Haus Tugendhat: Der Dokumentarfilm über die Architekturikone von Mies van der Rohe hat auch einen St.Galler Bezug. Am 18. Februar zeigt das Kinok den Film mit einer Einführung von Architekt Thomas Hungerbühler und einem Gespräch mit Ruth Guggenheim-Tugendhat. Von René Hornung
Mies van der Rohe gehört zu den weltbekannten Figuren der zeitgenössischen Architekturgeschichte. Seine Bautätigkeit reichte von 1907 bis Anfang der 1970er-Jahre. Er entwarf Dutzende von bekannten Gebäuden, von der Neuen Nationalgalerie in Berlin über das Seagram-Building in New York bis zum Barcelona Pavillon – und auch das Haus Tugendhat in Brünn (Tschechien).
Zwar hat der Film seinen Ausgangspunkt in Brünn, doch die Geschichte ist eng mit St.Gallen verbunden: Die zwar jüdische, aber gesellschaftlich völlig integrierte und säkular lebende Familie Tugendhat musste acht Jahre nach dem Einzug ins Haus von Mies van der Rohe vor dem Hitler-Regime flüchten. Die Odyssee führte sie via St.Gallen nach Venezuela und wieder zurück nach St.Gallen. Fritz Tugendhat hatte über die Textilindustrie Beziehungen in die Ostschweiz.
Haus Tugendhat in Brünn, 1930. Bild: pd
Das St.Galler Atriumhaus
Das Kultur- und Architekturinteressierte Ehepaar Tugendhat liess sich nach einiger Zeit vom Architekturbüro Danzeisen und Voser an der Ludwigstrasse in Rotmonten ein Atriumhaus bauen – eine Haustypologie, die damals in St.Gallen neu war. «Die Eltern haben ihre Wohnvorstellungen aus Brünn und Venezuela in die Planung einfliessen lassen», erinnert sich die in Zürich lebende Tochter Ruth Guggenheim-Tugendhat. So bekam auch das Haus in Rotmonten einen grossen, voll verglasten Wohn- und Essraum und einen grossen Esstisch nach dem Vorbild von Brünn.
Die Architekten Danzeisen und Voser durften aber 1956 bis 1958 in Rotmonten kein Flachdach bauen. Das Haus bekam deshalb einen markanten braunen Dachaufbau, der einen optimalen Lichteinfall in den Innenhof ermöglicht. Der Neubau war damals im Quartier ebenso umstritten, wie zuvor schon das Haus in Brünn. Er wurde in St.Gallen abwechselnd als «Affenkasten», «Schweinestall», «indische Moschee» oder «Judenburg» verunglimpft.
Die Pläne sind verschollen
Fritz Tugendhat starb nur wenige Monate nach Fertigstellung des Hauses in Rotmonten. Ehefrau Grete pflegte in den folgenden Jahren als kulturinteressierte Frau die Nähe zur zeitgenössischen Kunstszene. Manch ein Apéro nach den Vernissagen der Erker-Galerie fand im Haus in Rotmonten statt. Den zwei jüngsten Töchtern, die 15- und 11-jährig nach St.Gallen kamen, wurde die Integration aber nicht einfach gemacht. «Wir sprachen zuerst nur Hochdeutsch, waren in Rotmonten eher isoliert», so Ruth Guggenheim, «aber immer im Sommer war das Haus voll, dann kam die Verwandtschaft aus der halben Welt zu Besuch.»
Nach dem Tod von Grete Tugendhat und der ebenfalls im Haus wohnenden Grossmutter wechselte das Haus Mitte der 1970er-Jahre die Besitzer. Das führte zu mehreren Umbauten. So wurde die Garage zu einem Foyer umgestaltet, der grosse Wohn- und Essbereich mit Bücherwand und Cheminée unterteilt und auch der Garten ist umgestaltet.
Die Originalpläne des Hauses sind aus dem Dossier des Nachfolgebüros von Danzeisen und Voser irgendwann verschwunden – auch zum Ärger der heutigen Besitzer. Wo die längst defekte Bodenheizung verläuft, ist nämlich nicht mehr zu rekonstruieren.
Das Titelbild zeigt das Haus Tugendhat in St.Gallen, 1930. Bild: Städtische Denkmalpflege St.Gallen
Haus Tugendhat im Kinok St.Gallen: 18., 23. und 26. Februar.
Am 18. Februar um 20 Uhr mit einer Einführung von Architekt Thomas Hungerbühler.
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