Songs für die soziale und geografische Provinz

Das zweite Dachs-Album «Zu Jeder Stund En Vogelgsang» verdient einige Bergpunkte. Die Standortförderung sollte der St.Galler Band einen fetten Batzen zahlen.
Von  Corinne Riedener
Basil Kehl (liegt oben) und Lukas Senn sind Dachs. Sie spielen allpott diesen Sommer. (Bild: Ladina Bischof)

«Verklemmte Millenials, Verlierer aus Bischofszell und Cipolata-Promis auf Cupcake-Partys: Dachs veröffentlicht das Ostschweizer Pop-Debutalbum des Jahres.» Das schrieb Saiten im Märzheft 2018, als die St.Galler Band Dachs (Basil Kehl und Lukas Senn) mit Immer Schö Lächlä die Schweizer Musiklandschaft aufmischte. Und so die Ostschweiz wiedermal ins Gespräch brachte, etwas weniger verkopft als Stahlberger und altersmässig näher an der verflixten Pubertät als die Wichsers von Knöppel.

Dachs erkennt man an den Synthesizern, am 80er-Echo, an Kehls Kopfstimme, den leicht verschleppten Beats und dem detailreichen, sorgfältig produzierten Drumherum. Mittlerweile darf das St.Galler Mundart-Duo auf ein paar echte Coups zurückblicken.

Kei Eidgenosse zum Beispiel, eine für Dachs ungewohnt deutliche politische Ansage zur Fussball-WM 2014, die nicht nur auf dem Bolzplatz gut angekommen ist. Oder Bumerang, mit dem sich Kehl und Senn 2015 ins Finale der M4Music Demotape Clinic in der Kategorie Pop spielten. Und natürlich Düdado (2017), Bischofszell und Selecta Automat (beide 2018) – drei Tracks, die den Ruf der Ostschweiz nachhaltig versympathisiert haben, ohne sie besser machen zu wollen, als sie ist.

 

Tiefen und Höhen – buchstäblich

Dachs trifft einen Nerv der Zeit. Die Zeiten der Hochglanz-Produktionen und aalglatten Stars sind längst vorbei, en vogue ist das Normale, das Triviale, das Uncoole, die (zynische) Alltagsbetrachtung, verziert mit dem einen oder anderen Chnuschti und – in diesem Fall – mit ordentlich auditiver Zuckerwatte.

Dachs besingen die soziale und geografische Provinz ganz vorzüglich, auch wenn man da oder dort zweimal hinhören muss. Diesem Stil bleiben Kehl und Senn auch auf ihrem zweiten Album Zu jeder Stund en Vogelgsang treu.

Der Langspieler hat seine Höhen und Tiefen. Mandala zum Beispiel ist zwar textlich recht amüsant – es geht um die Beschäftigungstherapie in einem Seniorenheim anno 2070 –, fällt aber musikalisch ab. So beliebig wie das besungene zwangsberuhigte 3D-Mandala.

Ähnlich verhält es sich mit der titelgebenden Nummer Zu Jeder Stund En Vogelgsang. Sie handelt vom guten Freundeskreis, der gelegentlich ausfranst, aus welchen Gründen auch immer, und ist von einem ausladenden, stellenweise recht pathetischen Klanggerüst umwickelt. Beides für sich ganz catchy, aber in der Kombination nicht wirklich stimmig.

Gut, sind da noch die Höhen – buchstäblich. Beat Breu, die Hommage an den gleichnamigen St.Galler Bergfloh mit dem durchzogenen Leben, wurde bereits Ende 2019 veröffentlicht und gehört zu den Highlights auf dem Album. Mittlerweile fast «sone Legende» wie der Besungene selbst – dafür hat Dachs die Bergpunkte definitiv verdient, und hoffentlich klettert der Song so flink die Charts hinauf wie Breu einst die Alpe d’Huez.

 

Man muss aber kein Radfan sein, um den Song zu feiern, es reicht, wenn man eingängigen Synth-Pop mag, E-Bikes kritisch gegenübersteht und ein Flair für comeback-freudige Universalberufler und Antihelden hat.

Für den Ego-Geburtstag im Flugmodus

Wo wir grad bei den Antihelden sind, muss auch der Schlagzeuger erwähnt werden. Er hat getobt, als sie ihn im letzten Herbst auf dem Bänkli vor dem Volg zu seiner Überraschung aus der Band geworfen haben. Das Schlimme: Seither hat die Band Erfolg! So ähnlich muss sich Beat Breu gefühlt haben, nachdem er Ende der 70er-Jahre wegen Dopingmissbrauchs an der Tour de Suisse abqualifiziert wurde und Giovanni Battaglin die Bergwertung gewonnen hat.

 

Zu den Perlen gehört auch der Opener Du Schicksch Sibä Smileys. Der Anfang ist etwas harzig, aber nach gut einer Minute wird man mit einem tollen Drift belohnt. Ideal für den Ego-Geburtstag im Flugmodus irgendwo unter einem Baum und mit dem Wissen, dass man für die eigene Existenz ehrlicherweise gar nichts kann.

Auch gut, aber vom Stil her etwas anders ist der letzte Track, Beziehige Sind Wie Dürüm. Dieser Vergleich verhebt. Untermalt wird die Szene morgens um fünf im Kebabladen von lieblichen, etwas wehmütigen Streichern.

Zu Jeder Stund En Vogelgsang, erscheint am 21. Februar

Albumtaufe: 6. März, Palace St.Gallen

dachsmusic.ch, palace.sg

Dieser andere, letzte Track steht vielleicht für den weiteren Weg der Dachse, die ihre Songs gerne irgendwo in der ausserrhodisch-toggenburgischen Grenzpampa einstudieren. Im Moment werden sie in der ganzen Musik-Schweiz für ihre poppige Uncoolness, ihre Alltagskalauer und Dialekt-Funde aus den 90ern gefeiert, was auch richtig ist, da der Osten ja nie wirklich als Favorit für den Gesamtsieg gilt.

Ob dieses Konzept auch über längere Zeit funktioniert, wird sich zeigen. Und bis dahin sollte die Standortförderung Dachs einen fetten Batzen zahlen.

Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ei­ne ak­ti­vis­ti­sche Künst­le­rin wie­der­ent­deckt

Ele­a­n­or An­tin ist seit 60 Jah­ren künst­le­risch tä­tig. Früh hat sie sich mit Tech­no­lo­gie, Ras­sis­mus und Gen­der­flui­di­tät be­schäf­tigt, doch zwi­schen­zeit­lich war sie fast in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Nun macht die ers­te eu­ro­päi­sche Re­tro­spek­ti­ve Sta­ti­on im Kunst­mu­se­um Liech­ten­stein.

Von  Kristin Schmidt
Eleanor Antin Ausstellungsansicht Foto Sandra Maier pr6

Fik­tiv und doch sehr re­al

Der Mu­si­ker und Künst­ler Ni­co­laj És­te­ban ver­öf­fent­licht ein neu­es Al­bum sei­ner Band Love­boy And His Ima­gi­na­ry Fri­ends. Es führt in ei­ne fas­zi­nie­ren­de Welt – und in sein In­ne­res, wo es manch­mal dun­kel ist.

Von  David Gadze
Loveboy and his imaginary friends smile baby

Or­ga­nik trifft KI

Nach vier­zig Jah­ren kehrt Gui­do R. von Stür­ler in die Kunst­hal­le nach Wil zu­rück. Der Künst­ler, mit ei­nem Fai­ble für Flie­gen, zeigt in «Zwi­schen den Sys­te­men – Kunst im ver­netz­ten Jetzt» ei­ne Werk­über­sicht, die Or­ga­ni­sches und Di­gi­ta­les ver­eint.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 9225 2

Gren­zen und Brü­che auf der Büh­ne

Ei­ne hal­be Mil­li­on we­ni­ger von Kan­ton und Stadt – trotz­dem ma­chen Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len vor­läu­fig kei­ne Ab­stri­che beim Pro­gramm. Die Spiel­zeit 26/27 kün­digt «Grenz­gän­ge» an, sehr zeit­ge­mäs­se ins­be­son­de­re im Schau­spiel.

Von  Peter Surber
Konzert Theater SG 1sw 79f097893f611

Ver­lo­ren auf der gros­sen Büh­ne – und im Ge­dan­ken­wirr­warr

Die Kri­tik an der Ein­la­dung des ex­tre­mis­ti­schen und tech­no-li­ber­tä­ren US-Blog­gers Cur­tis Yar­vin ans St. Gal­len Sym­po­si­um war gross – und be­rech­tigt. Trotz­dem war sein Auf­tritt am En­de vor al­lem ei­nes: ent­lar­vend. Sel­ten tra­ten die Wi­der­sprü­che, die Selbst­über­schät­zung und die in­tel­lek­tu­el­le Lee­re der Neu­en Rech­ten so öf­fent­lich zu­ta­ge.

Von  Philipp Bürkler
Curtis Yarvin Symposium 1 philipp buerkler

In eigener Sache

Weg­wei­ser in der Ost­schwei­zer Kul­tur­land­schaft

Von  Michael Lünstroth
Sarah luethi philip stuber michael luenstroth

Wi­bora­da – zwi­schen My­thos und Wahr­heit

His­to­ri­sche Über­lie­fe­run­gen sa­gen oft mehr über die Geis­tes­hal­tung der Ver­fas­ser aus als über ge­schicht­li­che Tat­sa­chen. Was lässt sich al­so ge­si­chert über die his­to­ri­sche Per­son Wi­bora­da sa­gen? Ei­ne quel­len­kri­ti­sche Spu­ren­su­che.

Von  Tanja Scherrer
2605 Wyborada Laura Tura listening iconography

Die Spit­ze des Zau­ber­bergs

Ein Jahr­hun­dert nach Tho­mas Manns Ro­man grei­fen Karl Ka­ve & Du­ri­an das Mo­tiv neu auf und er­zäh­len mit Zau­ber­berg ein viel­schich­ti­ges Kon­zept­al­bum über Pfle­ge, Per­spek­ti­ven und gut be­tuch­te Da­men.

Von  Jeremias Heppeler
Karl kave durian

Der ewi­ge Kreis­lauf des Le­bens

Pa­ris, New York, Shang­hai, It­tin­gen: Mit Fa­bri­ce Hy­ber gas­tiert mal wie­der ein in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ter Künst­ler im Kunst­mu­se­um Thur­gau. Ei­ne Be­geg­nung.

Von  Michael Lünstroth
l LünstrothI

Lie­bes­leid im Schaum­bad

Treue­pro­be, Ver­klei­dungs­spuk, Part­ner:in­nen­tausch: Così fan tut­te scheint de­fi­ni­tiv von vor­ges­tern. Trotz­dem lohnt sich Mo­zarts Oper auch jetzt wie­der am Thea­ter St.Gal­len. Am Sams­tag war Pre­mie­re.

Von  Peter Surber
6122 30cosi foto dufajedyta

Das Mit­ein­an­der im Fo­kus ei­ner Kunst­aus­stel­lung

Das Kunst­zeug­haus Rap­pers­wil-Jo­na zeigt seit dem 26. April die ak­tu­el­le Samm­lungs­aus­stel­lung «wo­hin – wo­her – wo­mit». Mit­ge­stal­tet von Men­schen aus der Re­gi­on un­ter­sucht sie, wie Teil­ha­be in Mu­se­en künf­tig aus­se­hen kann.

Von  Larisa Baumann
1 KZH wohin woher womit c Katharina Seleznova

FC St.Gal­len vs. Si­on 0:3 – Mer ho­led dä an­der Chü­bel

St.Gal­len ver­liert das Spiel ge­gen Si­on und macht so Thun zum Meis­ter. Doch in St.Gal­len den­ken längst al­le an den an­de­ren Ti­tel, der dann in drei Wo­chen ver­ge­ben wird. Das Spiel ge­gen Si­on zum Nach­le­sen gibt es trotz­dem im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Filmfestival in Frauenfeld

Que­e­re Fil­me im Thur­gau

Von  Vera Zatti
Black Burns Fast still 1

Buch zur Migration in die Ostschweiz

Statt Ar­beits­kräf­te ka­men Men­schen

Von  Roman Hertler
Bildschirmfoto 2026 05 01 um 19 38 15

«Wir müs­sen Wi­bora­das Ge­schich­te neu er­zäh­len»

In die­sem Jahr fei­ert St.Gal­len den 1100. To­des­tag Wi­bora­das. Ob­wohl die In­klu­sin ei­nen gros­sen Ein­fluss auf die Stadt hat­te, ist sie den we­nigs­ten ein Be­griff. Das soll sich än­dern. Wie dies ge­lin­gen soll und wel­che Be­deu­tung Wi­bora­da heu­te noch hat, er­zäh­len Jo­lan­da Schär­li und Hil­de­gard Aepli vom Ver­ein Wi­bora­da-Ju­bi­lä­um 2026 so­wie Ka­rin K. Büh­ler von der fe­mi­nis­ti­schen Bi­blio­thek Wy­bora­da im Ge­spräch mit Sai­ten.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
2605 Wyborada Laura Tura portrait
Heftvorschau 05/26
Wiborada, Amerikanisch träumen

Dop­pel­tes Ju­bi­lä­um: Im Mai jährt sich das Mar­ty­ri­um der St.Gal­ler Stadt­hei­li­gen Wi­bora­da zum 1100. Mal. Und der Ver­ein Wy­bora­da, der 1987 die gleich­na­mi­ge fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek er­öff­ne­te, fei­ert sein 40-Jahr-Ju­bi­lä­um. Aus­ser­dem im Mai-Heft: Das Ge­spräch zwi­schen Flo­ri­an Vetsch und dem St.Gal­ler Au­tor Chris­toph Kel­ler über des­sen neu­en Ro­man.

Saiten 2605 Cover

Stadt St.Gal­len stellt neu­es Spar­pro­gramm vor

Ab­bau von über 46 Voll­zeit­stel­len in der Ver­wal­tung, Schlies­sung des Volks­ba­des, zu­sätz­li­che Blit­zer für die Stadt­po­li­zei: Mit sol­chen Mass­nah­men will die St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung bis 2029 das jähr­li­che Loch in der Stadt­kas­se um 17,1 Mil­lio­nen Fran­ken re­du­zie­ren.

Von  Reto Voneschen
Rathaussw

Co­ver­cock­tail von Team Ne­gro­ni

Die Ost­schwei­zer Band Team Ne­gro­ni hat ei­ne Vi­nyl-Plat­te mit Co­ver­songs her­aus­ge­bracht. Am 7. Mai wird Don't Drag Me Down in der st.gal­li­schen Gra­ben­hal­le ge­tauft.

Von  Jeremias Heppeler
01 4 2

Die Ab­sur­di­tät des War­tens

Pu­re Zeit­ver­schwen­dung oder end­lich mal ei­ne Pau­se im durch­ge­tak­te­ten Rhyth­mus der Ta­ge? Drei Per­for­mer:in­nen nä­hern sich dem Phä­no­men des War­tens künst­le­risch-wis­sen­schaft­lich an.

Von  Judith Schuck
Nummer ziehen Christoph Luchsinger Micha Stuhlmann Thomas Kessler web

Al­tern muss kein De­fi­zit sein

Das Kol­lek­tiv Dance Me to the End setzt sich für die Sicht­bar­keit von Al­tern im Tanz ein. Am 1. und 2. Mai prä­sen­tiert es zwei ver­schie­de­ne Tanz­stü­cke in der St.Gal­ler Lok­re­mi­se. Sai­ten hat mit drei Kol­lek­tiv­mit­glie­dern ge­spro­chen.

Von  Vera Zatti
Kopie von Dance me to the end 25 neu 14