Kategorie
Autor:innen
Jahr

«The world looks perfect – it is not»

Die britische Künstlerin Alice Channer präsentiert ihre Werke in Appenzell. «Heavy Metals / Silk Cuts» zeigt ihren spielerischen Umgang mit unterschiedlichsten Materialien, vom bedruckten Seidenstoff bis zum zweckentfremdeten Meer aus Plastikpellets. Immer im Bewusstsein um die Fragilität der Ökologie. von Larisa Baumann
Von  Gastbeitrag
Metall und Seide: Alice Channer kombiniert die Materialien spielerisch. (Bild: pd)

Alice Channer, 1977 in Oxford geboren, war 2021 bereits an der Liverpool Biennale, 2013 an der 55. Biennale von Venedig und 2010 an der Glasgow International mit Werken vertreten. Die Künstlerin, die in London lebt und mit Skulpturen arbeitet, wirkte neben mehreren Einzelpräsentationen auch in zahlreichen Gruppenausstellungen, unter anderem in Hamburg, Montpellier, Beirut und New York, mit.

«Heavy Metals / Silk Cut»: Solopräsentation von Alice Channer, bis 8. Oktober, Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell

kunstmuseum-kunsthalle.ch

Auf die Einladung von Stefanie Gschwend, Direktorin und Kuratorin von Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell, gleich beide Häuser zu bespielen, entstand die Solopräsentation «Heavy Metals / Silk Cut». Die Ausstellung hat Anfang Juli ihre Tore geöffnet. Sie überrascht mit neuen Werken, darunter einer architektonischen Intervention, und gibt einen Überblick über Channers Schaffen des letzten Jahrzehnts. Begleitet wird sie von einem informativen Booklet. Es darf als kleiner Vorgeschmack auf den umfassenden monografischen Katalog gelten, der anlässlich der Ausstellung im September erscheinen wird.

Spiel mit Materialien

Der Titel «Heavy Metals / Silk Cut» verrät bereits viel über Alice Channers Arbeitsweise. Abgesehen davon, dass beide Wortpaare als Werktitel wiederzufinden sind, werden sich zwei sehr unterschiedliche Materialien gegenübergestellt: das harte, starre und kalte Schwermetall sowie die weiche, geschmeidige und leichte Seide.

Materialien spielen in Channers Skulpturen und Installationen eine Hauptrolle. Meist vereint sie Gegensätzliches wie Stabiles und Fragiles, Neues und Vergangenes, Horizontales und Vertikales, Künstliches und Organisches oder Handgemachtes und industriell Gefertigtes in einem Werk und löst dabei nicht nur sichtbare, sondern auch emotionale Ambivalenzen aus.

«Silk Cut» ist auch der Name einer britischen Zigarettenmarke und als Verweis auf eine Werbekampagne der Agentur Saatchi & Saatchi aus den 1980er-Jahre zu verstehen. Statt des zu bewerbenden Produkts zeigte das grossformatige Plakat lediglich einen glamourösen, in Falten liegenden, violetten Satinstoff, der einen Schnitt aufweist. Alice Channer sah dieses Plakat als Kind in London und es hinterliess bei ihr – Material und Aktion zeigend, verführerisch und zerstörerisch zugleich – einen prägenden Eindruck.

Nicht zuletzt referiert der Titel auch auf die beiden Ausstellungsorte: «Heavy Metal» im Kunstmuseum, einem Betonbau mit einer Fassade aus sich schuppenähnlich überlagernden Chromstahlblechen und «Silk Cut» in der Kunsthalle, einem – zumindest von aussen – leichteren Holzbau.

Alice Channer will mit ihrer Kunst Erwartungen widerlegen. Megaflora (2021) beispielsweise ist eine monumentale, aus Aluminium sandgegossene Brombeerranke. Beim Umrunden der Arbeit, die in der Kunstgiesserei St.Gallen entstand, zeigt sich, dass sie innen hohl ist.

In ihren Werken rückt die Künstlerin Prozesse und Beziehungen in den Vordergrund, die uns in der industriellen und konsumorientierten Welt absichtlich verborgen bleiben. An ihren Objekten, die sie häufig in Industriebetrieben bearbeitet, die mit der Produktion von Kunst nichts zu tun haben, lässt Channer die Spuren der Maschinen und Handwerker:innen stehen. Diskret und doch präzise führt sie uns Auswirkungen unseres Handelns und unseres Umgangs mit Rohstoffen und der Umwelt im Allgemeinen vor Augen.

Ein Meer aus Plastikpellets

Besonders eindrücklich zeigt sich das in der begehbaren Skulptur Birthing Pool (2019). Es ist ein Raum, der gefüllt ist mit schwarzen Pellets aus recyceltem HDPE; einem omnipräsenten Rohstoff für unterschiedlichste Produkte. Die hier verwendeten Pellets kommen aus einer Autofabrik in Polen, wo sie Reste oder sogenanntes «Material im Prozess» waren. In der Mitte des Raums befindet sich eine mit Stahl umrahmte Form, die geschichtete und gefaltete Textilien enthält: zum Beispiel Damenleggins, die Channer über Ebay gekauft hat.

Es fühlt sich überraschend angenehm an durch den Raum zu stapfen und sich in die Plastikmasse zu setzen. Doch beim Hinausgehen kommt das eine oder andere Pellet mit und es entsteht gewissermassen eine Verschmutzung des Nebenraums durch Makroplastik. Der ästhetische Reiz der Skulptur steht dem Wissen gegenüber, dass wir durch Kunststoffprodukte, Kosmetik oder synthetische Kleidung Mikroplastik in die Natur tragen.

Eine ähnliche Zwiespältigkeit ruft Rockpool (2023) hervor. Eine Art Pool, der nicht mit Wasser, sondern mit Salz gefüllt ist. Die raumübergreifende Skulptur verweist einerseits auf die Steinsalzgewinnung in den (Schweizer) Bergen, andererseits auf ausgetrocknete Gewässer. Die Form ist derjenigen einer Ölpestlache im Golf von Mexiko nachempfunden. Die Referenz zur Ölkatastrophe von 2010 steht in einem starken Kontrast zum reinen, weissen Salz – übrigens Streusalz, das im Winter wieder seine ursprüngliche Funktion erfüllen und auf die Strassen von Appenzell gestreut wird.

Mit Pangolin (2023) schafft Alice Channer eine ortsspezifische Intervention an den Stoffstoren des Kunstmuseums. Dazu inspiriert hat sie ein Besuch im Naturmuseum St.Gallen, wo sie ein Schuppentier sah und vom Fund eines Fossils einer neuen Pangolin-Art erfuhr, die vor circa 2 Millionen Jahren in Europa lebte. Bei diesem Werk handelt sich um den Druck einer Fotografie einer Skulptur aus gefalteter Seide, auf die zuvor bereits eine digital bearbeitete Fotografie appliziert wurde. Das Muster erinnert an die Schuppen des Pangolins, nimmt die Fassadenstruktur des Kunstmuseums auf und bildet mit Soft Sediment Deformation (Iron Bodies) (2023) in der Kunsthalle einen schönen Übergang der beiden Ausstellungsorte. Und ja, es gibt auch eine Schattenseite. Schuppentiere gehören zu den am meisten gewilderten Tiere weltweit.

Verweise auf die Fragilität der Ökologie ziehen sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung und so hallen die Worte der Künstlerin auch nach dem Museumsbesuch noch nach. Im Plastikkügelchen-Meer von Birthing Pool sitzend weist Alice Channer zum Fenster hinaus auf die idyllisch anmutende Appenzeller Landschaft und meint: «Even if the world looks perfect – it is not! Art can help us to see that.»

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Sze­na­ri­en für die Vo­lie­re im St.Gal­ler Stadt­park

Noch bis in den Herbst hin­ein und auch in den zwei fol­gen­den Som­mern bleibt die Vo­lie­re im Stadt­park ei­ne Bu­vet­te. Ab 2029 wird sie zur «Mai­son des œufs», zum di­dak­ti­schen Hüh­ner­hof. Die ein­ge­reich­ten Ideen sa­hen noch ganz an­de­re Nut­zun­gen vor.

Von  René Hornung
Maison des oeufs 1

Stimm­bür­ger:in­nen ent­schei­den über Tem­po 30 auf Haupt­stras­sen

Der Streit ums St.Gal­ler Ver­bot von Tem­po 30 auf Haupt­ver­kehrs­ach­sen geht in die nächs­te Run­de: Das Re­fe­ren­dums­ko­mi­tee hat die not­wen­di­gen Un­ter­schrif­ten ge­gen ei­ne Än­de­rung des kan­to­na­len Stras­sen­ver­kehrs­ge­set­zes ein­ge­reicht. Da­mit wird das Stimm­volk über die Fra­ge ent­schei­den. 

Von  Reto Voneschen
Tempo 30 1 reto voneschen

Kolumne: 24/7 Traumacore

He­al­ing Jour­ney von Wil nach Wie­ner Neu­stadt

Von  Mia Nägeli

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 6

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 6: «Weg­war­te 002», Sur le Lac, Win­ter­thu­rer Mu­sik­fest­wo­chen und Schloss­fest­spie­le Wer­den­berg. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Ragazzi di vita 2024

Ben­fi­ca vs FC St.Gal­len 5:0 – Wei­ter geh­t's in der Con­fe­rence Le­ague

Der FCSG kriegt beim Aus­wärts­spiel in Lis­sa­bon die Gren­zen deut­lich auf­ge­zeigt. Sie ver­lie­ren das Spiel 0:5. Da­mit geh­t's für den FCSG jetzt ge­gen She­riff Ti­ras­pol in der Con­fe­rence Le­ague wei­ter. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bild­ge­wal­ti­ges Epos mit nach­hal­ti­gem Sei­ten­ef­fekt

No­ti­zen zu Chris­to­pher Nolans The Odys­sey

Von  Florian Vetsch
Odysseus und Athene

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Braun leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2

Neues Buch

Zwi­schen Cha­os und Hoff­nung – La­ra Stolls Gun­ni

Von  Kathrin Reimann
215790

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 5

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 5: Emil Brun­ner – «Berg Kind Welt», Ra­pid Open­air und Kul­tur­ufer. 

Von  Redaktion Saiten
DSC05051 Kopie copy

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess