Saiten: Vor eurem Amtsantritt ist es im kantonalen Amt für Kultur gehäuft zu Abgängen gekommen, zuletzt in der Person der Amtsleiterin selbst. Wie ist die Stimmung im Team heute?
Christopher Rühle: Die Stimmung in den Teams – ich sage es bewusst im Plural – und im Amt ist gut. Die Motivation der Mitarbeitenden ist grundsätzlich überdurchschnittlich hoch, viele Leute brennen für ihr Fachgebiet.
Sabina Brunnschweiler: Dass das so bleibt, steht für uns als Amtsleitung an oberster Stelle.
CR: Natürlich war es mit Corona und den vielen Wechseln der letzten Jahre nicht ganz einfach. Das hat schon Kraft gekostet. Die Ressourcensituation ging in den letzten Jahren zudem nicht immer Hand in Hand mit der Menge an Aufgaben. Den Herausforderungen wollen wir aber mit einem positiven Geist begegnen, sie sind lösbar.
Ihr habt euch jetzt als Duo einen ersten Überblick im Amt verschafft. Wo seht ihr aktuell die grössten Baustellen?
SB: Wir sprechen nicht von Baustellen, lieber von Herausforderungen.
CR: Vieles läuft ja schon, auch unabhängig von uns. Um über strategische Stossrichtungen zu reden, ist es noch zu früh. Wir werden nun – nach unserem ersten Ankommen im Amt – die Themen gemeinsam mit der Departementsleitung und unserer Geschäftsleitung entwickeln. Zudem stecken wir aktuell mitten in unserem ersten Budgetprozess. Und ab 2025 wird uns die Erarbeitung einer neuen Kulturförderstrategie beschäftigen. Die aktuelle läuft Ende 2027 aus. Da erhoffen wir uns einen gewissen Schub und politische Unterstützung.
Als Co-Leitung könnt ihr euch unter anderem «besser in Einzelthemen einarbeiten und vor Ort stärker präsent» sein. So war es einer Medienmitteilung zu entnehmen. Birgt eine solche Nähe zum Operativen nicht auch Friktionspotenzial?
SB: Es ist öfter so, dass aus den Abteilungen Fragen an die Amtsleitung herangetragen werden, als dass wir hineingehen würden und sagen, wie es zu machen wäre.
CR: Ich beurteile zum Beispiel nicht zusammen mit der Denkmalpflege Bauprojekte. Dazu fehlt mir schlicht das Fachwissen. Wenn sich dort aber politische Fragestellungen ergeben, dann fungiert die Amtsleitung auch als Schnittstelle zur Departementsleitung. Unsere Führungstätigkeit verstehen wir idealerweise als Unterstützung und Coaching in übergeordneten Fragestellungen.
Vor einem Jahr hat der Kantonsrat die Rolle der Denkmalpflege zugunsten der Gemeinden geschwächt. Sie darf in Baubewilligungsverfahren keine verbindlichen Entscheide mehr fällen, sondern nur noch Stellungnahmen abgeben und gegebenenfalls rekurrieren. Wie kommt ihr damit zugange?
CR: Eine Beschwerde aus der Zivilbevölkerung ist noch beim Bundesgericht hängig. Die demokratisch beschlossene Regelung müssen wir gleichwohl umsetzen. Man kann aber sagen: Die Zusammenarbeit mit den Gemeinden funktioniert grossmehrheitlich. Es gab bisher nur einen einzigen Entscheid, bei dem wir rekurrieren mussten. Der Fall konnte inzwischen einvernehmlich gelöst werden. Es hat eigentlich eine Entspannung stattgefunden.
Sabina Brunnschweiler, 1975, ist in Ebnat-Kappel aufgewachsen. Sie hat in Zürich Deutsch und Geschichte studiert, war dann Journalistin und erste Frau in der Saiten-Redaktion, bevor sie für drei Jahre ins St.Galler Amt für Kultur wechselte. Ab 2011 leitete sie die Bereiche Tanz/Theater und Literatur in der Fachstelle für Kultur des Kantons Zürich und war die letzten fünf Jahre auch Teil der Geschäftsleitung.
Christopher Rühle, 1974, lebt in Wil. Er hat an der HSG Staatswissenschaften studiert und zu politischer Ideengeschichte doktoriert. 2007 nahm er die Arbeit im Amt für Kultur des Kantons St.Gallen auf, zunächst als Leiter Recht. Ab 2018 leitete er den Aufbau der Fachstelle Kulturerbe. Er ist zudem langjähriges Mitglied der Geschäftsleitung des Amtes für Kultur und war von Mai 2023 bis März 2024 Mitglied der interimistischen Amtsleitung.
Die geplante Kantonsbibliothek ist jüngst von bürgerlicher Seite unter Beschuss geraten: Allen voran die selbsternannte «Bildungspartei» FDP fordert eine Redimensionierung respektive eine stärkere Dezentralisierung zugunsten der Regionen. Was bedeutet das Manöver für die Kantonsbibliothek?
CR: Es ist ja eine Interpellation hängig im Moment, darum ist es uns nicht möglich, hier ausgreifende Aussagen zu machen. Die Regierung ist grundsätzlich nach wie vor überzeugt, dass es sich um eine wichtige Investition in unsere Bildung handelt. Nach den kritischen Rückmeldungen aus der Vernehmlassung muss man die Vorlage nun allerdings überprüfen.
Das Projekt und seine Dimensionen sind seit Jahren bekannt. Ist das nicht frustrierend?
CR: Im Nachhinein ist man immer schlauer. Man hätte zwischendurch vielleicht einmal ein politisches Sounding machen müssen. Die heute zuständigen Departementschefinnen Susanne Hartmann (Bau- und Umweltdepartement) und Laura Bucher (Departement des Inneren) führen derzeit Gespräche mit den Partei- und Fraktionsspitzen, an denen auch die Kulturamtsleitung teilnimmt.
SB: Es ist ein grosser Vorteil, dass Christopher schon so lange dabei ist und sehr viel weiss zur Bibliotheksgeschichte. Es kann bisweilen schon ein frustrierender und zermürbender Prozess sein, wie das halt manchmal ist in einer Verwaltung.
Appenzell Ausserrhoden hat kürzlich die Erarbeitung einer Kulturerbe-Strategie eingeleitet. Wo steht St.Gallen, wo man mit einem eigenen Kulturerbegesetz schon einen Schritt weiter ist?
CR: Die Fachstelle Kulturerbe versucht die wichtigsten Objekte im Kanton unter Schutz zu stellen. Bevor die Fachstelle geschaffen wurde, wusste der Kanton gar nicht, welche Objekte es überhaupt gibt. Der Kontakt mit den regionalen Institutionen schärfte unser Bewusstsein für die Wichtigkeit ihrer Arbeit, sie erledigen wichtige Grundaufgaben bei der langfristigen Aufbewahrung und Pflege der Objekte, die der Kanton lange nicht auf dem Radar hatte. Hier muss der Kanton in Zukunft eine aktivere Rolle einnehmen. Es sind aber auch die Gemeinden und die Regionen gefragt, das kann der Kanton nicht alleine stemmen.
SB: Die regionalen Museen haben vom Kanton bisher nur punktuell Beiträge erhalten. Hier müssen wir sicherlich auf eine angemessene Antwort hinarbeiten.
Stichwort Kulturförderung: Wie sind die Rückmeldungen an euch seitens der Antragstellenden bei den Regionalen Förderorganisationen (RFO), die jetzt auch in St.Gallen angelaufen sind?
SB: Die RFO sind ein Erfolgsmodell. Bei der Einführung herrschte teils eine gewisse Verwirrung, so auch bei der jüngsten RFO Kultur St.Gallen plus. Oft gelangen Gesuche an die RFO, die eigentlich an die Gemeinde sollten und umgekehrt. Das passiert sogar erfahrenen Gesuchstellenden. Das geht zum Teil auf unsere Kappe, wir können die Kommunikation und auch die Führung der Antragstellenden durch die Online-Formulare bestimmt noch optimieren.
Der Verteilkampf um die vorhandenen Kulturfördermittel wird härter. Wohin entwickelt sich die St.Galler Kulturförderungspolitik?
SB: Viele Institutionen stehen vor wichtigen Entwicklungsschritten, Stichworte sind neben Diversität, Zugänglichkeit und Teilhabe natürlich auch faire Saläre und Löhne, soziale, aber auch ökologische Nachhaltigkeit. Es steht zudem ein Generationenwechsel an, eine generelle Professionalisierung, die man gerade in regionalen Institutionen spürt, wo über Jahrzehnte vieles in Freiwilligenarbeit aufgebaut wurde und heute immer weniger Bereitschaft oder Möglichkeit für «Fronarbeit» vorhanden ist. Vor dieser Realität kann die St.Galler Kulturförderung die Augen nicht verschliessen. Gleichzeitig wissen wir, dass die verfügbaren Mittel nur beschränkt wachsen und nicht alle Vorhaben unterstützt werden können.
Wo wollt ihr bei der Förderung Schwerpunkte setzen?
SB: Das kann ich im Moment noch nicht sagen. In den Köpfen der Abteilung Kulturförderung schwirren schon lange viele Ideen. Soziale Sicherheit ist sicher ein wichtiger Aspekt. Uns fehlen zurzeit aber noch Ressourcen, diese Themen konzeptionell anzugehen. Nach personellen Wechseln und Ausfällen sind sich einige noch am Einarbeiten. Handkehrum bringen sie auch frischen Wind rein.
CR: Im Moment bindet das Tagesgeschäft in den kleineren Abteilungen fast sämtliche Ressourcen. Eines unserer wichtigsten Ziele als Amtsleitung ist, dass wir uns hier wieder etwas mehr Luft verschaffen können.
In Basel wird im Moment die «Initiative für mehr Musikvielfalt» diskutiert. Und die «NZZ am Sonntag» hat jüngst vorgerechnet, dass auch in Zürich über 90 Prozent der staatlichen Musikförderungsbeiträge in die klassische orchestrale Musik fliessen. Wie seht ihr diese Debatte? Ist die Musikförderung auch in St.Gallen «im 19. Jahrhundert stecken geblieben», wie die «NZZ am Sonntag» konstatierte?
SB: Wir haben das Verhältnis nicht ausgerechnet, aber bestimmt ergibt sich hier dasselbe Bild. Das Beispiel Basel zeigt wieder das Grundsatzproblem: Solange nicht mehr Mittel zur Verfügung stehen, muss an einem anderen Ort gespart werden.
Das wollen die Initiant:innen aber nicht, sie wollen lediglich, dass ein Drittel der Fördermittel in populäre und alternative Musik fliesst und nicht wie bisher lediglich 10 Prozent oder noch weniger.
SB: Aber sie lassen im Initiativtext auch offen, woher das Geld kommen soll. Darum kommen in Basel verständlicherweise einige gerade ins Schwitzen. Ein schönes erstes Resultat aus der politischen Debatte ist immerhin, dass sich Institutionen zusammengetan haben. Ebenso gefällt mir, dass der Anstoss für die kulturpolitische Debatte aus der Bevölkerung kommt. Das verleiht der Forderung nach grösseren Kulturbudgets mehr Kraft. Solches Engagement erhoffen wir uns auch in St.Gallen.
CR: Bei der Kantonsbibliothek wars ja auch so. Erst eine Volksinitiative – getragen aus Kreisen der SP und der städtischen FDP – hat das 2010 gescheiterte Projekt wieder ins Rollen gebracht. Die Initiative kam mit über 10’000 Unterschriften zustande, nötig gewesen wären bloss 4000. Das gab enormen Aufwind.
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