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Vorpubertät als Kunst und Protest: Knöppel

Besser geht Realismus derzeit nicht. Oder warum Knöppel trotz vorpubertärem Tonfall den Ungeist der Zeit trifft. Ein Kommentar.
Von  Rolf Bossart , 
Von links: Marc Jenny, René Zosso und Daniel Mittag.

In einem bemerkenswerten Artikel im Tages Anzeiger (Freitag 15. Dezember 2017) schreibt Philippe Zweifel über die St.Galler-Dialekt Band Knöppel (vormals Jack Stoiker) mit Texter und Sänger Daniel Mittag, Marc Jenny (Bass) und René Zosso (Percussion): «Es kommt ganz sicher vor, dass die Menge aus vollen Kehlen Songzeilen mitbrüllt, die Masturbation als Universallösung feiern.»

Dem kann man als langjähriger Freund der Band nur beipflichten. Und wenn man die Stimmung an den Stoiker-/Knöppel-Konzerten kennt, muss man noch hinzufügen, dass es dem «Familienvater, der in den hinteren Reihen intellektuell mitlächelt» (Philippe Zweifel) auch gerne mal eine Beklemmung beschert, nicht genau zu wissen, warum jetzt gerade die von Stoiker schon in den 90ern verlachten «tätowierten Spiesser» gerade bei diesem Song in Fahrt kommen oder ob die männliche Selbstkritik beim Mitgrölen bei «d’Fraue sind alles Schlampe und d’Gsellschaft isch verloge» und die schon fast mythologische Ambivalenz bei «I ha di immer no gern, au wenn du d’Periode hesch», sarkastisch ignoriert wird.

Aber genau genommen kommt die Beklemmung mindestens zur Hälfte davon, dass man den «tätowierten Spiessern» die Selbstironie, die man selber zu haben glaubt, nicht zutraut und dass man die eigenen Baustellen aus 5000 Jahren Patriarchatsgeschichte nicht wahrhaben will.  Aber Stoiker-/Knöppel-Songs sind eben meistens so durchtrieben zweideutig, dass das Grölen und das intellektuelle Mitlächeln oder das Hemmungslose und das Hemmende sich gegenseitig in Schach halten.

 

Natürlich kann man den Wechsel von Stoikers Hetero-Primitivo-Abarbeitung an der Geschlechterdifferenz zur Knöppel-Konzentration auf das eigene Geschlechtsteil (alle Knöppelsongs handeln irgendwie vom Wichsen und Wichsers), also vom «Pubertären», wie Daniel Mittag treffend sagt, zum «Vorpubertären» auch als Spiegelung eines Rückzugs verunsicherter Männlichkeit auf sich selbst lesen. Ein Rückzug, der aber eigentlich in der Knöppelwelt weder ein narzisstischer noch ein resignativer ist.

Viel eher ein kynischer in der Tradition des griechischen Gossen-Philosophen Diogenes von Sinope, der auf dem Marktplatz jeweils öffentlich uriniert und onaniert haben soll. Diese Demonstration körperlicher Grundbedürfnisse inszenierte Diogenes als materialistischen Kern des Menschen also als das, was einem Menschen noch bleibt, wenn man ihm alles nimmt. Und es war zugleich der Protest gegen eine Gesellschaft, die die Armen bis auf die Grundbedürfnisse aller Kultur entkleidet und diese dann in ihrer Nacktheit und Körperlichkeit verachtet und skandalisiert.

Und klingt nicht derselbe Protest aus den folgenden Knöppel-Zeilen? «Mini Turnschue min Charakter min Musiggschmack – chönd ehr alles haa (…) Chönd wiiter mit em Finger uf mi zeige – i bi‘s sowieso gsii. Gett nu öppis, do hört de Schpass uuf – öppis goot eu nüüt aa. Figged nöd mit mim Glied – Wenn ein da tör denn ii Figged nöd mit mim Glied – da isch’s einzig wommer no bliibt.» Und scheint nicht gar etwas von alter Klassenbewusstsein-Bildung auf in dem Satz, den Stoiker im Video gegen die Durchsetzungsinitiative der SVP spricht: «I wött nöd besser dostoh vor Gricht als en Secondo, das isch für mich e Froog vo der Ehr.»

Angesichts solcher Texte erscheint zwar die Frage, warum Stoiker, der sich in einem Youtube-Video auch für die Wahl Paul Rechsteiners in den Ständerat einsetzte («Er chunt denn nöd zu dir hei, sondern mir schicked ihn uf Bärn»), keine politischen Songs schreibe, etwas gesucht. Die Antwort lohnt sich aber dann doch: «(…) Ausserdem wollen wir ja auch der anderen Seite Platten verkaufen.»

 

Vielleicht sollte man, wie jüngst wegen des Vormarschs der Rechten debattiert wird, ja wirklich mit der «anderen Seite» nicht allzu oft diskutieren, aber ihr Platten zu verkaufen ist nicht die schlechteste Strategie. Oder sie in Konzerte zu laden, wo das Grölen nicht gleichbedeutend ist mit «die Sau rauslassen», und das lustvolle Spiel mit der stets unerledigten Vor- und Hauptpubertät grundsätzlich ohne Erniedrigung und Dämonisierung des anderen und des eigenen möglich ist.

Letztlich ist vielleicht Knöppel auch eine Art notwendige Selbtironisierung der ebenfalls notwendigen Political Correctness, ohne den Lockungen des nazihaften «man wird ja wohl noch sagen dürfen» zu erliegen. Vielleicht…vielleicht auch nicht ganz.

Aber ich für meinen Teil muss jedenfalls gestehen, dass in vielen meiner dialektischen und schwierig zu lesenden politischen Essays am Ende der Kerngedanke sich auch nicht viel anders darstellt als in diesem Knöppelvers: «Em Grosmami sin Kafi isch volle Koffein! I de Tonfischdose hätt’s in Wörklichkeit Delphin! Jede wo en Bart hät isch en Terrorischt! Und i jedem zweite Opel Corsa sitzt en Polizischt! Sorry, aber d’Wohrheit isch halt äbe immer unaagnehm! Alls isch e Problem ehr Wichser, alls isch e Problem!» Besser geht Realismus derzeit nicht.

Das Konzert heute Abend im Salzhaus Winterthur ist ausverkauft. Das nächste Konzert in St.Gallen findet am 26. januar in der Grabenhalle statt.

Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

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Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

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Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

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Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

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Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

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Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
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Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

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2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

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Vom Le­ben und Schrei­ben

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Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

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Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

Hoff­nung in ei­ner ver­stei­ner­ten Welt

Von Richard Butz,
Bildschirmfoto 2026 10 28 um 16 11 18

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter