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Wer darf wo spielen?

Stoiker/Knöppel dürfen nicht mehr in der Grabenhalle spielen. Das wirft Fragen auf. Was ist Kunst? Wie streitet man über Geschmack? Wann ist ein Publikum falsch? Ein Diskussionsbeitrag von Rolf Bossart
Von  Rolf Bossart
Knöppel im Dezember 2019 in der Grabenhalle. (Bilder: Instagram Knöppel, Andografie)

Die Grabenhalle hat entschieden, die St.Galler Kunstfigur/Band Stoiker/Knöppel (zur Begrifflichkeit siehe Infobox) vorerst nicht mehr zu veranstalten. Es gebe Erfahrungsberichte, insbesondere von weiblichen Mitarbeiter:innen, welche die Stimmung in der Halle, die Texte der Band und auch Teile des Publikums beim letzten Konzert im Dezember 2019 als übergriffig und gewaltvoll wahrgenommen hätten, heisst es in der Begründung, die Saiten vorliegt. Das Grabenhalle-Kollektiv will diese Bedenken ernst nehmen. «Wir möchten nichts verbieten, aber wir entscheiden uns auch sonst immer mal wieder gegen eine Veranstaltung, wenn sie nicht ins kulturelle oder politische Profil passt. Das ist auch hier der Fall.»

Stoiker/Knöppel

Jack Stoiker, bürgerlich Daniel «Midi» Mittag, ist der St.Galler Trashbarde, der seit Ende der 1990er-Jahre sein Unwesen treibt und vor allem um die Jahrtausendwende im Zuge von Beat Schlatters Bingoabenden kurzzeitig nationale Berühmtheit erlangte. 2016 gründete Midi dann die Punkband Knöppel, in deren Vorprogramm er häufig zusätzlich als Jack Stoiker auftritt.

Die Band zelebriere in ihren Texten eine Männlichkeit und in wenigen Fällen auch Sexismus, «die uns fremd sind, an der wir nichts Progressives, keine kritische Auseinandersetzung oder Reflexion mit Männlichkeit und Patriarchat erkennen können», heisst es weiter. Der «Stoiker-Habitus», «dieser penetrant männliche Blick», sei weder besonders lustig noch kreativ. Und wer vom Wichsen und von Gliedern singe, müsse nun mal damit rechnen, dass dies Fragen aufwerfe und sich mit der Wirkung und dem durch die Musik angezogenen Publikum auseinandersetzen.

Die Grabenhalle betont, dass es nicht nur oder primär um das Publikum der Band gehe, sondern darum, dass sich in der Grabenhalle alle wohl fühlen sollen. Die Band selber will sich dazu nicht äussern. Rolf Bossart ist Publizist in St.Gallen und langjähriger Freund eines Bandmitglieds. Er kritisiert den Entscheid der Grabenhalle. Hier ist sein Diskussionsbeitrag:

 

Jeder Veranstaltungsort hat das Recht, Anfragen abzulehnen, Bands auszuladen usw., ohne es an die grosse Glocke zu hängen. Es besteht aber bei öffentlich subventionierten Häusern gleichzeitig auch ein Recht, eine solche Ausladung gelegentlich öffentlich zu diskutieren. Ich möchte daher gerne diesen Fall zum Anlass nehmen für einige kritische Erwägungen. Dabei ist weder die Grabenhalle besonders gemeint, noch ist Stoiker/Knöppel ein besonders krasses Beispiel. Es geht nicht um Rammstein, aber man muss hier in dieser Stadt halt manchmal auch etwas kleinere Gelegenheiten wahrnehmen, um etwas grössere Diskurse zu führen.

Die Frage, wer nach welchen Kriterien eine Bühne bekommt, ist für alle Häuser mit öffentlichen Geldern brisant. Die Kriterien sind andere, ob das Haus kuratiert ist wie das Palace oder nicht wie die Grabenhalle. Aber immer stellen sich Fragen wie: Wie stark hängt die Programmierung ab von objektivierbaren Kriterien, von denjenigen, die gerade aktiv sind, vom Zeitgeist, vom Einfluss interner und externer Meinungsträger:innen, vom angewandten Kunstbegriff, vom Geschmack, von Moral, von Ressentiments – und wer bestimmt die Kriterien?

Meine Kritik am Entscheid der Grabenhalle möchte ich daher erstens anhand eines Kunstbegriffs und zweitens anhand einer kurzen Interpretation der Kunstfigur Stoiker bzw. der Band Knöppel formulieren.

Erstens: Was ist Kunst?

Kunst ist ein Medium des Ausgleichs. Wo eine Lücke klafft – eine Lücke des Verstehens, der Darstellbarkeit, dort ist Kunst, dort springt die Kunst in die Lücke. Sie ist zugleich ein Medium des Sprengens, dort wo Vollständigkeit, Perfektion, Abgeschlossenheit herrschen.

Sie ist daher zugleich Füllung und Perfektion sowie Zerstörung und Fragment: zugleich affirmativ und negativ – am besten natürlich beides miteinander. Die Spannung haltend, wenn es gute Kunst ist, oder ausweichend ins Extrem, ins Entweder-Oder, wenn es sich um Polemik, Propaganda oder um Kitsch handelt.

Ist Kunst ethisch? Muss Kunst moralischen Standards genügen? Insofern diese Frage darauf abzielt, dass Kunst gut ist oder das Gute befördert oder das Gute tut, dann nein und im Gegenteil: Kunst, zumindest realistische Kunst, kann nicht gut sein, weil sie ambivalent sein muss, da sie auch die Anschauung des Falschen, des Bösen, des Kaputten ermöglichen, evozieren, verfremden usw. muss. Daher gilt: Es ist nicht möglich, das Gute zu tun in der Kunst.

Wie kann man über Kunst reden?

Um nun für eine Debatte über Kunst einzustehen, die nicht zuerst auf moralische Kategorien bzw. falsches oder richtiges Publikum rekurrieren muss, ist der eben skizzierte Kunstbegriff sehr hilfreich. Es ist zudem nichts weiter als realistisch von einer Kunst auszugehen, die – wenn sie wirklich etwas sagen will, über diese zerrissene Wirklichkeit und unsere zerrissenen Identitäten, wo nichts einfach gut und nichts einfach nur schlecht ist – realistischerweise Falsches richtig und Richtiges falsch zur Sprache bringt. Woraus folgt, dass man es eben gleichzeitig richtig und gleichzeitig falsch hören und verstehen kann. Und dass also schliesslich eine Kunst noch nicht schlecht ist, wenn auch «Falsche» sie gut finden und «Richtige» sie nicht mögen. Sondern nur, wenn nur noch die eine Gruppe sie mag.

Streiten über Geschmack

Das bedeutet, dass es wichtig ist, im Diskurs über Kunst moralisches Urteilen zu trennen vom Geschmacksurteil, da Moral immer kunstfeindlich ist. Was nicht heisst, dass sie keine Rolle spielen sollte, etwa beim Festlegen von roten Linien. Man sollte sich nur ihrer «destruktiven» Rolle bewusst sein und also sehr vorsichtig damit umgehen. Tatsächlich aber machen wir nicht selten das Gegenteil. Die Versuchung ist gross, Kunst nicht nur moralisch zu beurteilen, sondern auch den eigenen Geschmack – was man mag und nicht mag – mit moralischen Argumenten zu legitimieren und andererseits seine moralischen Urteile mit Geschmacksurteilen zu vertuschen.

Über Geschmack, so sagt man, kann man nicht streiten. Aber so ist es nicht. Vielmehr lässt sich eigentlich über Moral, ist sie einmal im Diskurs drin, nicht mehr so richtig streiten. Hingegen wäre der Streit über den Geschmack die Grundlage aller Diskurse in einer offenen Gesellschaft. Allerdings braucht es für einen produktiven Streit über den Geschmack das Bemühen, seinen eigenen Geschmack permanent zu testen und mit Erfahrungen zu differenzieren. Das heisst viel sehen, viel zuhören, viel nachdenken, gerade und immer wieder über das, was man nicht mag und über sich, warum man es nicht mag. Im Kulturbereich hat man den Vorteil, dass gute Kunst genug zweideutig, ja zweifelhaft ist, um alle möglichen Erfahrungen, negative wie positive, damit zu machen.

Zweitens: Machen Stoiker/Knöppel überhaupt Kunst in diesem Sinn?

In einem alten Stoiker-Song heisst es ungefähr: «D’ Fraue sind alles Schlampe, d’ Gsellschaft isch verloge, drum fülled mir üs d’ Lampe.» Das ist einerseits die klare Reproduktion eines der ältesten patriarchalen und sexistischen Frauenbildes. Die zweite Vershälfte akzentuiert aber keinen Herrschaftsdiskurs, sondern die Figur der Enttäuschung und des Rückzugs, eines Rückzugs, der in die Selbstzerstörung («Lampe fülle») mündet, die oft genug wieder in Aggression gegen andere umschlägt. Wird das hier nun konstatiert oder affirmiert?

Stoiker singt auch: «I chum halt us Sanggalle und weiss nöd so rächt was säge.» Hier also die Akzentuierung einer herkunftsbezogenen Sprachlosigkeit. Ist das nun versöhnliche Selbstdeutung des Ungenügens oder ist es schon Rechtfertigung aggressiver Sprachlosigkeit des Underdogs?

In einem Knöppel-Song heisst es: «Abseits du Wixer, du stohsch drüü Meter im Abseits du Wixer, und wenn’s nöd glaubsch, chasch jo …» Ist das Mansplaining oder die sinnlose Rechthaberei eines Mannes, der ausserhalb des Stadions nur selten Recht bekommt?

Und das obsessive Wichsen und die Penisfixierung? Ist es Feier einer phallischen, dominanzbetonten, usurpatorischen Sexualität? Oder ist es der radikale Rückzug auf das kleine Nichts, das bleibt, wenn das aufgeblasene Ego an der Realität zerplatzt? Ist das Wichsen selbstbezogene Regression oder wütende Verteidigung existentieller Sphären der Lust?

Fest steht: Männlichkeit ist fragil, männliche Sexualität ist prekär und sie war es immer schon und ist es heute noch viel mehr. Und sie ist umso prekärer, je mehr sie auf den Penis als vermeintliche Grösse gründet, also je patriarchaler sie gesetzt wird. Denn nichts ist lächerlicher und prekärer als dieses Ding, wenn es Leistungsfähigkeit und Potenz anzeigen soll und tatsächlich oft genug nicht macht, was Mann will.

Es ist bei Knöppel mitnichten Herrschaftsgerät, sondern viel eher organischer Rumpfbestand. Und so wird in all den einschlägigen Knöppeltexten der Penis gerade permanent vom Symbol der Potenz zu potenzieller Lächerlichkeit transformiert und wird zur Chiffre prekärer und prekarisierter Männlichkeit. Songzeilen wie «Händ weg vo mim Sack» und «Dis Glied isch ok» sind in dieser Hinsicht dann schon fast Keimzellen einer solidarischen Männlichkeit auf Basis einer existentialistischen Selbstbehauptung.

Und nie hat die totenbleiche Bühnenfigur bei Stoiker/Knöppel mit ihrer ausdrucksarmen, reduzierten Musik und mit ihren Bühnenansagen nur im Kleinsten den Anschein gemacht, sie möchte die stilisierte Attitüde des «Halbstarken» auf die Seite der Stärke auflösen. Im Gegenteil hat Stoiker/Knöppel in Daniel Mittag ein Alter Ego, der in der Vergangenheit mit kleinen, feinen politischen Interventionen oft klar gemacht hat, dass sein Poltern kein Treten gegen unten, sondern ein Klopfen gegen oben ist. Müsste man dieser Musik ein psychologisches Motto aufkleben, würde immer noch gelten, was Marcel Elsener vor 20 Jahren in Saiten notierte: «Jack Stoiker funktioniert nur als Loser.» Oder auch: «Selbsterkenntnishilfe fürs männliche Prekariat».

Drittens: Hat Stoiker/Knöppel das falsche Publikum?

Richtig falsch ist ein Publikum dann, wenn wir es nur noch mit moralischen Kategorien bewerten können, das heisst, wenn grössere Gruppen davon eindeutig negativ beschrieben werden müssen. Ein falsches Publikum zeigt zum einen überwiegend eine negative, feindselige Eindeutigkeit im Verhalten, zum anderen formt es sich dadurch zur negativ gepolten Masse. Dieser Grad ist dann erreicht, wenn grössere Einheiten der Anwesenden nicht mehr als Einzelne wahrnehmbar oder ansprechbar sind und notfalls nicht mehr zurecht- bzw. weggewiesen werden können. Ich weiss, dass es oft unangenehme Typen, die sich sexistisch äussern, dabei hat, aber ich wüsste nicht, dass je diese Art der Vermassung der Fall gewesen wäre bei einem der Knöppel-Konzerte.

Jack Stoiker und Knöppel haben also auch falsches Publikum; Exemplare jener prekären Männlichkeit, die mit viel Bier vergessen, wieviel Care Arbeit sie ihrer Sexualität schuldig geblieben sind und die dieses Manko die anderen spüren lassen. Ich traue uns meist privilegierten Mitgliedern der linken Kulturklasse aber zu, solchen Leuten souverän oder auch unsouverän die Türe zu zeigen.

Nun gut, es gibt natürlich genug Bands, die keine potenziell sexistischen Besucher anziehen. Also wo liegt jetzt wirklich das Problem? Vielleicht gibt es tatsächlich keines und die Zeit dieser Band in der Mitte der Gesellschaft und gar etwas links der Mitte ist abgelaufen. Nur: Ein Beitrag zur Reduktion des Sexismus wird damit kaum geleistet, eher noch das Gegenteil. Denn solange wir Menschen Triebwesen sind, gilt immer dasselbe: Je gereinigter die akzeptierte Kunst, je gereinigter die Linke usw., desto unreiner der Rest.

Man sollte sich nicht zu weit entfernen von dem, was man nicht mehr haben will.

Rolf Bossart, 1970, ist Publizist und langjähriger Freund eines Bandmitglieds.

 

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