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Von Leben und Tod

Nach drei EPs in drei Jahren hat Dionys Müller alias Worries And Other Plants nun sein erstes Album veröffentlicht. Travel In Cycles ist ein sehr persönliches Werk. Der Rheintaler singt darauf von Hoffnungslosigkeit, Liebe und dem Tod seiner Grossmutter.
Von  David Gadze , 
Worries And Other Plants mit Dionys Müller (2. von links). (Bild: Andrin Fretz)

«Life is a journey, and we travel in cycles.» Mit diesen Worten beginnt das Schlussstück Travel In Cycles auf dem gleichnamigen neuen (beziehungsweise ersten «richtigen») Album von Worries And Other Plants, dem Semi-Soloprojekt des Rheintaler Musikers Dionys Müller. Es sind auch die letzten Worte, ehe der Track instrumental ausklingt. Dieser ist eine Art Coda, die diese 33-minütige musikalische Reise abschliesst. Eine Reise, die mit dem kurzen Instrumentalstück Proem – dem Prélude – beginnt.

Proem und Travel In Cycles bilden nicht die einzige Klammer. Dazwischen sind acht Songs über die Reise des Lebens. Oder besser gesagt: über das Leben und den Tod. Jede «Lebensreise» bestehe aus verschiedenen Abschnitten, die sehr individuell seien, sagt Müller. Und doch haben sie alle etwas gemeinsam: einen Anfang und ein Ende. Proem steht für die Geburt. In Forever, dem zweitletzten Song des Albums, singt Müller hingegen vom Tod seiner Nonna. «I hold her hand / that night it was cold / she’s gone / forever / we meet again / in the end», heisst es da. «Als sie starb, nahm ich ihre Hand in meine – es war extrem zu spüren, wie der Körper zu einer Hülle wird, wenn der Mensch weg ist», erzählt er.

 

Dionys Müller verpackt sehr persönliche Geschichten in seine Songs. Episoden aus dem Leben, manche explizit, andere weniger. So singt der 34-Jährige etwa in Isernia vom gleichnamigen Ort in Italien, wo sein inzwischen verstorbener Nonno, dem er sehr nahe- stand, geboren und aufgewachsen ist. Diesen Frühling reiste Müller dorthin, um mehr über seine Wurzeln zu erfahren.

In sich stimmig, aber mit zwei Seiten

Als er im Sommer 2023 begonnen habe, an neuem Material zu arbeiten, sei der Wunsch entstanden, etwas sehr Persönliches zu schaffen, «ein grösseres Werk», sagt Müller. Darum habe er sich entschlossen, diesmal ein ganzes Album aufzunehmen und nicht bloss eine EP mit einigen wenigen Tracks. Auch musikalisch verströmt der psychedelische Alternative Rock auf Travel In Cycles dieselbe Anziehungskraft, die man von Worries And Other Plants kennt. Waren die drei bisher veröffentlichten EPs Dreams & Nightmares (2021), Pieces (2022) und Badminton Beach Club (2023) trotz aller Ecken und Kanten eher luftig-leicht, hat Travel In Cycles grösstenteils einen sehr erdigen, schrofferen Sound. Das Piano ist etwas in den Hintergrund gerückt, die Gitarren dominieren. Die Songs sind mal schleppend, mal treibend, mal sphärisch, mal trippig, immer einnehmend. Femi Luna, die Worries And Other Plants diesen Sommer verlassen hat, singt auf Hope, einem brüchigen Lied voller Hoffnungslosigkeit. In Antidote ist Angela Federer zu hören, die neue weibliche Stimme der Band.

Die zehn Songs ergeben ein in sich stimmiges Bild. Und doch hat das Album – vor allem inhaltlich – zwei unterschiedliche Gesichter, entsprechend den beiden Seiten einer LP. Seite A ist melancholisch, stellenweise bedrückend, Seite B hingegen lichtdurchflutet. Auch bei der Produktion hat Müller das Album zweigeteilt: Die erste Hälfte, die Ende Mai als Cycle A digital erschienen ist, stellte er schon fertig, während er noch an den Songs für die zweite Hälfte arbeitete – auch um sich selber zu überlisten: «Ich hatte manchmal das Gefühl, ein ganzes Album allein zu produzieren würde zu gross für mich. Durch die Aufteilung fühlte es an wie zwei EPs.»

In bester Do-it-yourself-Manier

Das Album ist auf ähnliche Weise entstanden wie die drei EPs zuvor: Müller hat die Musik alleine komponiert, praktisch alle Instrumente selber in seiner Stube eingespielt und die Songs zuhause abgemischt – «mit einem kaputten Lautsprecher», wie er mit einem Lachen sagt. Nur das Schlagzeug hat er in einem Studio aufgenommen. Die Mitglieder seiner Band, mit der er seit etwas mehr als zwei Jahren live unterwegs ist, hat er bei den Aufnahmen punktuell hinzugeholt. Das habe einen einfachen Grund: «Wenn es für die Musik stimmig ist, möchte ich meine Freund:innen in die Kompositionen einbinden. Worries And Other Plants ist nicht mehr nur ein Soloprojekt, sondern ein Verbund von Menschen, und die Musik steht im Zentrum.» Der Oberrieter hat klare Vorstellungen von seiner Musik, von den Klängen, den Arrangements, den Stimmungen und dem Zusammenspiel all dieser Elemente. Diese Vorstellungen könne er am besten umsetzen, wenn er von Song zu Song schaue, wer einen Teil dazu beitragen könne.

Travel In Cycles dürfte Worries And Other Plants neuen Schub für die weitere Reise geben. Dabei ging es bisher schon schnell: Erst vor vier Jahren hatte Dionys Müller, der bis dahin vor allem als Drummer des Rock-Duos Too Mad bekannt war, sein Soloprojekt gestartet, im Sommer 2022 spielten Worries And Other Plants dann ihr erstes Konzert. Im vergangenen Jahr durften sie das OpenAir St. Gallen eröffnen, in diesem Sommer traten sie am Montreux Jazz Festival auf.

 

Für ihn habe sich damit ein Traum erfüllt, sagt der Multiinstrumentalist. Neue Songs hat er bereits im Köcher. Der nächste Reiseabschnitt ist also bereits in Planung.

 

Worries And Other Plants: Travel In Cycles ist am 20. September auf Vinyl und digital erschienen.
Live: 18. Oktober, Tap Tab Schaffhausen; 30. Oktober, Exil Zürich; 9. November, Palace St.Gallen (Plattentaufe).

worriesandotherplants.com

 

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