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Roman eines Schlüssellosen

Aus dem Januarheft: Nach Prosatexten von Tim Krohn, Friedrich Dürrenmatt und Thomas Hürlimann bringt das Theater St.Gallen erneut einen Roman auf die Bühne, «Matto regiert» von Friedrich Glauser. 

Von  Eva Bachmann , 

Der Spruch ist nicht ganz neu, zugegeben: «Was ist der Unterschied zwischen einem Wärter und einem Insassen einer Psychi? 
– Der eine hat einen Schlüssel, der andere nicht.»

Als Friedrich Glauser 1935 seinen dritten Roman Matto regiert schrieb, war er knapp 40 Jahre alt und hatte schon einige Erfahrung im Status ohne Schlüssel: Landerziehungsheim Glarisegg, Irrenanstalt Steigerhubel Bern, Psychiatrische Klinik Burghölzli Zürich, Fremdenlegion («die Gewähr der allersichersten Verwahrung»), Irrenanstalt Tournai (Belgien), Haft- und Arbeitsanstalt Witzwil, Psychiatrische Klinik Waldau und wiederkehrend: Psychiatriezentrum Münsingen, wo Glauser insgesamt sechs Jahre seines Lebens verbrachte und sich einer Psychoanalyse bei Max Müller unterzog. Münsingen war auch der Ort, wo er die Pflegerin Berthe Bendel kennenlernte, die ihn 1938 heiraten wollte.

Der Grund seiner Internierungen? Liederlicher Lebenswandel, Diebstähle, Rezeptfälschungen, Suizidversuche, Morphium vor allem.

Der Geist des Irrsinns

Sie kommen zum Unbewussten zu Besuch, zum nackten Unbewussten, oder wie es mein Freund Schül poetischer ausdrückt: Sie werden eingeführt ins dunkle Reich, in welchem Matto regiert. Matto!… So hat Schül den Geist des Irrsinns getauft.

Mattos Reich ist die Heil- und Pflegeanstalt Randlingen, ein roter Ziegelbau in U-Form mit vielen Türmchen, genau wie in Münsingen. Eingeführt in dieses Reich wird Wachtmeister Studer, er soll das Verschwinden des Direktors Borstli und den Ausbruch des Patienten Pieterlen aufklären. Schon auf der Fahrt kommt Studer ins Grübeln, hat er seit seinem Karriereknick doch selber den Ruf, er spinne ein wenig. Dr. Laduner, II. Arzt und stellvertretender Direktor, meint nur:

Die Diskrepanz, die zwischen der realen Welt und unserem Reiche besteht, wird Sie vielleicht am Anfang unsicher machen. Sie werden sich unbehaglich fühlen, wie jeder, der zuerst eine Irrenanstalt besucht. Aber dann wird sich das legen, und Sie werden keinen grossen Unterschied mehr sehen zwischen einem schrulligen Schreiber Ihres Amts- hauses und einem wollezupfenden Katatonen auf B
[der Beobachtungsabteilung].

Matto regiert: 12. Januar, 19.30 Uhr (Premiere), weitere Vorstellungen bis 23. März, Theater St.Gallen

theatersg.ch

Beruhigend ist das nicht wirklich. Vor allem nicht für einen wie Studer, der zwar wie ein gewöhnlicher «Schroter» Indizien sammelt und gelegentlich auch mikroskopiert, vor allem aber mit gesundem Menschenverstand ermittelt – ausgerechnet! Studer beobachtet. Was Glauser die Gelegenheit gibt, eine ganze Reihe von Charakteren zu zeichnen, eigensinnig allesamt, stolz und verletzlich, menschlich halt. Und Studer hört zu. Glauser hält es in kernigen Dialogen fest, in Mischungen von Berndeutsch bis Fachchinesisch. Dabei erfährt Studer Wahres von Verrückten und Krankes von Gesunden. Irgendwann ist nicht einmal mehr klar, wer hier alles einen Schlüssel hat.

Mattos Marionetten

Matto! Er ist mächtig. Alle Formen nimmt er an, bald ist er klein und dick, bald schlank und gross, und die Welt ist ein Puppentheater. Sie wissen nicht, die Menschen, dass er mit ihnen spielt wie ein Puppenspieler mit seinen Marionetten… Und dabei sind seine Fingernägel lang wie die eines chinesischen Gelehrten, gläsern und grün…

Die unscharfe Grenze von krank und gesund, von Realität und Wahn hat Glauser am eigenen Leib erfahren. Als Entmündigter war er der Herrschaft der sogenannt Gesunden – dem Vater, den Ärzten, dem Vormund, den Behörden – ausgeliefert. Dass «so einer» hinter die Fassaden und Visagen der Psychiatrie blickt, war in den 1930er-Jahren unerhört. Und auch wenn Patienten längst nicht mehr mit Bädern kuriert werden, hat der Roman bis heute nichts von seiner Kraft eingebüsst. Denn Glausers Sprache und Figuren haben Saft. Das ist dankbar für eine Umsetzung auf der Bühne. Schwieriger werden dürfte, dass Studer ein grosser Schweiger ist, der sich seine Sache denkt.

Übrigens gelingt es dem Wachtmeister, den Kriminalfall aufzuklären, aber: «Er schämte sich. Er hatte gar nichts verstanden.» Auch Sieg und Niederlage verwischen sich in diesem Roman. Die Welt ist nicht in Ordnung zu bringen.

«Wo hört Mattos Reich auf, Studer?» fragte der Arzt leise. «Am Staketenzaun der Anstalt Randlingen? Sie haben einmal von der Spinne gesprochen, die inmitten ihres Netzes hockt. Die Fäden reichen weiter. Sie reichen über die ganze Erde… Matto wirft seine Bälle und Papiergirlanden […] Wir sind allesamt Mörder und Diebe und Ehebrecher… Matto lauert im Dunkeln… Der Teufel ist schon lange tot, aber Matto lebt, da hat Schül ganz recht…».

 

Ein ziem­lich ab­ge­fah­re­nes Ding

Seit zehn Jah­ren gibt es die Re­si­den­cy in der Bi­blio­thek An­dre­as Züst im Al­pen­hof, die­sem so schwer zu fas­sen­den Ort in In­ner­rho­den. Der run­de Ge­burts­tag wird nun mit ei­nem viel­fäl­ti­gen Fes­ti­val ge­fei­ert.

Von Hanspeter Spörri,
Alpenhof bibliothek andreas zuest residency

Ein künst­le­ri­sches Ge­ne­ra­tio­nen­tref­fen

Be­vor die Kunst­hal­le St.Gal­len im De­zem­ber we­gen Um­bau­ar­bei­ten vor­aus­sicht­lich bis April 2027 schliesst, dreht sie noch­mals voll auf. In der Aus­stel­lung «House of Ch­an­ge: Pre-Con­s­truc­tion-Warm-Up-Ga­lo­re» prä­sen­tiert sie im lau­fen­den Mo­nat ein dich­tes, bun­tes Pro­gramm an Kunst und Kul­tur.

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House of change larisa baumann 1

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Jala Wahid Smile maniacally were alive Sieglinde Woehrer

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2611 Kulturgelder gaffa rappenspalter 2 farbe

Kunstausstellung

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Cecileund Pina300dpi

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Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

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Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

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Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

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01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

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Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

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«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

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VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2