«Mir ist das Denken in Kategorien wie der <Generation> fremd. Wenn es darum geht, was ich erreicht habe und was nicht, dann nehme ich erst mal mich selber an der Nase und nicht meine Generation.»
«Siehst Du: Das ist ja genau typisch für deine Generation.»
So etwa tönte er, einer der Dialoge auf der Saiten-Redaktion, bei den Voraus-Diskussionen um das Titelthema dieses Hefts. Stimme eins ist Jahrgang 1957, «Babyboomer». Stimme zwei ist Jahrgang 1976, «Generation X». Trotzdem war man sich bald einig: Das Thema lohnt eine genauere Betrachtung. Aber nicht «die Jungen» und auch nicht «die Alten» sollten im Mittelpunkt stehen, sondern jene merkwürdige Generation zwischendrin, etwa die Jahrgänge 1965 bis 1980. Anders gesagt: die Leute plus minus vierzig. Generation privilegiert? Generation ratlos? Auf jeden Fall: Generation Sandwich, eingeklemmt zwischen den je zahlenstärkeren Jahrgängen davor und danach und zwischen dem analogen und dem digitalen Zeitalter.
Für Saiten haben sich zwei Frauen und zwei Männer mit X-Jahrgang an einen Tisch gesetzt und einen Abend lang diskutiert – freimütig, subjektiv und pointiert. Moderation und Protokoll besorgte Saiten-Redaktorin Corinne Riedener, halbwegs Generation Y. Patricia Holder steuert zum Thema theoretische Überlegungen bei, und die real existierende Generationenfrage beleuchtet unsere augenzwinkernde Saiten-Liste: 100 Personen samt Jahrgang, die in der Ostschweiz aktuell am Drücker sind. Das Ergebnis vorweg, nicht überraschend: Das Sagen haben überwiegend Männer ab fünfzig.
Allerdings: «Der Drücker! Da war ich ja noch nie…», schreibt Claudia Rüegsegger, eine der auf der Liste figurierenden Kulturtäterinnen. Und wendet ein: «Ist das nicht der Ort, wo man sich spätestens in meinem Alter langsam fragen muss, ob man da eigentlich mal hätte hinkommen wollen? Wer jetzt noch nicht dort ist, für den ist es zu spät … Und ist meine Generation nicht diejenige, die immer ein bisschen zu spät oder zu früh ist? Sich jedenfalls nicht besonders breit macht am Drücker? Oder ist das nur meine Geschichte und in meinem Umfeld häufen sich ähnliche? Der Drücker war mir immer eher suspekt. Für mich ist es also nichts als folgerichtig, davon ziemlich weit entfernt zu guslen.»
Stimmt schon: Karriere ist nicht alles, und jede Generation stemmt ihre Probleme. «Was tun?» Der Titel, den der St.Galler Theatermacher Milo Rau über seinen eben erschienenen Essay «Kritik der postmodernen Vernunft» gesetzt hat, gilt im Grunde für alle Jahrgänge. In dieser Saiten-Ausgabe kommen jedenfalls alte wie ganz junge Stimmen zu Wort. Von vorn bis zuhinterst, wo Saiten-Kolumnistin Dorothee Elmiger als «Spätergeborene» zurückblickt auf kollektiv bewegte und geheimnisumwitterte frühere Zeiten.
Im Ganzen, kommt es uns vor, ein melancholisches Heft. Passt zum November.
Peter Surber, Corinne Riedener
DER INHALT:
REAKTIONEN
POSITIONENBlickwinkel von Elias RaschleRedeplatz mit Brigitta BeglingerEinspruch von Tim RüdigerStadtlärm von Andreas KneubühlerDreimal Schande: Lampedusa, rechte Drohungen und falsche Zahlen
PLUS MINUS 40Mit einem blauen Auge davon gekommenVier Menschen kurz vor vierzig sprechen über Jugend, Lebensentwürfe, Laufbahnen und die ältere und jüngere Konkurrenz, die den Platz für sich beansprucht.von Corinne Riedener
Niemand gehört zu einer GenerationWieso es egal ist, wie alt jemand ist und warum uns das Denken in Generationen trotzdem beruhigt.von Patricia Holder
Welche Generation ist am Drücker?Die Saiten-Liste der einflussreichen Ostschweizerinnen und Ostschweizer. Samt Jahrgang.von Peter Surber und Harry Rosenbaum
PERSPEKTIVENFlaschenpost aus Berlin von Wendelin Brühwiler: aus der Redaktion der europäischen Kulturzeitschrift Lettre International.AppenzellWinterthurRheintalToggenburgStimmrecht von Gyatso Drongpatsang
REPORTMissverstandene FrauenversteherPickup-Artists üben sich im Aufreissen und Flachlegen. Ein Seminarbericht.von Corinne Riedener
KULTURAuf den Wanderstrassen der KulturEin Hamburger Künstlerkollektiv bringt Aby Warburgs Bilderatlas Mnemosyne nach St.Gallen.von Wolfgang Steiger
Theater: Max Frischs Fragebögen I–XI in der Lokremise.von Peter Surber
Musik: Postpunker Edwyn Collins kommt nach Dornbirn. Endlich.von Marcel Elsener
Literatur: Über globalisierte Beliebigkeit im Thurgau wie in Paris. Eine Verortung.von Jochen Kelter
Film: Gesucht und nicht gefunden: ein Endlager für Atommüll. Der Dokumentarfilm des Basler Regisseurs Edgar Hagen.von Geri Krebs
Kunst: Joseph Felix Müller und sein Verlag vexer erhalten den Anerkennungspreis der Stadt St.Gallen.von Corinne Schatz
Herbert Maeders Kinderfotos.von Hanspeter Spörri
Weiss auf schwarz von Manon
KALENDER
ABGESANGKellers GeschichtenBureau ElmigerCharles Pfahlbauer jr.Boulevard
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.
Gegen dieses Luzern müsste der FC St.Gallen eigentlich drei Punkte einfahren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es immerhin einer wird. Der Ausgleich gelingt erst weit in der Nachspielzeit per Penalty. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Herbert Rauch (1929–2012) war Briefträger und Künstler. In den Schwarz-Weiss-Fotografien des Rankweilers erscheinen Objekte wie Steine und Federn als abstrakte, grafische Gebilde. Nun ist ein Fotoband zu seinem Spätwerk erschienen, und im Schauraum René Dalpra in Altach sind seine Arbeiten ausgestellt.
Eine Bundesrätin, mehrere Nationalrät:innen und die Politrapper der Stunde: Alle kommen sie aus der Kleinstadt Wil. Eine Erkundung vor den Lokalwahlen.
Eines der vielen Gebäude des Sitterwerks, die vor genau 100 Jahren erbaute Schwarzfärberei, beherbergt heute die Kunstbibliothek und die Materialmusterschränke. Eine Aufstockung soll künftig mehr Platz schaffen.
Noch bis in den Herbst hinein und auch in den zwei folgenden Sommern bleibt die Voliere im Stadtpark eine Buvette. Ab 2029 wird sie zur «Maison des œufs», zum didaktischen Hühnerhof. Die eingereichten Ideen sahen noch ganz andere Nutzungen vor.
Der Streit ums St.Galler Verbot von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen geht in die nächste Runde: Das Referendumskomitee hat die notwendigen Unterschriften gegen eine Änderung des kantonalen Strassenverkehrsgesetzes eingereicht. Damit wird das Stimmvolk über die Frage entscheiden.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
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