In einem bemerkenswerten Artikel im Tages Anzeiger (Freitag 15. Dezember 2017) schreibt Philippe Zweifel über die St.Galler-Dialekt Band Knöppel (vormals Jack Stoiker) mit Texter und Sänger Daniel Mittag, Marc Jenny (Bass) und René Zosso (Percussion): «Es kommt ganz sicher vor, dass die Menge aus vollen Kehlen Songzeilen mitbrüllt, die Masturbation als Universallösung feiern.»
Dem kann man als langjähriger Freund der Band nur beipflichten. Und wenn man die Stimmung an den Stoiker-/Knöppel-Konzerten kennt, muss man noch hinzufügen, dass es dem «Familienvater, der in den hinteren Reihen intellektuell mitlächelt» (Philippe Zweifel) auch gerne mal eine Beklemmung beschert, nicht genau zu wissen, warum jetzt gerade die von Stoiker schon in den 90ern verlachten «tätowierten Spiesser» gerade bei diesem Song in Fahrt kommen oder ob die männliche Selbstkritik beim Mitgrölen bei «d’Fraue sind alles Schlampe und d’Gsellschaft isch verloge» und die schon fast mythologische Ambivalenz bei «I ha di immer no gern, au wenn du d’Periode hesch», sarkastisch ignoriert wird.
Aber genau genommen kommt die Beklemmung mindestens zur Hälfte davon, dass man den «tätowierten Spiessern» die Selbstironie, die man selber zu haben glaubt, nicht zutraut und dass man die eigenen Baustellen aus 5000 Jahren Patriarchatsgeschichte nicht wahrhaben will. Aber Stoiker-/Knöppel-Songs sind eben meistens so durchtrieben zweideutig, dass das Grölen und das intellektuelle Mitlächeln oder das Hemmungslose und das Hemmende sich gegenseitig in Schach halten.
Natürlich kann man den Wechsel von Stoikers Hetero-Primitivo-Abarbeitung an der Geschlechterdifferenz zur Knöppel-Konzentration auf das eigene Geschlechtsteil (alle Knöppelsongs handeln irgendwie vom Wichsen und Wichsers), also vom «Pubertären», wie Daniel Mittag treffend sagt, zum «Vorpubertären» auch als Spiegelung eines Rückzugs verunsicherter Männlichkeit auf sich selbst lesen. Ein Rückzug, der aber eigentlich in der Knöppelwelt weder ein narzisstischer noch ein resignativer ist.
Viel eher ein kynischer in der Tradition des griechischen Gossen-Philosophen Diogenes von Sinope, der auf dem Marktplatz jeweils öffentlich uriniert und onaniert haben soll. Diese Demonstration körperlicher Grundbedürfnisse inszenierte Diogenes als materialistischen Kern des Menschen also als das, was einem Menschen noch bleibt, wenn man ihm alles nimmt. Und es war zugleich der Protest gegen eine Gesellschaft, die die Armen bis auf die Grundbedürfnisse aller Kultur entkleidet und diese dann in ihrer Nacktheit und Körperlichkeit verachtet und skandalisiert.
Und klingt nicht derselbe Protest aus den folgenden Knöppel-Zeilen? «Mini Turnschue min Charakter min Musiggschmack – chönd ehr alles haa (…) Chönd wiiter mit em Finger uf mi zeige – i bi‘s sowieso gsii. Gett nu öppis, do hört de Schpass uuf – öppis goot eu nüüt aa. Figged nöd mit mim Glied – Wenn ein da tör denn ii Figged nöd mit mim Glied – da isch’s einzig wommer no bliibt.» Und scheint nicht gar etwas von alter Klassenbewusstsein-Bildung auf in dem Satz, den Stoiker im Video gegen die Durchsetzungsinitiative der SVP spricht: «I wött nöd besser dostoh vor Gricht als en Secondo, das isch für mich e Froog vo der Ehr.»
Angesichts solcher Texte erscheint zwar die Frage, warum Stoiker, der sich in einem Youtube-Video auch für die Wahl Paul Rechsteiners in den Ständerat einsetzte («Er chunt denn nöd zu dir hei, sondern mir schicked ihn uf Bärn»), keine politischen Songs schreibe, etwas gesucht. Die Antwort lohnt sich aber dann doch: «(…) Ausserdem wollen wir ja auch der anderen Seite Platten verkaufen.»
Vielleicht sollte man, wie jüngst wegen des Vormarschs der Rechten debattiert wird, ja wirklich mit der «anderen Seite» nicht allzu oft diskutieren, aber ihr Platten zu verkaufen ist nicht die schlechteste Strategie. Oder sie in Konzerte zu laden, wo das Grölen nicht gleichbedeutend ist mit «die Sau rauslassen», und das lustvolle Spiel mit der stets unerledigten Vor- und Hauptpubertät grundsätzlich ohne Erniedrigung und Dämonisierung des anderen und des eigenen möglich ist.
Letztlich ist vielleicht Knöppel auch eine Art notwendige Selbtironisierung der ebenfalls notwendigen Political Correctness, ohne den Lockungen des nazihaften «man wird ja wohl noch sagen dürfen» zu erliegen. Vielleicht…vielleicht auch nicht ganz.
Aber ich für meinen Teil muss jedenfalls gestehen, dass in vielen meiner dialektischen und schwierig zu lesenden politischen Essays am Ende der Kerngedanke sich auch nicht viel anders darstellt als in diesem Knöppelvers: «Em Grosmami sin Kafi isch volle Koffein! I de Tonfischdose hätt’s in Wörklichkeit Delphin! Jede wo en Bart hät isch en Terrorischt! Und i jedem zweite Opel Corsa sitzt en Polizischt! Sorry, aber d’Wohrheit isch halt äbe immer unaagnehm! Alls isch e Problem ehr Wichser, alls isch e Problem!» Besser geht Realismus derzeit nicht.
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