Eine hippieske Gruppe junger Menschen beschliesst 1984, Theater zu spielen. Zu fünft leben sie in einem Bauernhaus in Trogen. Als Lai:innen eignen sie sich erst einmal die Grundlagen an. «Wir haben damals unsere eigene Theaterschule gegründet», sagt Fredi Rauner. Er ist eines von drei Ensemble-Mitgliedern, die seit Anfang dabei sind. Mit einem VW-Bus fahren sie durch Europa und führen überall, wo sie landen, ihr Strassentheater auf.
«Es war ein Stück mit wenig Text, da wir in verschiedensten Sprachregionen auftraten», sagt Eveline Hauser, die ebenfalls zum Gründungsteam gehört. Im Stück trägt jedes der Mitglieder eine andere Farbe – der Name «Colori» war geboren. Nach der Tour müssen sie wieder in ihre angestammten Berufe zurückkehren – mit Strassentheater lässt sich kein Lebensunterhalt verdienen. Auch hier bringen die Ensemble-Mitglieder unterschiedliche Nuancen ein: «Ob Sozialbereich, Lehrberuf, Musik oder Therapie – wir sind unterschiedliche Typen und dennoch spielen wir schon so lange gemeinsam Theater», sagt Barbara Schällibaum, die etwas später zu Colori gestossen ist.
Seit 30 Jahren existiert das Ensemble, komplettiert durch Verena Gabathuler und Richi Diener, in seiner jetzigen Form. «Wir sind mittlerweile ein Senior:innen-Theater im Alter von 63 bis 73 Jahren», sagt Rauner. Das Alter und die damit verbundenen Interessen haben den Inhalt ihrer Arbeit geprägt – in den Anfangszeiten standen Themen wie Beziehungen und Sexualität im Vordergrund, die aktuelleren Stücke drehen sich ums Altern. «Wir haben uns aber nie in der Kunstszene bewegt, sondern Auftragstheater gemacht.» So konzipierten sie etwa ein Strassentheater zum Thema Aids, welches sie an Oberstufen, auf Pausenplätzen und sogar beim Sammelplatz fürs Openair St.Gallen aufführten. «Das war aber frustrierend – kaum kam ein Bus, war unser Publikum weg.» Dem Ensemble ist es wichtig, nicht moralisch belehrend rüberzukommen, sondern die Zuschauer:innen einzubeziehen und zum Nachdenken anzuregen.
Sinnliche Erfahrung im Theater
Nicht nur die Stücke schreibt das Theater Colori selbst, mit den theateranimierten Planspielen entwickelt es sogar eine eigene Methode, um Teilnehmer:innen eine sinnliche Erfahrung zu ermöglichen. Beispielsweise, indem sich Mitarbeitende aus dem Asylbereich selber in der Rolle einer asylsuchenden Person finden: «Wir haben eine eigene Sprache kreiert, die nicht verstanden wurde, und haben die Teilnehmenden abgeholt, in Warteräume gesteckt und sie mussten Checks über sich ergehen lassen», so Hauser.
Auch Aufträge für eine Hirnmesse gehörten zum Repertoire: «Da mussten wir Medikamente und Nervenzellen spielen, was nicht einfach war, uns aber immer wieder von neuem herausgefordert hat.» Vier bis sechs Aufträge erhielt das Ensemble pro Jahr – bis mit Corona die Auftragslage komplett einbrach.
Tiefgang zum Lachen
In ihren aktuelleren Aufträgen nähert sich das Theater Colori vermehrt den Themen Altern, Demenz und Palliative Care an. «Diese Stücke sind für uns und unser Publikum sehr berührend, sodass ab und zu auch Tränen fliessen», sagt Schällibaum. Aber nicht nur vor Trauer, denn die Stücke bieten bei allem Tiefgang auch Anlass zum Lachen.
Theater Colori: göttlich analog.
Aufführungen des Abschiedsstücks: 6., 7., 9. und 21. Dezember, jeweils 19.30 Uhr, Sala St.Gallen (Gottfried-Keller-Str. 40) sowie 29. November, 19 Uhr (öffentliche Probe), 30. November, 19.30 Uhr, und 1. Dezember, 17 Uhr, Kulturhaus Bienenstrasse Chur (ausverkaufte Veranstaltungen nicht aufgeführt).
colori.ch
Nach 40 Jahren ist für das Ensemble nun Zeit für einen Abgang in Würde. Deshalb lädt es zu seinem finalen Stück göttlich analog. Es handelt von fünf Gött:innen, die sich langweilen und durch einen Knall an ein längst vergessenes Experiment erinnert werden: die Menschheit. Die Gottheiten schauen sich das genauer an und wechseln dazu sogar in die menschliche Dimension. Der göttliche Alltag gerät durcheinander, das ewig Gültige wird infrage gestellt. Ist eine Rettung noch möglich? Das rund eineinhalb Stunden lange Stück wird im November und Dezember in St. Gallen und in Chur aufgeführt – mehrere Vorstellungen sind schon ausverkauft, Zusatzshows geplant.
Wird es den Ensemble-Mitgliedern nach dem Ende von 40 Theaterjahren – wie ihren Gottheiten – langweilig werden? Hauser: «Wir bleiben uns wie eine italienische Grossfamilie verbunden und alle haben noch vielen Ideen und Pläne – beispielsweise selber mal wieder ins Theater zu gehen.»
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