Wer im Kunst(Zeug)Haus in Rapperswil-Jona die Haupttreppe hinaufsteigt, kommt unweigerlich an einem Hut auf einer Stange vorbei. Jede:r kann frei entscheiden, ob sie oder er den Hut grüssen, nur betrachten oder gar ignorieren will. Ohne Konsequenzen erreicht man den obersten Treppenabsatz und somit die Ausstellung «frei» der IG Halle. Der aufgestellte beziehungsweise ausgestellte Hut gehört demnach auch nicht dem Landvogt Gessler aus der Tellsage, sondern Erwin Schatzmann (*1954), einem von fünf Kunstschaffenden, die in dieser Gruppenausstellung mit Werken vertreten sind.
«frei» bildet den Abschluss der Ausstellungstrilogie «weit – wild – frei», die 2020 ihren Anfang nahm. Kurator Guido Baumgartner greift anhand der künstlerischen Positionen verschiedene Aspekte des Themas auf. Es geht um Freiheit in der Kunst, in der Gesellschaft und ganz allgemein darum, was Freisein bedeuten kann. An Begleitanlässen wird unter anderem eine Podiumsdiskussion zu Menschenrechten und Freiheit in der Schweiz sowie im digitalen Raum geführt und es wird über die Realität des freien Künstlerlebens diskutiert.
Vergänglichkeit in Bildern
In drei Serien hängen links und rechts der Haupttreppe, an der Südwand, Fotografien von Patrik Fuchs (*1973). Perfekt in Szene gesetzt und überscharf zeigen sie Ballone, Nistkästen und Drahtzaunisolatoren. Allen Objekten gemein ist, dass sie vom Menschen geschaffen und von der Natur verwittert sind.
Fotografien aus Patrik Fuchs‘ Serie «Nistkasten: Nr. 16, Nr.17, Nr.10, Nr. 14 (alle 2011) und Nr. 03 (2008).
Denn Fuchs hat die Objekte draussen in der Natur entdeckt, eingesammelt und in seinem Atelier fotografiert. Seine Werke erzählen von Vergänglichkeit. Auch Freiheit ist vielmehr eine Momentaufnahme als ein konstanter Zustand und oftmals wird uns erst durch den Verlust derselben bewusst, wie frei wir zuvor waren.
Ähnlich wie ein Nistkasten für Wildvögel einerseits Schutz und andererseits Abhängigkeit bedeutet oder ein Zaun für Nutztiere Schutz, aber auch Gefangenschaft, sind die Tiere und Figuren von Marlis Spielmann (*1953) ebenfalls in einem (Verhaltens-)Muster gefangen. Das filigrane Muster ihrer grossformatigen Scheren- und Messerschnitte wirkt aber gleichzeitig verbindend. Ihre neuste Arbeit, an der sie ungefähr sechs Monate gearbeitet hat, heisst Kettentanz (2023).
Ausschnitt aus Marlis Spielmanns Scherenschnitt «Kettentanz» (2023).
Im Zentrum des kolorierten Scherenschnittes stehen Frauen im Reifrock, die sich gegenseitig halten: Eine Geste für den nötigen Zusammenhalt von Frauen in einer Gesellschaft, in der eine Gleichstellung der Geschlechter – auch im Kunstbetrieb – noch zu wünschen übrig lasse, wie die Künstlerin erklärt. Je länger man die Scherenschnitte betrachtet, desto mehr Details und bewusst geschaffene Asymmetrien treten hervor.
Eine Töpferscheibe als Malutensil
An den Arbeiten von Sandra Capaul (*1965) lässt sich eine freie Entwicklung nachvollziehen. Ausgangspunkt bildet eine Töpferscheibe, die sie für ihre Zwecke umgenutzt hat. Auf eine darauf fixierte und sich unterschiedlich schnell drehende Arbeitsfläche lässt sie Lack fliessen. Auf diese Weise entstanden ist zum Beispiel Sulfurous 1-11 (2022). Weil der Lack bei schnellen Drehrhythmen aber über die Arbeitsfläche hinaus in ihr Atelier spritzte, fing sie an, mit schützenden Papierbahnen zu experimentieren, woraus sich Arbeiten wie White Noise 6 (2023) und später Installationen wie Circus of the Sun 2, 3, 4 (2023) entwickelten. Dies ein Titel in Anlehnung an das gleichnamige Gedicht von Robert Lax.
Susanne Lyner (*1949) hat während einer Künstlerresidenz in Nairs eine Technik entwickelt, durch die sie Farbe von ihrem Träger befreit. Farbwandern VI (ab 2007) erscheint wie ein farbenfroher Flickenteppich.
«Farbwandern VI» (ab 2007) von Susanne Lyner.
Die rechteckigen, gleich grossen Stücke bestehen ausschliesslich aus sich netzartig überlagernder, gespritzter Acrylfarbe. Immer zwei verschiedenfarbige Gebilde werden übereinandergelegt, wodurch ein geschicktes Farbspiel entsteht.
Im Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Loslassen
Die beiden Techniken von Capaul und Lyner zeichnen sich durch ein Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Loslassen aus. Eine Zweischneidigkeit, durch die sich auch Freiheit auszeichnet. Erwin Schatzmann hat mit Schweini. Eine Fabel über Freiheit und Anpassung (2022) ein Buch mit autobiographischen Zügen geschrieben. Der Künstler versucht Freiheit zu leben. Sein «Morgenland Off Space» in Winterthur vereint Wohn-, Arbeits- und Ausstellungsort und ist Treffpunkt einer «Sozialen Plastik» – ein durch Joseph Beuys geprägter Begriff einer gesellschaftsverändernden Kunst, in der jeder Mensch durch kreatives Denken und Handeln zum Wohl einer Gesellschaft beitragen kann.
Bunt bemaltes Kleidungsstück und eine Skulptur aus dem «Morgenland Off Space» von Erwin Schatzmann.
In der Ausstellung «frei» können die Besucher:innen gewissermassen in Schatzmanns Universum eintauchen: In kräftigen Farben bunt bemalte Objekte, selbst gestaltete Kleidungsstücke und Zeichnungen, die in dieser Breite erstmals ausgestellt sind, zeigen einen kleinen Ausschnitt aus dem «Morgenland», das als Gesamtkunstwerk und Work in progress gelten kann. In einer Ecke hängt ein eher unscheinbares, da vorwiegend weisses, von Schatzmann gestaltetes Schild. Es trägt die Aufschrift «Ausweg» und weist in Richtung des «Morgenland»-Kosmos. Wie das zu interpretieren ist, sei jeder und jedem freigestellt.
«frei»: 27. August bis 5. November, Kunst(Zeug)Haus Rapperswil-Jona
Ausstellung und Rahmenprogramm: www.ighalle.ch/ausstellungen/detail/frei
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