Kerstin Forster und Andrea Wiegelmann kennen die Branche. Beide waren jahrelang für die in Sulgen domizilierten Verlage Niggli und Benteli tätig, Kerstin Forster als Lektorin und Programmleiterin für Design und Typografie, Andrea Wiegelmann als Verlagsleiterin. «Kurz vor der Frankfurter Buchmesse wurden wir vor vollendete Tatsachen gestellt. Und dann erhielten wir alle die Kündigung per Ende Jahr», hatte Kerstin Forster letzten Herbst auf saiten.ch zu Protokoll gegeben.
Grund: Die beiden Verlage waren per 1. Oktober 2014 an den deutschen Verlag Braun Publishing AG verkauft worden. Der neue Besitzer erklärte damals auf Anfrage, er wolle «mit dem Ohr am Markt» einen grösseren Leserkreis ansprechen und die Verlage internationaler positionieren. Niggli und Benteli sollten nach Zürich umziehen, aber als Marken erhalten bleiben. Kerstin Forster damals: «Ich werde das Gefühl nicht los, dass weder der alte noch der neue Besitzer wissen, was sie am Niggli-Verlag haben.»
Neues Kapitel, neuer Verlag
«Gut möglich, dass hier ein Traditionsbruch passieren wird», stellte Saiten-Autorin Eva Bachmann fest und brachte im Dezemberheft Statements von Typografen wie Willy Kunz oder Peter Renn, von Architektinnen wie Astrid Staufer oder Rahel Lämmler, die den «Bruch» bei Niggli bedauerten. Wie weit dieser eintreten wird, ist ein halbes Jahr später schwer abzuschätzen: Thematisch zumindest führt Niggli die Verlagsschwerpunkte weiter, aktuell etwa mit einem Band über Innenarchitektur oder über Figürliches Zeichnen.
Für sie sei das Kapitel Niggli-Benteli abgeschlossen, sagt Kerstin Forster heute. Und schlägt ein neues auf. Zusammen mit Andrea Wiegelmann startet sie einen eigenen Verlag. Er nennt sich Triest – Verlag für Architektur, Design und Typografie, und hofft, «eine Lücke zu füllen». Denn auf Typographie spezialisierte Verlage sind rar; neben Niggli nennt Kerstin Forster in der Schweiz den Verlag Lars Müller, Hermann Schmidt in Mainz oder August Dreesbach in München.
Das erste Buch ist symbolträchtig: ein Klassiker des 1950 in Teufen von Arthur Niggli gegründeten Verlags, ein Buch, das längst vergriffen und antiquarisch hoch begehrt ist: Schiff nach Europa. Markus Kutter schrieb den «synthetischen Roman», eine Art Gesellschaftsstudie einer Schiffsreise von New York nach Genua auf dem später gesunkenen Atlantikliner Andrea Doria. Er erschien 1957, im gleichen Jahr wie Max Frischs Homo faber, in dem auch eine Schiffsreise eine Rolle spielt. Kutter und Frisch hatten zwei Jahre zuvor das Manifest Achtung: die Schweiz publiziert, gestaltet vom selben Grafiker, der auch Kutters Roman «optisch organisierte», wie es im Untertitel heisst: Karl Gerstner. Er wählte je nach Kapitelinhalt unterschiedliche Spalten, variierte Einzüge, Fett- und Magerschrift oder zeichnete eine dramatische Partie als Theatertext aus: eine experimentelle Haltung, die Schule machen sollte und es unter die schönsten Schweizer Bücher des Jahres 1957 schaffte.
Hommage an die Akzidenz-Grotesk
Die «Ur-Version» von 1957, Bild: fontsinuse.com
In einer «notwendigen Nachbemerkung» erklärte Kutter im Buch: «Ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass es Komponisten zum Beispiel gar nicht einerlei ist, wie ihre Werke aufgeführt werden, dass Architekten ihre Bauführer überwachen, und dass Schriftsteller umgekehrt dem Druck ihrer Bücher in vielen Fällen gefühllos zuschauen – gefühllos oder durch die Verleger eingeschüchtert, denen es nie an Beweisen mangelt, warum das Publikum den nur eben flachsten und nichtssagendsten Umbruch dulden wolle? Ich darf mich also glücklich schätzen, dass ich einen Verleger und dann vor allem einen Gestalter fand, denen die gedruckte Letter nicht der Allerweltskarren ist, auf dem jede Ware gleichermassen geschleppt werden kann.» Ziel war, so Kutter, «mehr als nur eine sichtbare graphische Begleitmusik (der Greuel, genannt illustriertes Buch), vielmehr ein sehr wissentlich, sehr willentlich angestrebter kumulativer Effekt: Die Typographie will nichts anderes als der Text.»
Im Nachwort zur jetzigen, typografisch natürlich unveränderten Neuauflage nennt Felix Wiedler den Roman «eine Hommage an die Akzidenz-Grotesk»: die Schrift der funktionellen Schweizer Typografie der Fünfzigerjahre, die Mutter aller serifenlosen späteren Schriften wie Futura, Helvetica oder Univers. Schiff nach Europa sei ein «Typografieklassiker des 20. Jahrhunderts, der den Test der Zeit bestanden hat». Das lässt sich nächstens überprüfen, wenn das Buch im Mai auf den Markt kommt – parallel zu einer Ausstellung in Zürich über das Lebenswerk von Ida und Arthur Niggli, kuratiert von deren Enkelin Diana Keller.
Für den Herbst kündigt Kerstin Forster weitere fünf Bücher an, noch ohne Titel zu nennen. Und sie ergänzt: Aktuell habe der Triest-Verlag sein Büro in Zürich – man sei aber auf der Suche und käme gern nach St.Gallen.
Markus Kutter: «Schiff nach Europa», Triest Verlag, Zürich 2015, Fr. 39.– «Retro-Perspektive. Ida und Arthur Niggli»: Kunstraum Bellerive (Villa Windegg), Zürich. Eröffnung und Buchvernissage «Schiff nach Europa»: 8. Mai, 17.30 Uhr
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