Kategorie
Autor:innen
Jahr

Problemkinder werden gemacht, nicht geboren

Der Musiker und Autor Christian Hintermann alias Wot Sefak hat ein Hörbuch herausgebracht und will damit die Notunterkunft für Kinder in St.Gallen unterstützen. «Das Leben und Ben» sei eine «Doku von der Strasse», sagt er. Judith Altenau hat sie sich angehört.
Von  Gastbeitrag , 
Bilder: pd

In rund zweieinhalb Stunden erzählt Ben von seinem Leben. Er beschreibt seine Gedanken und Gefühle, erzählt von seinen besten Freunden und seinem Trotz. Er erzählt aber auch über das Leben. So wie er es sieht. Es ist die Geschichte eines Ungewollten, aber auch die Geschichte eines Rebells, der sich niemals mit der Opferrolle zufrieden gibt.

Ben philosophiert nicht, sondern schildert seine Beobachtungen. Beobachtungen, die er als Sechsjähriger im Heim macht oder als 17-Jähriger im Gespräch mit seinem Vormund. Das Leben und Ben passiert im Zug, bei den ersten Drogenerfahrungen und den Ängsten eines Pflegekindes in seinem ersten neuen Heim bei Pflegeeltern.

Vom «Problemkind» in die Kriminalität

Ben lernt früh, dass er sich nur auf sich selbst verlassen kann und entwickelt sich, gefangen in einem lieblosen System, das ihn nur verwalten und versorgen will, zuerst zu einem «Problemkind» und später zu einem «schwererziehbaren» Jugendlichen, der erste Erfahrungen mit Liebe und Drogen macht und dann Stück für Stück in die Kriminalität abdriftet. Seine einzigen Bezugspersonen über die Jahre sind Jasa und Edona.

Vieles spielt in den 90er-Jahren, die Geschichten werden aber nicht chronologisch erzählt. Gerade noch ist Ben sechs Jahre alt und kämpft mit der Einsamkeit im Thurgau und den Regeln in seiner Pflegefamilie. Bereits im nächsten Kapitel geht es um eine (anlasslose) Polizeikontrolle im Alter von etwa 15 Jahren in Zürich.

Man kann es sich als Zuhörerin also nicht allzu gemütlich machen in einem dahinplätschernden Erzählstil. Auch die Länge der einzelnen Kapitel variiert. Mal braucht eine Geschichte aus Bens Leben nur fünf Minuten, um erzählt zu werden, ein anderes Mal sind es elf. Eins bleibt aber gleich, die einzelnen Episoden sind in sich geschlossen.

Die kleinen Sätze klingen nach

Das Leben und Ben könnte als Untertitel auch «Ungleichheit ist nicht nur ein Wort» oder «Problemkinder werden gemacht und nicht geboren» tragen. Denn die Geschichte als solches gleicht in Grundzügen vielen Erzählungen.

Wot Sefak: Das Leben und Ben. Mitwirkende: Dana Ramthun, Amazing July, Pat MC, Philippe CRF Rieder, Paula Deme, Wot Sefak, erschienen bei Zona 167 Produzioni.

Kaufen und spenden: wotsefak.com/das-leben-und-ben-spendenaktion

Gerade die kleinen Sätze klingen nach. Auch wenn man die Erfahrungen von Ben nicht teilt, kann man die Hilflosigkeit eines Sechsjährigen im Satz «Keiner will, dass ich möchte, was ich möchte» nachvollziehen. Oder die Unsicherheit des 16-Jährigen spüren, der in seinem Leben noch nie – ein vermeintlich normales – Schweizer Eigenheim betreten hat und sich innerlich sagt: «Es ist das Wohnzimmer, denke ich.» Diese kleinen Formulierungen machen den Unterschied. Das ist die grosse Stärke dieses Stücks.

Die Umsetzung als Hörspiel haucht der Geschichte zusätzliches Leben ein. Da verzeiht man als Zuhörerin kleine Verhaspler oder manchmal fehlende oder übertriebene Dynamik der Gesprächspartner in den Dialogen.

Unterstützung für Kinder in Not

Der Autor selbst lässt offen, ob oder in wie weit Teile von Bens Geschichte autobiografisch sind. Das ist am Ende auch nicht wichtig. Man kann mit der Geschichte von Ben und den Gedanken von Ben machen, was man will. Parallelen ziehen, das eigene Leben hinterfragen oder einfach nur Zuhören.

Dass Wot Sefak die Einnahmen aus diesem Hörspiel-Experiment auch komplett an die Notunterkunft für Kinder in St.Gallen fliessen lässt, scheint dabei nur ein logischer Schritt. Es braucht diese Plätze, an denen tatsächlich auch zugehört wird.

Und vielleicht bleibt ja noch ein bisschen Herzblut (oder Geld) übrig um weitere Geschichten zu erzählen.

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter

Vom Ges­tern in die Zu­kunft tau­chen

Wie stehts heu­te um die Gleich­stel­lung? Und wie war das frü­her? Die Pop-up-Aus­stel­lung «Frau­en­spu­ren im Hal­len­bad» in Gos­sau ar­bei­tet ein Stück Ge­sell­schafts­ge­schich­te auf. Zeigt, wo es heu­te noch hakt, und dass es nicht blei­ben muss, wie es ist.

Von Vera Zatti,
DSC09196

Kolumne: 24/7 Traumacore

Ich bin Bra­ve­he­art (Mel Gib­son ty­pe shit)

Von Mia Nägeli,

Theater

Kein Kom­pli­ment

Von Vera Zatti,
Unreif Presse 05

Von Trans­sil­va­ni­en in den Thur­gau

Jo­han­na und Szi­lamer ar­bei­ten seit vier Jah­ren als Ern­te­hel­fer:in­nen in Fru­thwi­len. In ih­rer Hei­mat Ru­mä­ni­en ist die wirt­schaft­li­che La­ge an­ge­spannt und die kör­per­li­che Ar­beit auf dem Feld sind sie ge­wohnt.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0505 max

Er­satz­wahl in den Stadt­rat: Vor­ent­scheid fällt an SP-No­mi­na­ti­ons­ver­samm­lung

Am 29. Ok­to­ber ent­schei­det die SP der Stadt St.Gal­len, wen sie in die Er­satz­wahl um den Stadt­rats­sitz von Pe­ter Jans schickt. Was ur­sprüng­lich wie ei­ne For­ma­li­tät aus­sah, hat sich zu ei­nem span­nen­den Ren­nen ent­wi­ckelt. Mit of­fe­nem Aus­gang.

Von Reto Voneschen,
2026 Stadtrat Collage farbig

Jock Kobels zweiter Fall

Die Welt ist im­mer He­ris­au

Von Andrej Millius,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 12 43

Musik

Der Hai­fisch beisst wie­der zu

Von David Gadze,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 07 57

Heppelers Bestiarium

100 Jah­re Ein­sam­keit

Von Jeremias Heppeler,

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,