Wenn Bernhard Ruchti in die Tasten greift, glaubt man sich nach Hollywood versetzt. Ein Druck auf «Pferdegetrappel», und schon jagt John Wayne über die Prärie. Oder die Taste «Cable Car» – und wie von Zauberhand taucht die Silhouette von San Francisco auf. Das grandiose Instrument, das diese Zeit- und Raumreisen in Gang setzt, ist eine Wurlitzer.
Die Wurlitzer von St.Georgen: Eine von gerade einmal drei Original-Orgeln, die in der Schweiz stehen. Bernhard Ruchti, als Organist der Kirchgemeinde von St.Gallen C tätig, hatte bei einem Studienaufenthalt in den USA 2010 die «Theatre Organ» kennengelernt. Zurück in St.Gallen, gelang es ihm, ein Originalinstrument ausfindig zu machen, in den USA restaurieren und in St.Georgen einbauen zu lassen.
Die grosse Zeit der «Theatre Organ»
Hier im Kirchgemeindehaus intoniert die Wurlitzer jeweils am Sonntag im Gottesdienst Kirchenlieder, Bach oder Buxtehude, und sie sei auch dafür gut geeignet, sagt Ruchti. Einmal im Jahr aber blüht sie auf: an den St.Galler Stummfilmtagen.
Die St.Galler Wurlitzer stand seit 1923 in einem Kino in der US-Kleinstadt La Porte im Bundesstaat Indiana. Die «Theatre Organ» ist ein Instrument, das von Anfang an für die Zwecke der Unterhaltungsmusik gebaut wurde. Solche «Kino-Orgeln» boomten in den 1920er- und 1930er-Jahren in den USA in der hohen Zeit des Stummfilms und der riesigen «Lichtspieltheater», während sie in Europa nie recht populär wurden.
Freitag, 13. Januar, 20 Uhr: Die Abenteuer des Prinzen Achmed; Bernhard Ruchti, Orgel
Samstag, 14. Januar, 20 Uhr: Steamboat Bill jr und My Wife’s Relations (Buster Keaton); Andy Quin, Orgel
Sonntag, 15. Januar, 15 Uhr:
Laurel & Hardy, für Familien mit Kindern; Andy Quin, Orgel
stummfilmkonzerte.ch
Was die Wurlitzer auszeichnet, ist zum einen die Technik – ein gegenüber herkömmlichen Kirchenorgeln um das Mehrfache verstärkter Winddruck, der das Instrument rasch reagieren lässt, sowie die als «Unit Organ» bezeichnete Bauweise, mehrere Register mit einer einzigen Pfeifenreihe zu kombinieren. Zum andern bietet die Wurlitzer neben den traditionellen Orgelregistern (Flöte, Vox Humana, Prinzipal etc.) eine Vielzahl speziell auf das Kinoerlebnis ausgerichteter Zusatzklänge, Pauke und Tamburin, Kastagnetten, Snare Drum, Vogelgezwitscher, Auto- oder Schiffshupe, Feuerwehrsirene und eben: Pferdegetrappel und Tramgeklingel.
Kinokunst aus 1001 Nacht
Auch wenn man heute auf die Idee kommen könnte: Digital entstehen diese Töne keineswegs. Hinter der Bühnenwand im Kirchgemeindehaus St.Georgen sind vielmehr die Geräuschverursacher einträchtig neben den Orgelpfeifen installiert: eine Trommel, Glocken, Becken, Xylophon, allerhand Tut- und Blasgeräte. Die Signale werden zwar elektrisch übermittelt, die Klangerzeugung geschieht aber real. Und ein leistungsfähiges Schwellwerk trägt das seine dazu bei, dass die Orgel wummert und braust, wenn die Emotionen auf der Leinwand hochgehen.
Oder sie knottert, als stolpere gleich Buster Keaton um die Ecke. An den diesjährigen, dritten Stummfilm-Konzerten vom 13. bis 15. Januar wird er das auch tun, in den Filmen Steamboat Bill jr und My Wife’s Relations, live begleitet vom Wurlitzer-Spezialisten Andy Quin.
Lotte Reiniger an der Arbeit am Silhouettenfilm.
Im Zentrum des Programms steht der Silhouettenfilm Die Abenteuer des Prinzen Achmed von Lotte Reiniger, geschaffen 1923-1926 in Potsdam, der als erster abendfüllender Animationsfilm gilt. Darin erzählt die 1899 geborene Pionierin des Scherenschnitt-Films in 96’000 Einzelbildern die Geschichte von Prinz Achmed, seinem Zauberpferd und seinem Kampf gegen den bösen Zauberer und um die Liebe von Pari Banu. Der Film, zehn Jahre vor Disneys erstem Langfilm Schneewittchen, ist ein Prachtsstück mit seinen bewegten Silhouetten, den gefärbten (viragierten) Hintergründen und der ränkereichen Geschichte. Und: mit seiner Musik. Die Originalkomposition ist erhalten und dient Bernhard Ruchti in einzelnen Motiven als Inspiration für die improvisierte Live-Begleitung.
Das richtige Timing
Anspruchsvoll an einer solchen Improvisation sei unter anderem das Timing – es gelte, parallel zum Film Spannungen aufzubauen, aber nicht zu früh und nicht zu spät. Und: Das Publikum soll die Filmmusik nicht bewusst hören, aber ihr dennoch emotional folgen. «Demagogisch» könne eine gute Filmmusik geradezu sein, wenn die Dramaturgie stimme. Um das zu erreichen, heisse es üben, bis er als Musiker gleichsam eins geworden sei mit dem Film. Gelinge das, dann mache Livefilmmusik unheimlichen Spass, sagt Ruchti. Man könne reagieren auf die Stimmung im Saal; Musik und Film und Publikum kämen sich nahe wie sonst nie im Kino.
Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.