«Wiederaufnahme»: Der Begriff treffe auf die aktuelle Produktion nicht wirklich zu, betont das Theater. Tatsächlich hatte der Teufel, der im Stück die Hauptrolle spielt, bei Black Rider die Finger besonders fies im Spiel: Ende Oktober 2020 konnte die Premiere im Provisorium Um-Bau zwar noch gespielt werden, wenn auch in einer reduzierten und konsequent auf Abstand inszenierten Coronafassung vor gerade einmal 50 handverlesenen Zuschauer:innen – aber kurz darauf zog die zweite Pandemie-Welle endgültig den Vorhang.
Der Soundtrack packt
Vergeblich sollte der Aufwand aber nicht sein. Dreieinhalb Jahre später bringt Barbara-David Brüesch, damals Hausregisseurin und inzwischen Schauspielchefin am Theater, das Stück in einer überarbeiteten Fassung wieder vors Publikum, im Grossen Haus, mit teils neuer Besetzung, befreit vom engen Bewegungskorsett der Pandemie und ergänzt um den Frauenchor, der damals Corona weichen musste und jetzt die romantischen Freischütz-Chöre als Kontrapunkt zu Tom Waits’ Rocksongs singt.
Der Frauenchor, armbrustbewehrt, links Anja Tobler als Käthchen.
Michael Schläpfer, Lehrer für Musik und Geschichte an der Kantonsschule am Brühl in St.Gallen, hat den Black Rider für seine 3. Klasse an der Fachmittelschule ausgewählt, nicht zuletzt wegen dem Soundtrack. «Die Musik ist extrem abwechslungsreich, mal rockig, mal lyrisch – das macht sie spannend auch für die Jugendlichen.»
Die vierköpfige Band ist und bleibt Motor des Ganzen. In unserer Kritik damals im Oktober 2020 tönte das so: «Mit Schlagzeug, Posaunen, Klarinetten, Geige, Harmonium, Klavier und Elektronik macht das Quartett über die Songs hinaus das Theater zur Geräuschmaschine, lässt Schritte knallen, Knochen klappern, Schwingtüren knarren, den Wind pfeifen, Kugeln flitzen.»
Black Rider, Theater St.Gallen
weitere Vorstellungen 28. März, 21. und 27. April, 6. und 8. Mai
konzertundtheater.ch
Bei Schläpfers rund 18jährigen Schülerinnen und Schülern, die vor zwei Wochen in der Vorstellung waren, kamen der Sound und das Miteinander von Musik und Gesten, eines der Markenzeichen der Inszenierung, fast durchwegs gut an: «Dass jede Bewegung quasi musikalisch begleitet wurde, fand ich wirklich sehr cool», fand eine Schülerin. «Es war eindrücklich, dass nur vier Musiker das ganze Stück eindrucksvoll unterstützt haben», schreibt eine andere, die sonst eher ungnädig urteilt: «Ich würde das Stück nicht weiterempfehlen.»
Romantik und der rote Faden
Der Stoff scheint auf den ersten Blick zeitlos: Dem Teufel, der mit dem Menschen dealt und ihm seine Künste anbietet um den Preis seines Seelenheils, kann man schon bei Faust begegnen. Als romantische Schauerfigur prägt er die Oper Der Freischütz von Carl Maria von Weber, uraufgeführt 1821. Im Black Rider beziehen sich Autor William S. Burroughs, Regisseur Robert Wilson und Musiker Tom Waits 1988 auf diese Vorlage. Sie lassen ihren Stelzfuss von neuem auf den armen Schreiber Wilhelm, sein Käthchen und die Försterfamilie los – jetzt aber mit viel Ironie.
Wilhelm (Pascale Pfeuti, rechts) lernt schiessen, hinten Jägerbursche (Frederik Rauscher) samt Wald.
Teufelszaubereien, Waldesschluchten, eine Liebesgeschichte, verzauberte «Bullets»: Solche Art Romantik müsste bei den Fantasy-gestählten Jugendlichen von heute eigentlich gut ankommen. Von den Schülerinnen und Schülern gab es auch mehrheitlich positive Urteile, stellvertretend dieses: «Ich empfehle das Stück jedem, der sich von einer bizarren Geschichte mit witzigen Charakteren verzaubern lassen möchte.» Oder: «Ich war ein grosser Fan des Stücks! Besonders liebte ich die düstere Atmosphäre und die tollen Schauspieler:innen, die sich bizarr und cartoon-ähnlich bewegen konnten. Nur mit den Songs konnte ich mich nicht ganz anfreunden.»
Kritischere Stimmen finden sich in den schriftlichen Rückmeldungen der Klasse aber auch: «Ich fand es manchmal herausfordernd, den roten Faden nicht zu verlieren.» Oder: «Das Stück ist etwas ausgefallen. Ausserdem können gewisse Szenen verstörend auf einen wirken, weshalb ich denke, dass es nicht für jeden Geschmack etwas ist. Ich persönlich mag aber etwas düsterere Geschichten und war deshalb fasziniert von der Story und der schauspielerischen Leistung.»
Märchenland mit Erbförster (Riccardo Botta) und Zauberlehrling (Pascale Pfeuti).
Die St.Galler Inszenierung spitzt das Spiel mit Versatzstücken der Romantik zu und nimmt zusätzlich Bezug auf die damals populären mechanischen Spielautomaten. Noch einmal die Saitenkritik der Premiere 2020: «Barbara-David Brüesch setzt einerseits auf schwarzweisse Stummfilm-Ästhetik, bis zu den Vignetten vor den Kapiteln und zur phänomenalen Liveband. Andrerseits bevölkern grotesk aufgeputzte Fabelwesen die Bühne – Bäume mit Leuchtaugen, Fuchs und Wildschwein, Zombiekinder mit Beil oder Kürbis, der Herzog samt Zelt und einem Ross, das im Takt der Songs höflich mitwippt, und allerhand andere Spielfiguren.»
Aus einzelnen Rückmeldungen der Schüler:innen wird spürbar, dass die komplexe Ästhetik der Inszenierung und das Spiel mit den Geschlechterrollen hohe Ansprüche stellen. Es sei «manchmal unklar, wo man gerade war oder was gesagt wurde», schreibt ein Schüler, und seine Kollegin meint: Die «Zombiefigur» sei zwar packend, aber auch irritierend, «weil ich nicht genau wusste, wer sie ist und was sie mit dem Stück zu tun hat».
Für manche der erste Theaterbesuch
Michael Schläpfer hat im Musikunterricht das Stück vor- und auch nachbesprochen. Ein Theaterbesuch gehört bei ihm in den dritten Klassen fix in den Lehrplan. Hatte das Theater St.Gallen früher nur für ausgewählte Vorstellungen Klassenkontingente freigegeben, so gelte dies heute für alle Vorstellungen. Entsprechend unkomplizierter sei die Planung geworden.
Käthchen (Anja Tobler) wird umgarnt vom Frauenchor.
In aller Regel freuten sich die Schülerinnen und Schüler über das Zusatzangebot, ist Schläpfers Erfahrung. Es koste sie zwar einen Abend, werde aber nicht als lästige Pflicht empfunden, sondern als Bereicherung geschätzt.
Bemerkenswert: Für manche Schüler:innen sei es der erste Schritt ins Theater überhaupt. Ein Glück, wenn dafür ein so schillerndes Stück wie der Black Rider auf dem Spielplan steht. Da hat sich das Theater St.Gallen mit Stelzfuss abgesprochen: «You must have just the right bullets».
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