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Slug 4 Life

Das Gaffa-Kollektiv hat im Lagerhaus drei monumentalen Nacktschnecken einen Lebensraum eröffnet. Bis Sonntag können sie in der Ausstellung «Sluglife» noch besucht und bestaunt werden. Und optional: in ungefährlicher Konfrontation ein archaisches Kollektiv-Trauma überwinden.
Von  Julia Kubik
Bilder: Jürg Zürcher

Über den Boden des Architekturforums Ostschweiz zieht sich eine fette Schleimspur. In ihr drei riesige, glänzende Charakter-Schnecken. Selbst mit aufgeklärter Vorbereitung wirken sie unausweichlich körperlich. Ihre dynamische Bewegung lässt die Befürchtung offen, sie könnten jeden Moment weiterkriechen.

Dazu kommt ein schmatzendes Geräusch aus gut versteckten Boxen. Dezent genug, um es zuerst als «irgendwas mit der Heizung» misszuverstehen, aber mit der Zeit auch eindringlich genug, um sich richtig involviert zu fühlen ins «Sluglife».

Das GAFFA-Kollektiv, bestehend aus Linus Lutz, Dario Forlin, Wanja Harb und Lucian Kunz, erhielt 2019 einen Werkbeitrag der Stadt St.Gallen. Daran gekoppelt war die Ausstellungsmöglichkeit im Architekturforum.

GAFFA ist seit 2016 Herausgeber des gleichnamigen Fanzines, in dem jeweils in vielfältiger Form gemeinsam ein Thema bearbeitet wird. Die Bildkompositionen sind überraschend und humorvoll, die Inhalte breit gestreut. Eine neue visuelle Welt, gebaut aus den herumliegenden Perlen und dem Trash der alten. Diese Arbeitsweise wird im Architekturforum räumlich maximiert.

Der Schlimme und der Gute Schnegg

Um Nacktschnecken ranken sich allerlei Gruselgeschichten. Einmal barfuss draufgetreten, vergisst man nie mehr, wie klebrig und zäh Sie sind. Ein furchtbares Ereignis für Schnegg und Mensch. Dann die ganzen Tötungsmethoden der Gartenfreunde: Schneckenkorn, zerschneiden, einsalzen, Bierfallen. Alles klingt schrecklich.

Eine weitere, unangenehme und persönliche Erinnerung ist das Gerücht um eine entfernte Verwandte, die irgendeinen Zuckerwasser-Sud aus ihnen kochte, der als Heilmittel für kranke Kinder dienen sollte.

Long Story short: Es begegnen einem viele Menschen mit ähnlichem Ekeltrauma, aber selten bis nie Menschen, die die Nacktschnecke (auch Tauschnegg, Lungenschnecke, Gartenschnecke, Wegschnecke genannt) wirklich schätzen.

Ganz im Gegensatz zum grossen Tigerschnegel, bei dem sich sämtliche Schnecken-Freunde-Foren mit Lobgesängen übertrumpfen. Schnegel werden als «die Guten» und «die Schönen» unter den Nacktschnecken gehandelt und in den meisten Gärten willkommen geheissen.

Den unbeliebteren Casual Slugs in einem White Cube- Ausstellungskontext zu huldigen, wie GAFFA es tut, wirkt absurd – und ist genau darum so schön.

Finissage: 26. September, 20 Uhr, Architektur Forum Ostschweiz, mit GAFFA Zine-Release und Performance von Sandro Heule

Patronen, Shots und Knockout

Abgesehen von dieser physischen und sozialen Interpretation eröffnet der Ausstellungstitel noch weitere Bedeutungsfelder. Ein «Sluglife» ist laut Urban Dictionary ein faules, ambitionsloses und rauschgetränktes vor sich hin leben. Vielleicht auch vage zu übersetzen mit «Abschmieren» – wie abstürzen, nur langsamer und weicher.

«Slug» an sich bedeutet aber (abgesehen von Schnecke) noch viel mehr: eine Patrone, ein Shot (Alkohol) oder ein Knockout-Schlag. Anwendungsbeispiele dazu: I fired a couple of slugs into the air / I downed a couple of slugs at the Bar/ Shut up before I slug you. Solche Sätze fanden oft in 30er- und 40er-Jahre-Detektivgeschichten Verwendung, etwa bei Raymond Chandler.

Eine weitere wichtige Referenz: Die Titelschrift auf der Ausstellungskarte ist angelehnt an jene des grossen «Thuglife»-Tatoos auf Rapper Tupac Shakurs Bauch. Das «i» ist bei ihm eine Patrone, bei Gaffas Sluglife eine Schnecke.

Slug 4 ever

Getragen werden die Synthetic-Slugs von einer Dachlattenkonstruktion, darüber Hasengitter, Kleister, Zeitungspapier und sehr viel Braune Kunstharz-Farbe. «Es hat übel gestunken und wir waren nach dem Streichen komplett high», erzählt Linus Lutz.

Sie am Stück wieder aus dem Raum zu transportieren, wird leider unmöglich. Nach der Ausstellung müssen die Schnecken zu Baumaterial dekonstruiert werden.

Die schön-schaurige Vorstellung, sie noch in einigen Jahren (ständig grösser werdend) durch Quartierstrassen oder am Seealpseeufer entlangkriechen zu sehen, lebt weiter.

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