«A wie Aliwander»: Der Begriff ist vermutlich nur Volkstanzfreunden geläufig. Mit ihm fängt das eigenwillige Tanz-Lexikon an, das in der Begleitzeitung zum Projekt abgedruckt ist. Mit «Z wie Zuckende Lichter» hört es auf.
Dazwischen tut sich ein Panorama von «Tanzlust, Tanzwut, Tanzsucht» auf: Assoziationen und Anekdoten zur Geschichte des Gesellschaftstanzes und der tanzenden Gesellschaft – samt den Gefühlen dahinter. Recherchiert und zusammengefügt hat die Stichworte die junge St.Galler Autorin Julia Sutter.
Der Ein-Schuh-Tango
Der Aliwander, ein Appenzeller Kreistanz, ist in seiner überlieferten Form allerdings kein Ausbund von «Tanzwut» oder grossen Emotionen – manierlich wird im Kreis geschritten und gedreht, Männer und Frauen halten sich an den Händen und meist auf Distanz. Im Stück Gemischte Beine – Bewegte Gefühle ist das anders, die Truppe packt kräftig an, der Kreistanz wird zum Wirbel.
Choreografin Gisa Frank bricht die strengen Formen immer wieder auf, erfindet neue Gesten. Der Tango fängt innig an und kippt ins Kuriose, wenn plötzlich nur noch ein Schuh und ein Bein auf dem Boden bleiben. Auch der höfische Tanz bekommt seine unhöfischen Zutaten. Und im Lindy-Hop geht es drunter und drüber.
Unter «C wie Chaos» ist im Lexikon zu lesen: «Abseits von Standardtanz und Tanzkurs, in den Kellern und Hinterzimmern, morgens um vier oder sechs, löst sich regelmässig der letzte Rest jeder bekannten Ordnung auf. Die Bässe erreichen den Unterbauch, die verbotenen Substanzen den Kopf. Das Chaos umarmt den Rausch.»
Im Stück will Gisa Frank solche Ausbrüche, aber auch die gegenteilige Erfahrung zur Geltung bringen: Denn das Festgefügte, streng Ritualisierte zahlreicher Tänze, von der barocken Chaconne bis zum Wienerwalzer, müsse nicht nur Zwang, sondern könne auch ein Glück sein. «Rituale geben Halt», sagt Frank. «Wiederholung hat eine wohlige Qualität, lässt uns Ekstase ahnen und riechen. Und die grosse Freiheit überfordert uns ja auch leicht.»
Tanz ist ein Hin und Her in vielerlei Hinsicht – vom Festgefügten zum Freien, vom Ich zum Du, von der Konzentration nach Innen zur extrovertierten Show, vom Ernst zum Humor. Im Stück ist dieses Hin und Her eine Konstante.
Erneuert: Die alte Saaltradition
Konkret wurde das Projekt dank einem Artist-in-Residence-Stipendium ihres Wohnkantons Appenzell Ausserrhoden: In Berlin forschte Gisa Frank den dortigen Tanzlokalen und der bis heute äusserst lebendigen Gesellschaftstanz-Szene nach. Legendär ist etwa «Clärchens Ballsaal» – Gäste aus Berlin werden an der Premiere in Heiden davon berichten.
Die traditionsreichen Tanzsäle in der Ostschweiz hat die in Rehetobel lebende Choreografin aber schon seit vielen Jahren im Auge. Es gibt wahre Wunderwerke darunter: den «Bären» Speicherschwendi, den Biedermeiersaal der «Linde» in Heiden, den «Löwen» Sommeri. Viele andere sind verschwunden, so der «Uhler»-Saal in St.Gallen oder der «Lindenhof» in Arbon, andere wie das «Concerthaus» in Herisau sind seit Jahrzehnten anders genutzt.
Der Uhler-Saal in St.Gallen und der Saal des Lindenhofs in Arbon. (Bilder: pd)
Einige Prachtsexemplare sind im begleitenden Lexikon zum Stück ebenfalls abgebildet, zum Beispiel unter «L wie Linde», wo man erfährt: «Früher waren die sogenannten Tanzlinden ein fester Bestandteil dörflicher Tanzkultur. In der einfacheren Version tanze man im Kreis um den Baum herum; in der luxuriöseren Variante wurden luftige Tanzpavillons direkt unter die Kronen gebaut. In der Ostschweiz aber, wo die Sommer allzu häufig nasskalt ausfielen, benannte man lieber die Gasthäuser nach dem Baum und holte die Leute zum Tanzen nach drinnen – und weil man sich zur Abkehr von der Schönheit der Natur gezwungen sah, verlegte man sich darauf, umso schönere Säle zu bauen.»
Gemischte Beine – Bewegte Gefühle: 10. Januar Krone Trogen (Vorpremiere), 11. und 12. Januar Kursaal Heiden (Premiere), 18. Januar Pförtnerhaus Feldkirch, 19. Januar Saurerareal Arbon, 22. Februar Lokremise St.Gallen, 23. Februar Kronensaal Lichtensteig, weitere Aufführungen bis Mai in Zürich, Olten, Appenzell, Triesen, Bregenz, Sommeri und Frauenfeld.
frank-tanz.ch
Für die Aufführungen hat die Truppe neben solchen Sälen aber auch Konzerträume wie den Kursaal Heiden oder das Pförtnerhaus im Konservatorium Feldkirch gesucht, offene Kunsträume wie die Ziegelhütte in Appenzell oder das Museum Vorarlberg, ausserdem urbane Lokale wie das Eisenwerk Frauenfeld oder die Lokremise St.Gallen. Tradition soll sein – aber nicht allzu heftig, sagt Gisa Frank; ein sennisch geprägter Saal wie jener im «Rossfall» Urnäsch, wo die legendären «Stobete» stattfinden, fehlt deshalb in der Liste der Aufführungsorte.
Wie in den 1920er-Jahren ein Ostschweizer Wirt mit Zelt und Musik durch die Dörfer gezogen war und zum Tanz geladen hatte, sieht auch Gisa Frank ihre Truppe als zeitgemässe «Tanzwandergesellschaft». Dazu passt, dass das Publikum jeweils vor den Vorführungen einen Tanz-Crashkurs besuchen kann und dann nach dem Finale auf die Bühne gebeten wird.
Freiwillig natürlich – denn, so steht es im Lexikon unter «P wie Pflicht»: «Freiwilligkeit gehört zum Wesen des Vergnügens, jedes Vergnügen aber wird schal, wenn ein Zwang dabei ist.»
Der Satz stammt aus dem Schweizerischen Knigge von 1938 – und bezog sich dort auf die Geschlechterrollen. Für die «Herren» sei der Tanz bloss ein «Sport» wie andere auch, für die Frauen aber sei es existentiell, zum Tanz aufgefordert zu werden. Für den Mann gehöre es wiederum zum guten Ton, zumindest mit der Gastgeberin zu tanzen – «und mit den Gattinnen von Vorgesetzten (besonders in Krisenzeiten)».
Schuhplatteln und Schildchröttle
Die wechselvolle Sozialgeschichte des Tanzes soll im Stück zwar antönen, aber im Zentrum stehen Beziehungsgeschichten, sagt Gisa Frank: Ich – Du – Wir, Individuum und Kollektiv drehen, ziehen, finden und verlieren sich auf den Brettern, die einen Abend lang die Welt bedeuten. Und sie machen dabei den ganzen Reigen von Gefühlen durch, die sich im und durch den Körper ausdrücken lassen.
Bei der Stückentwicklung habe sie vor allem mit Verben gearbeitet, «schleifen» und «schlingen», «wickeln», «drehen», «pendeln» und so weiter. Und daneben mit persönlichen Tanzerinnerungen der Mitwirkenden. Zum Beispiel dieser, im Lexikon abgedruckt: «Immer wieder besuchte ich mit meinen jeweiligen Partnern Tanzunterricht. Meistens verstand ich die Schrittfolgen schneller als sie – oder glaubte es zumindest. Jedenfalls waren wir uns stets uneinig über Was-Wo-Wie-Wann, gingen in Ärger und Enttäuschung nach Hause und bald ganz auseinander.»
Zu den Beziehungsgeschichten kommen Gebärdengeschichten hinzu, zum Beispiel das bisher in der Tanzgeschichte nicht überlieferte «Schildchröttle», immer begleitet von Livemusik der hauseigenen vierköpfigen Kapelle und wechselnden Musikgästen. Archaisches Stampfen geht in gepflegtes Füsseln und in harte Technobeats über. Und das liebe Vieh macht dem tanzenden Menschen immer wieder Konkurrenz – stolzierende Hühner, kauende Kälber oder, in einer der umwerfendsten Szenen, röhrende Hirsche.
So viele Welten auch zwischen den unterschiedlichen Tanz- und Tanzmusik-Traditionen liegen: Im Grund gehe es auf allen Tanzböden um das selbe, sagt Gisa Frank. Um drehen, hüpfen, schlaufen, pulsieren, zusammen und auseinander, hin und her.
Der hier leicht aktualisierte Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.
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