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Von Sammel- zu Kunstobjekten

Die Ausstellung «versammelt» im Open Art Museum geht anhand von Werken von Erwin Schatzmann, Hermann Reinfrank, Karsten Neumann und Matthias Kuk Krucker dem Phänomen Sammeln auf die Spur. Parallel dazu läuft die Ausstellung «collage – collected». von Larisa Baumann
Von  Gastbeitrag
Dejan Suvajac, Appezeller Flüech, undatiert, Filzstift auf Holz (Bild: pd)

Sammeln ist menschlich. Auch – oder erst recht – in einer Gesellschaft, die geprägt ist von Konsum, Überproduktion und Abfall. Nur um das Gesammelte, schön sortiert, wieder wegzuwerfen: als Altglas, Papier, Karton und vieles mehr. Ob recyclebar oder nicht, in einer Wegwerfgesellschaft sind viele Dinge kurzlebig und erfahren wenig Respekt.

Doch wer bestimmt den Wert eines Dings? Wie wird aus einem (Un-)Ding ein (Kunst-)Werk? Diesen und weiteren Fragen gehen die beiden neu eröffneten Ausstellungen im Open Art Museum in St.Gallen nach. Thematisch ineinander übergreifend, widmen sie sich dem faszinierenden Phänomen des Sammelns. Wie gestaltet sich die Sammlertätigkeit bei Künstler:innen und was bedeutet sie für den künstlerischen Prozess? Unter dem Titel «collage – collection» sind über 50 Werke aus der Museumssammlung ausgestellt. «Versammelt» heisst die zweite Ausstellung, die vier künstlerische Positionen und insgesamt über 100 Werke in den Räumlichkeiten an der Davidstrasse 44 versammelt.

Von der Utopie zur Realität

Durch die Werke erhalten die Besucher:innen Einblick in die Sammlungen von Erwin Schatzmann (*1954), Hermann Reinfrank (1951–2023), Karsten Neumann (*1963) und Matthias Kuk Krucker (*1979). Ihr Kunstschaffen kann am ehesten mit dem Begriff «Lebenskunstwerk» von Paolo Bianchi umschrieben werden. Denn «ihre Sammlungen sind Teil ihrer Lebenswelt und Ursprung ihrer Kunst, die zwischen Fluxus, Arte Povera, Konzeptkunst und Sozialer Plastik changiert», heisst es treffend im Ausstellungstext.

Karsten Neumann arbeitet seit über 20 Jahren an seiner Kunststadt Bethang, einer Fusion der Städte NürnBErg, FürTH und ErlANGen. Die «stadt der kultur und des geistes» – alles kleingeschreiben, weil in Bethang nur Eigennamen und Textanfänge gross sind – ist eine Utopie und gemäss Neumann eine «radikale Konzeptkunst». Trotzdem ist ein Teil der Utopie Realität geworden. Seit 2019 gibt es beispielsweise einen vom Fränkischen Albverein offiziell markierten «Bethang-Rundwanderweg».

Arbeiten von Karsten Neumann: Im Vordergrund <em>Leuchtobjekte in den Farben der fünf Buddha-Familien</em>, an der Wand <em>Mandala-Gemälde aus Bethang</em> aus Plastikmüll. (Bild: Larisa Baumann)

Arbeiten von Karsten Neumann: Im Vordergrund Leuchtobjekte in den Farben der fünf Buddha-Familien, an der Wand Mandala-Gemälde aus Bethang aus Plastikmüll. (Bild: Larisa Baumann)

In der Ausstellung ist «Malerei aus Plastikmüll» ausgestellt (Mandala-Gemälde aus Bethang), darunter Leuchtkanister mit je einer Postleitzahl der 37 Bezirke Bethangs. Sie sind Teil der 2021 gestarteten Aktion «37 bäume für Bethang». Wer einen Kanister kauft, finanziert damit die Pflanzung eines Baums im öffentlichen Raum des entsprechenden Bezirks.

Bei Reinfrank ist die Verpackung ein Artefakt

Einen kritischen Blick auf unsere Gesellschaft ermöglicht auch das durch Konsequenz geprägte Lebenswerk von Hermann Reinfrank. Der St.Galler Konzeptkünstler der Farbe Grün ist im Mai 2023 überraschend verstorben und hinterliess eine umfangreiche Materialsammlung. Die Association Verdre – vertreten durch Jan Buchholz, Martin Amstutz und Michael Felix Grieder – hat es sich zur Aufgabe gemacht, Reinfranks komplexes Werk zusammenzuführen, um es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

<em>Objekt 021</em> von Hermann Reinfrank, präsentiert von der Association Verdre, im Bild vertreten durch Jan Buchholz und Martin Amstutz. (Bild: Larisa Baumann)

Objekt 021 von Hermann Reinfrank, präsentiert von der Association Verdre, im Bild vertreten durch Jan Buchholz und Martin Amstutz. (Bild: Larisa Baumann)

Im Open Art Museum ist als pars pro toto das Objekt 021 zu sehen. Gut verpackt, gibt es nichts über seinen Inhalt preis. Im Sinne Reinfranks ist die Verpackung kein (minderwertiges) Nebenprodukt, sondern ein Artefakt mit informativem, wenn nicht sogar kommunikativem Wert. 021 ist die Inventarnummer von Verdre, passt aber zu Reinfrank, da es eine Fibonacci-Zahl ist und die Quersumme drei besitzt. An solchen mathematischen Überlegungen hatte Reinfrank Freude, beispielsweise liess er auch seine Installationen Nautilus und Nautilus II (2002), eine spiralförmige Plastik aus mehreren Tausend grünen Bierdosen, exakt nach Fibonaccis Zahlenreihe aufbauen.

Ein «Land von morgen» aus Recyclingmaterial

Bunt geht es mit Erwin Schatzmanns Morgenland Off Space weiter. Seit 2009 baut er am Stadtrand von Winterthur aus Recyclingmaterial das «Land von morgen»: eine sich ständig ändernde Wohn- und Arbeitsstätte, ein Ort der Begegnung und Freundschaft, eine Soziale Plastik. Basis all dessen ist Schatzmanns Überzeugung, dass er kein Teil der Wegwerfgesellschaft sein will.

Werke aus dem <em>Morgenland Off Space</em> von Erwin Schatzmann, mit dem Künstler selbst im Bild. (Bild: Larisa Baumann)

Werke aus dem Morgenland Off Space von Erwin Schatzmann, mit dem Künstler selbst im Bild. (Bild: Larisa Baumann)

Der Künstler findet es manchmal schwierig, sich in der Sammlung nicht zu verlieren, und er muss innehalten und sich überlegen, was er noch tun möchte. Eingeladen innezuhalten sind auch die Ausstellungsbesucher:innen: Auf fantasievoll selbstgeschnitzten und fröhlich bunt bemalten Holzstühlen dürfen sie sich hinsetzten und die sie umgebende schatzmanisierte Welt auf sich wirken lassen.

Brauchtum aus anderer Perspektive

Aus ähnlichem Holz wie Erwin Schatzmann ist auch Matthias Kuk Krucker geschnitzt, wie er selbst sagt. Seit 1999 wohnt und arbeitet er in der «Villa Sommertal» in Schwellbrunn. Hier hat er seine eigene Welt erschaffen: Nicht nur die vielen Sammlungsstücke im Haus, sondern auch die Fassade und der Garten, alles ist dem Kukismus unterworfen. Seine Vorliebe für Objekte der Appenzeller Kultur widerspiegelt sich auch in den Ausstellungsstücken. Kuk ist fasziniert von Brauchtum und kultureller Aneignung. Mit grossem Respekt begegnet er Dingen und Menschen, was ihn nicht davon abhält, mit seinem Kukismus konservative Ansichten zu durchbrechen und aufzuzeigen, dass es im Brauchtum auch noch andere Ansichten gibt.

Sammlungsstücke und Werke von Matthias Kuk Krucker, mit dem Künstler selbst neben der Museumsleiterin Monika Jagfeld. (Bild: Larisa Baumann)

Sammlungsstücke und Werke von Matthias Kuk Krucker, mit dem Künstler selbst neben der Museumsleiterin Monika Jagfeld. (Bild: Larisa Baumann)

So vielfältig sich der künstlerische Umgang mit Fundstücken und gesammelten Dingen gestaltet, gemeinsam ist ihm der Respekt gegenüber diesen und die Wertschätzung des Materials.

Das wird auch in der Sammlungsausstellung «collage – collection» gut sichtbar. Von der klassischen Collage bis zur Objektcollage und Rauminstallation sind alle Werke aus gesammelten Dingen erschaffen. Wobei «Dinge» im Fall von Dejan Suvajac (*1992) auch gesammelte Wörter sein können. Die insgesamt 14 Kunstschaffenden eröffnen uns durch Reststücke, die sie zu neuen Kompositionen zusammengefügt haben, einen anderen Blick auf Alltagsobjekte.

Während der Laufzeit der Ausstellungen werden wechselnde Sammlungsstücke aus Privatsammlungen auf dem weissen Sockel im Kabinett zu sehen sein. Im Rahmenprogramm wird dazu eingeladen, sich im Open Art Museum zu diversen Gesprächen, aber auch zu Besichtigungen von Sammlungen an verschiedenen Orten zu versammeln.

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Karsten Neumann,  

Schöne Rezension, vielen Dank!

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