Kategorie
Autor:innen
Jahr

Schweizer Velos für Afrika

Jakob Stieger und Simera Conteh verschiffen Fahrräder nach Afrika. Früher nach Burkina Faso, jetzt nach Sierra Leone. Die Velos verkürzen dort den Menschen den Weg zum Markt, ins nächste Dorf oder zum Kilometer weit entfernten Brunnen.

Von  Medienschule St.Gallen

Am Küchentisch der Familie Stieger sitzt Jakob mit seiner Frau Hildegard. Vor ihnen ein Fotoalbum. «Sieh nur, da waren deine Haare noch nicht so grau», neckt Hildegard ihren Mann. Die beiden lächeln, doch nur schon einige Seiten später werden sie nachdenklich. Das Album ist gefüllt mit Bildern von Velos, Lehmhütten und schwarzen Menschen. Auf einem Bild ein kleines Mädchen: «Wenn ich es nicht besser wüsste», sagt Hildegard, «würde ich denken sie habe nur eine Schnupfennase. Tatsächlich hat sie Malaria.» Oder hatte Malaria. Ob sie noch lebt, ist unklar.

Jakob Stieger betreibt ein Velogeschäft in Oberriet. 1996 wird er vom Missionskreis Meiningen angefragt, ob er bei einem Projekt mithelfen wolle. Der Missionskreis schickt Fahrräder nach Burkina Faso. Sie brauchen jemanden, der den Menschen zeigt, wie die Räder repariert werden. Stieger sagt zu und bringt zwei Afrikanern,  die der Missionskreis in die Schweiz holt, das Handwerk des Velomechanikers bei. «Während 14 Tagen lehrte ich die beiden das Nötigste», erzählt der 57-Jährige.

Zwanzig Tonnen für Burkina Faso
Danach fängt Jakob Stieger auf eigene Faust an, Räder zu sammeln. Von der Polizei erwirbt er Velos, die eingesammelt und nicht mehr abgeholt wurden. Pro Velo bezahlt er 13 Franken  – den gleichen Preis, den die Velobesitzer zahlen, wenn sie ihr Rad bei der Polizei abholen. Auch Privatpersonen geben ihm ihre Fahrräder mit. Sieger zerlegt sie in Einzelteile, dann werden sie zusammen mit Kleidern, Werkzeugen und Nähmaschinen in einen Container verladen und nach Burkina Faso verschifft. «Durch das Auseinandernehmen sparten wir viel Platz. Oft waren die Container zwanzig Tonnen schwer», erzählt Stieger. In Afrika werden einige Velos verschenkt, die meisten aber für umgerechnet 50 Franken verkauft. «Das ist zwar sehr teuer, doch wir brauchten das Geld, um neue Velos zu bezahlen und die Transportkosten für den nächsten Schiffscontainer», erläutert Jakob. Er selber bekam keinen Rappen.

Das erste Mal auf dem schwarzen Kontinent
Zwei Jahre und hunderte Velos später, 1998, fliegt Jakob Stieger erstmals selber nach Burkina Faso. Bedächtig erzählt er von seinen Eindrücken: «Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich beim Landen aus dem Flugzeugfenster schaute und mich fragte, ob dies alles wirklich echt sei. Die Hütten aus Lehm, der viele Staub. So etwas kannte ich bis dahin nur aus dem Fernseher.» In Burkina Faso lebt Jakob bei einer zwanzigköpfigen Familie im Busch. Ein Mechaniker richtet zusammen mit seinen Verwandten die zerlegten Schweizer Velos wieder her und verkauft sie. «Die Fahrräder wurden auf Wunsch des Kunden ganz individuell zusammengebaut. Manchmal auch behindertengerecht, etwa mit Handpedalen. Mit Velos gelangen die Bewohner schneller an weit entfernte Märkte oder in eine Schule, die vielleicht zwei Stunden Fussmarsch entfernt liegt. Das Velo hat vielen Menschen in Burkina Faso auch wirtschaftliche Vorteile gebracht. Eine Frau konnte ein Restaurant eröffnen, weil die Gäste jetzt mit dem Velo kommen können.»

Über Jahre lieferte Jakob Stieger Velos nach Burkina Faso. Doch es gab zunehmend Probleme. «In Burkina Faso mussten die Velos den mehr als tausend Kilometer langen Landweg zum Bestimmungsort transportiert werden, und die Zollkosten stiegen an», sagt Stieger. Die Velos wurden für die Leute zu teuer, und so stellte er 2009 die Lieferung ein – mit grossem Bedauern.

Sierra Leone – wo Mädchen einen Franken kosten
Doch während sich die eine Tür schloss, öffnete sich eine andere. Unterdessen suchte nämlich Simera Conteh Velos für seine Heimatstadt Freetown, die Hauptstadt von Sierra  Leone. Auch dies ist eine der ärmsten Gegenden der Welt. Der 50-Jährige ist bereits seit 17 Jahren in der Schweiz und lebt ebenfalls im Rheintal, wo er mit einer Österreicherin verheiratet ist. Simera hatte von Jakob und seinem Projekt gehört und besuchte ihn in seiner Werkstatt in Oberriet.

velo_africa_3

Mittlerweile sind Simera und Jakob beste Freunde und schicken drei bis fünf Container pro Jahr nach Freetown – gefüllt mit Velos, aber auch mit anderen Utensilien wie etwa Auto- oder Lastwagenpneus. «Mein Bruder wohnt in Freetown direkt am Hafen», sagt Simera. «Er sieht, wenn ein Schiff kommt, nimmt den Container entgegen und kümmert sich dann um die Verzollung.» Jakob ist sichtlich froh: «Die Zusammenarbeit mit den Conteh-Brüdern erleichtert mir vieles.»
Für Sierra Leone haben die Conteh Brüder und Stieger noch ein neues Projekt im Gange. «Freetown ist eine grosse Stadt. Frauen gelten hier wenig. Junge Mädchen müssen ums Überleben kämpfen und manche prostituieren sich – für nur einen Franken», erzählt Simera Conteh. Seine Entrüstung ist beinahe greifbar. «Unser Ziel ist es, ein Atelier zu eröffnen, wo Mädchen als Näherinnen arbeiten können und nicht mehr auf die Strasse müssen. Die Bauarbeiten sind schon im Gange. Bald fliege ich runter nach Freetown, um mir alles anzusehen.» Bald geht auch der nächste Schiffscontainer nach Sierra Leone, gefüllt mit Velos und Gerätschaften, die den Menschen eine Arbeit, etwas Geld und vielleicht eine bessere Zukunft bringen.

Text: Anja Broger

 

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 1

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 1: Open­air-Ki­nos, Bla­bla­bor – «Gue­ril­la Ra­dio», Mi­chail Pir­ge­lis – «HYLE», «Hei­mat­flim­mern», Kul­tur­fes­ti­val St.Gal­len, Le­on­ce und Le­na, Kunst­spa­zier­gän­ge und Mu­sik im «Flööz­li» so­wie Rund­gän­ge zum Blu­men­wies und zur Schwamm­stadt. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Happily Aging Dying

Musik im Rorschacherberg

Schloss­mu­sik von Big Band bis In­die

Von  Vera Zatti
Sommerbuehne by Night

Der Wi­der­stand der Ama­zo­nas­frau­en

In Kon­stanz gas­tiert der­zeit die Grup­pe As Ka­ru­a­na – ein po­li­ti­scher Frau­en­chor aus dem Ama­zo­nas. Sie zeigt mit ih­rer Mu­sik, ih­rem Tanz, ih­rer Kunst und ih­rem Wis­sen po­li­ti­sche Ré­sis­tance und kämpft für die Rück­erobe­rung ih­rer in­di­ge­nen Kul­tur.

Von  Veronika Fischer
AS KARUANA Gruppenfoto4

Vol­ler Wi­der­sprü­che

Ma­le­rin, les­bisch und glü­hen­de NS-An­hän­ge­rin. Ste­pha­nie Hol­len­stein (1886-1944) war vie­les. Ein Wi­der­spruch? Der neue Do­ku­men­tar­film von Bir­git­ta Wei­zen­eg­ger be­fasst sich mit dem Le­ben der vor­arl­ber­gi­schen Künst­le­rin.

Von  Vera Zatti
Im Schatten der Bilder Filmstillweizeneggerfilm1

Gastkommentar von Jacques Michel Conrad

Ech­te Lö­sun­gen für ech­te Pro­ble­me

Von  Jacques Michel Conrad

Der In­nen­hof als Head­li­ner

Zum 20. Mal bringt das Kul­tur­fes­ti­val in­ter­na­tio­na­le Ent­de­ckun­gen und lo­ka­le Lieb­lings­bands in ei­nen der schöns­ten Kon­zer­tor­te St.Gal­lens. Zum Ju­bi­lä­um blickt Or­ga­ni­sa­tor Lu­kas Hof­stet­ter zu­rück – und be­haup­tet sich zu­gleich in ei­nem Mu­sik­ge­schäft, das für klei­ne­re Fes­ti­vals im­mer schwie­ri­ger ge­wor­den ist.

Von  Philipp Bürkler
Digitalism 1 2022 Kulturfestival Marcello Engi
Heftvorschau 07/08/26
Kunst im Sittertal, Sommertipps

Vor 40 Jah­ren grün­de­te Fe­lix Leh­ner in Bein­wil am See die Kunst­gies­se­rei, die 1994 nach St.Gal­len zog. Und vor 20 Jah­ren ent­stand er­gän­zend da­zu die Stif­tung Sit­ter­werk, die un­ter an­de­rem ei­ne welt­weit ein­zig­ar­ti­ge Kunst­bi­blio­thek führt. Wir tau­chen ein in die­sen wun­der­sa­men Mi­kro­kos­mos im Sit­ter­tal. Aus­ser­dem in der Ju­li/Au­gust-Dop­pel­num­mer: die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps, die Fla­schen­post von An­na Stern aus Finn­land und das In­ter­view zum 100-Jahr-Ju­bi­lä­um un­se­rer Haus­dru­cke­rei Nie­der­mann. 

Saiten 260708 01 Cover 01

Dy­na­mik in Stein

Flo­ri­an Fuchs ar­bei­tet an ei­ner an­tik an­mu­ten­den, 2,5 Me­ter ho­hen Mar­mor­sta­tue. War­um in­ter­es­siert sich ein jun­ger Bild­hau­er für die­se klas­si­sche Her­an­ge­hens­wei­se? Ein Werk­statt­be­such in Fla­wil.

Von  Roman Hertler
01 Florian Fuchs Theano Foto Maria Mahler

Der Kul­tur­kampf

Es war das Jahr­zehnt der Kul­tur: In den 80ern kam die Stadt St.Gal­len zu ei­ner Kunst­hal­le, ei­nem Pro­gramm­ki­no, der Frau­en­bi­blio­thek, der Gra­ben­hal­le, ge­nos­sen­schaft­li­chen Bei­zen und an­de­rem. Wie das ge­lang und wer die Fä­den zog, zeich­nen Ralph Hug und Co­rin­ne Schatz im Buch Der gros­se Auf­bruch nach.

Von  Peter Surber
2606 80er JF Mueller 01

Die sub­ver­si­ve Kraft des Auf­be­geh­rens

Das Film­dra­ma Fuo­ri er­zählt ein kur­zes Ka­pi­tel der aus­ser­ge­wöhn­li­chen Le­bens­ge­schich­te ita­lie­ni­schen Schrift­stel­le­rin, Schau­spie­le­rin und Wi­der­stands­kämp­fe­rin Go­li­ar­da Sa­pi­en­za.

Von  Karsten Redmann
Fuori 3

Die Ge­füh­le dre­hen sich

Mit ver­schreck­ten Se­cu­ri­tys in ei­ner bun­ten In­sze­nie­rung von An­ge­li­ka Zacek prä­sen­tiert das Vor­arl­ber­ger Lan­des­thea­ter in Bre­genz Shake­speares Ein Som­mer­nachts­traum.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ein Sommernachtstraum David Kopp Maria Lisa Huber Nurettin Kalfa c Anja Koehler

Tri­umph­marsch ge­gen den Krieg

Die St.Gal­ler Fest­spiel-Oper spielt die­ses Jahr im Haus statt auf dem Klos­ter­platz – ein Glücks­fall für Ver­dis Ai­da, die mensch­lich und mu­si­ka­lisch in die Tie­fe geht. Mo­de­s­tas Pi­t­re­nas di­ri­giert ein letz­tes Mal, Ben Baur in­sze­niert bild­stark.

Von  Peter Surber
6477 konzert und theater st gallen aida 2026 036

Der Ap­fel, der bö­se Wolf und Will­helm Tell 

Im Werk 2 in Ar­bon dreht sich der­zeit al­les um My­then. «Sehn­sucht My­thos. Wie Ge­schich­ten un­se­re Welt ge­stal­ten» ist ei­ne äs­the­ti­sche Aus­stel­lung, die mit ih­rem sehr brei­ten My­thos­be­griff ar­bei­tet und viel­fäl­ti­ge Ge­schich­ten un­ter ei­nem Dach ver­eint.

Von  Vera Zatti
IMG 9656

Neue Eigenproduktion

Mit Walt Whit­man in die Zu­kunft 

Von  Vera Zatti
DB0 A7992

Tunneleröffnung

Von der Lok­re­mi­se zur Reit­hal­le gehts jetzt un­ten durch

Von  René Hornung
IMG 6792