von Erniedrigungserfahrungen durch Diskriminierung und bürokratische Schikanen.

Und drittens ginge es darum, die mimetische Kraft des Guten zu nutzen. Denn nicht nur Destruktives, sondern auch Konstruktives verleitet zur Nachahmung. Man wird sehen, was unseren Gesellschaften in der nächsten Zeit hierzu noch einfällt, um dem Sog von Gewalt und Gegengewalt etwas ebenso Anstiftendes entgegen zu setzen. Denn: «Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch» (Hölderlin).

 

Rolf Bossart ist Theologe und Publizist in St.Gallen.

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