«Life is a journey, and we travel in cycles.» Mit diesen Worten beginnt das Schlussstück Travel In Cycles auf dem gleichnamigen neuen (beziehungsweise ersten «richtigen») Album von Worries And Other Plants, dem Semi-Soloprojekt des Rheintaler Musikers Dionys Müller. Es sind auch die letzten Worte, ehe der Track instrumental ausklingt. Dieser ist eine Art Coda, die diese 33-minütige musikalische Reise abschliesst. Eine Reise, die mit dem kurzen Instrumentalstück Proem – dem Prélude – beginnt.
Proem und Travel In Cycles bilden nicht die einzige Klammer. Dazwischen sind acht Songs über die Reise des Lebens. Oder besser gesagt: über das Leben und den Tod. Jede «Lebensreise» bestehe aus verschiedenen Abschnitten, die sehr individuell seien, sagt Müller. Und doch haben sie alle etwas gemeinsam: einen Anfang und ein Ende. Proem steht für die Geburt. In Forever, dem zweitletzten Song des Albums, singt Müller hingegen vom Tod seiner Nonna. «I hold her hand / that night it was cold / she’s gone / forever / we meet again / in the end», heisst es da. «Als sie starb, nahm ich ihre Hand in meine – es war extrem zu spüren, wie der Körper zu einer Hülle wird, wenn der Mensch weg ist», erzählt er.
Dionys Müller verpackt sehr persönliche Geschichten in seine Songs. Episoden aus dem Leben, manche explizit, andere weniger. So singt der 34-Jährige etwa in Isernia vom gleichnamigen Ort in Italien, wo sein inzwischen verstorbener Nonno, dem er sehr nahe- stand, geboren und aufgewachsen ist. Diesen Frühling reiste Müller dorthin, um mehr über seine Wurzeln zu erfahren.
In sich stimmig, aber mit zwei Seiten
Als er im Sommer 2023 begonnen habe, an neuem Material zu arbeiten, sei der Wunsch entstanden, etwas sehr Persönliches zu schaffen, «ein grösseres Werk», sagt Müller. Darum habe er sich entschlossen, diesmal ein ganzes Album aufzunehmen und nicht bloss eine EP mit einigen wenigen Tracks. Auch musikalisch verströmt der psychedelische Alternative Rock auf Travel In Cycles dieselbe Anziehungskraft, die man von Worries And Other Plants kennt. Waren die drei bisher veröffentlichten EPs Dreams & Nightmares (2021), Pieces (2022) und Badminton Beach Club (2023) trotz aller Ecken und Kanten eher luftig-leicht, hat Travel In Cycles grösstenteils einen sehr erdigen, schrofferen Sound. Das Piano ist etwas in den Hintergrund gerückt, die Gitarren dominieren. Die Songs sind mal schleppend, mal treibend, mal sphärisch, mal trippig, immer einnehmend. Femi Luna, die Worries And Other Plants diesen Sommer verlassen hat, singt auf Hope, einem brüchigen Lied voller Hoffnungslosigkeit. In Antidote ist Angela Federer zu hören, die neue weibliche Stimme der Band.
Die zehn Songs ergeben ein in sich stimmiges Bild. Und doch hat das Album – vor allem inhaltlich – zwei unterschiedliche Gesichter, entsprechend den beiden Seiten einer LP. Seite A ist melancholisch, stellenweise bedrückend, Seite B hingegen lichtdurchflutet. Auch bei der Produktion hat Müller das Album zweigeteilt: Die erste Hälfte, die Ende Mai als Cycle A digital erschienen ist, stellte er schon fertig, während er noch an den Songs für die zweite Hälfte arbeitete – auch um sich selber zu überlisten: «Ich hatte manchmal das Gefühl, ein ganzes Album allein zu produzieren würde zu gross für mich. Durch die Aufteilung fühlte es an wie zwei EPs.»
In bester Do-it-yourself-Manier
Das Album ist auf ähnliche Weise entstanden wie die drei EPs zuvor: Müller hat die Musik alleine komponiert, praktisch alle Instrumente selber in seiner Stube eingespielt und die Songs zuhause abgemischt – «mit einem kaputten Lautsprecher», wie er mit einem Lachen sagt. Nur das Schlagzeug hat er in einem Studio aufgenommen. Die Mitglieder seiner Band, mit der er seit etwas mehr als zwei Jahren live unterwegs ist, hat er bei den Aufnahmen punktuell hinzugeholt. Das habe einen einfachen Grund: «Wenn es für die Musik stimmig ist, möchte ich meine Freund:innen in die Kompositionen einbinden. Worries And Other Plants ist nicht mehr nur ein Soloprojekt, sondern ein Verbund von Menschen, und die Musik steht im Zentrum.» Der Oberrieter hat klare Vorstellungen von seiner Musik, von den Klängen, den Arrangements, den Stimmungen und dem Zusammenspiel all dieser Elemente. Diese Vorstellungen könne er am besten umsetzen, wenn er von Song zu Song schaue, wer einen Teil dazu beitragen könne.
Travel In Cycles dürfte Worries And Other Plants neuen Schub für die weitere Reise geben. Dabei ging es bisher schon schnell: Erst vor vier Jahren hatte Dionys Müller, der bis dahin vor allem als Drummer des Rock-Duos Too Mad bekannt war, sein Soloprojekt gestartet, im Sommer 2022 spielten Worries And Other Plants dann ihr erstes Konzert. Im vergangenen Jahr durften sie das OpenAir St. Gallen eröffnen, in diesem Sommer traten sie am Montreux Jazz Festival auf.
Für ihn habe sich damit ein Traum erfüllt, sagt der Multiinstrumentalist. Neue Songs hat er bereits im Köcher. Der nächste Reiseabschnitt ist also bereits in Planung.
Worries And Other Plants: Travel In Cycles ist am 20. September auf Vinyl und digital erschienen. Live: 18. Oktober, Tap Tab Schaffhausen; 30. Oktober, Exil Zürich; 9. November, Palace St.Gallen (Plattentaufe).
worriesandotherplants.com
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.