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Welche Lieder wird die neue Zeit bringen?

«The Time of Our Singing», Kris Defoorts vierte Oper, schafft es, eine afroamerikanische Familiengeschichte zu erzählen, die trotz der potenziellen Distanz zu einem St.Galler Publikum berührt. von Charles Uzor
Von  Gastbeitrag
Naomi Simmonds und Joshua Stewart. (Bilder: Edyta Dufaj)

Die von Ted Huffmann inszenierte Produktion entstand in Koproduktion des Theaters St.Gallen mit dem Theatre De La Monnaie in Brüssel und gehört zu einer Reihe wichtiger Aufführungen mit Gender- und Critical Race-Theory-Thematik. Dies sind aktuelle gesellschaftliche Denkweisen, denen sich das Theater St.Gallen in den letzten Jahren dankenswerterweise verschrieben hat. Dem Grundsatz der Authentizität von Repräsentation – dass nur People of Color die afroamerikanische Geschichte darstellen können – bleibt das Theater St.Gallen auch in dieser Oper treu.

Es ist faszinierend zu sehen, wie in knapp drei Stunden die Darsteller:innen der afroamerikanischen Familienchronik nach Richard Powers Roman Der Klang der Zeit an Kontur gewinnen, wie die Charaktere auseinanderstreben und trotz ihrer Zerrissenheit immer wieder zusammenkommen. Das anfängliche Bild der Familie als Insel gewinnt im zweiten Akt an Glaubwürdigkeit. Der Zusammenhalt der Familie wirkt trotz der Schicksalschläge über vier Generationen dynamisch.

Durch die farbige Klangsprache, die sich diverser Jazz- und Klassikanleihen nicht scheut und in improvisierten Passagen Kontinuum erzeugt, gelingt es, die Geschichte zu beschleunigen und beinah eine Leichtigkeit zu evozieren, die dem ernsten Thema nicht abträglich ist.

Joshua Stewart, Kristján Jóhannesson, Markel Reed und Claron McFadden

Das Jazz-Quartett groovt und swingt, sein opulenter, aber gut abgemischter Sound stellt sich trotz enormer Lautstärke hinter das gesungene oder im Parlando gesprochene Wort. Mit dem Klavier auf der Bühne gelingt ein reizvolles Zusammenfügen und Changieren der Klangquellen mit immer wieder neuen Kombinationen zwischen den Soli, dem Orchester und dem Jazzquartett.

Leider versucht die Oper nicht, diese Stil-Freiheit für neue Formen zu nutzen. So bleibt die Frage, ob die Mittel für dieses Opernsujet ausreichen oder ob hier nicht ein weiteres, geschickt gewirktes Unterhaltungsgenre bedienet wird, das auch mit dem Label Musical durchgehen könnte. Würde der Untergang der Oper kommen, könnte also auch diese Produktion ihn nicht aufhalten.

Stationen des weissen Rassismus

Wie unterscheidet sich dieses Stück von einer konventionellen Oper? Die Familiengeschichte wird straff erzählt und folgt einem konventionellen Erzählmuster mit einer Chronologie der Stationen des weissen Rassismus: 1939, die skandalöse Verbindung eines Juden mit einer Schwarzen. Die Unbeschwertheit in einer Familie unterschiedlicher Hautfarbe und Religion, in der die nächste Generation mit dem Rassismus zu leben lernen muss. Die Legende, dass alles gut war, solange die Kulturen noch getrennt waren, spiegelt das stumme Ressentiment beider Generationen für das Durchbrechen des Rassenkodex. Die Selbstbehauptung im «Clash of cultures» stärkt die Familienbande, dann aber, in den eigenen Lebenswegen der Kinder, droht sie die Familie auseinander zu reissen.

The Time of Our Singing: weitere Termine am 19., 21. und 23. April, UM!BAU Theater St.Gallen

theatersg.ch

In solch inneren Konflikten, dargestellt in einer einfachen, direkten Sprache erreicht die Inszenierung eine grosse Spannung. Dann aber folgen klischeehaft und im Minutentakt die Stationen afroamerikanischer Leidensgeschichte: das Ende des zweiten Weltkriegs – Hiroshima – der mysteriöse Tod der Protagonistin (die im Tod wandelnd weitersingt) – die Washingtoner Protestmärsche – die antagonistischen Karrieren der Brüder – die Aufstände in den 1960er-Jahren – die Ermordung Martin Luther Kings – die Black Panther Bewegung ­– und schliesslich die Morde an Schwarze durch amerikanische Polizisten.

Drei Stunden genügen für diesen Stoff nicht. So schwankt Kris Defoorts Konzept zwischen didaktischer Doku-Oper und Geschwister-Drama, in dem die Prinzipien Assimilation versus Widerstand durch den ältesten und die jüngste der Geschwister vorgeführt werden. Jonah, der älteste macht in Europa eine Sängerkarriere, Ruth, die jüngste engagiert sich in einer NGO und verliert bei Black Panther-Aufständen ihren Mann, während der mittlere Bruder Joey eine Balance zwischen weiss und schwarz sucht.

Trotz dieser allzu simplen Gegenüberstellung sind die Leistungen der Protagonist:innen, die bis auf  Kristjan Johanneson als David Strom von Schwarzen Darsteller:innen gesungen werden, eindrücklich. Claron McFadden als Delia Daley brilliert durch stimmliche und schauspielerische Präsenz, während Kristjan Johanneson etwas blass erscheint. Markel Reed als Joey überzeugt mit stimmlichen Feuer, Joshua Stewart als Jonah durch eine balancierte Tongebung. Eine fulminante Darstellung bietet Naomi Simmonds als Ruth, die sich stilistisch souverän in mehreren Genres von Belcanto über Jazzrock bis zu Rap bewegt.

Naomi Simmonds als Ruth

Ted Huffmanns Inszenierung folgt einer Ästhetik der Reduktion. Mit einer Bühne, die sich mit leeren Tischen als einzige Requisite bedient, verweist sie auf den Gegensatz von Miteinander und Trennung, Familientisch und Isolation in einem Land, das für einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung feindselig geblieben ist. Leider wird die Brecht’sche Bildschärfe durch unnötige Erklärvideos angereichert.

Anything goes hervorragend interpretiert

Klanglich wird das Publikum gefüttert mit allerlei Zitaten: der amerikanischen Hymne, deutscher Romantik, B.A. Zimmermanns Soldaten, Strawinskys Sacre oder amerikanischem Gospel. Es sind Versatzstücke, die zwar zur Situation passen und geschickt eingeflochten werden, aber für die Geschichte unnötig sind. So erscheint das Neue in dieser Musik eher als Klischee im Retro denn als Versuch, eine wirklich zeitgenössische Ausdrucksform zu finden.

Mit barocken Lamento-Bässen beim Abwurf der Hiroshima-Bombe und einem unsäglich dummen Verriss der Romanze aus Schuberts Es-Dur Trio entlarvt sich die Komposition als Medley des «anything goes». Während ein bewusster Eklektizismus zu neuen Ausdrucksformen führen könnte, verleiten einen die vielen Anleihen zum Weghören.

Jedoch ist die musikalische Interpretation hervorragend. Das Sinfonieorchester St.Gallen (Leitung Kwamé Ryan) begleitet die Soli mit flexiblen, aber treffsicheren Tempi und mischt sich mühelos mit dem Jazz-Quartett, das bereits im ersten Saxophon-Solo (Adrian Pflugshaupt) musikalisch anachronistisch aber atmosphärisch wunderschön in die Gefühlslage der Geschichte einführt.

Kunal Lahirys Klaviereinsätze auf der Bühne verbinden die erzählerischen und musikalischen Ebenen und bilden raffiniert eine Brücke zwischen Schauspiel und Orchestergraben.

Einer der stärksten Momente dieser Produktion liegt im Auftritt des Jugendchors des Theater St.Gallen. Die Energie der singenden und tanzenden Teenager, ihr fein choreographierter, zu Beginn noch scheuer, dann an stimmlicher und körperlicher Sicherheit gewinnender Gospel knüpft an die Tradition des «Call and response» und schafft die Verbindung zu einer Kultur, die zwar nicht mehr ihre ist, aber vielleicht ein Residuum bildet.

Das Ensemble mit dem Jugendchor

So schön dieser befreiende Moment ist, so liegt doch in ihm die Gefahr der Repräsentation Schwarzer Kultur als Show für ein mehrheitlich weisses Publikum, das sich (symbolisch) nimmt, was diese Kultur verloren hat. Und sich vielleicht nicht fragt, wie es diesen fragilen Körpern in 20 Jahren ergehen wird, wie authentisch oder wie fremd sie mit ihrer Lebenswelt werden korrespondieren können.

Eine dynamische Kritik der Kritik muss diese Frage zur Idiosynkrasie einer unabdingbaren Critical Race Theory zumindest aufwerfen.

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