Da, wo das gefragteste St.Galler Pop-Duo für die kommende Tour probt, grüssen sich die Menschen noch im Postauto. Eine Riesenblache über dem Dorfkino verweist auf den Blockbuster der nächsten Wochen: ein Dokumentarfilm über eine örtliche Tradition, Alpromantik mit Drohnen-Ästhetik. «Nächster Halt Schönengrund» – der Werbebildschirm im Postauto verrät, dass der Bitcoin mittlerweile unter 6000 Dollar gesunken ist. In der Landi, dem Mini-Walmart der ländlichen Schweiz, kaufen Basil Kehl und Lukas Senn drei Schweinswürste für den Grill in der Berghütte und den angereisten Journalisten.
Was nach inszenierter Homestory klingt, ist rural-romantisch real: In der mit Keyboards und Drumcomputern zugestellten Berghütte wohnte schon Kehls Grossvater. Sein Enkel probt hier wirklich. Eine Familienkapelle: Auch der Ur-Ur-Grossvater schrieb schon einen Morgartensong (Kehl zeigt mir das Notenheft in schnörkelloser Schrift).
Der Song Morgarte des Ur-Ur-Enkels, einer der Höhepunkte des im Februar erschienenen Debut-Albums Immer schö Lächlä, hält uns unsere Gedächtniskultur vor Augen und damit das Erbe der geistigen Landesverteidigung mit den teilweise bizarr anmutenden Versuchen der Aufrechthaltung einer nationalen Identität, mit Heldengeschichten von Gründungsmythen. Kehl entwirft dazu eine Morgartenfeier in einer nicht mehr ganz fassbaren Zukunft, im Jahr 2315:
Mit Mischtgable usem historische Museum, Laborchüe, die bringed’s noch de Fiir den eh um, Berner Platte und au Speckschwarte, si fiired tusig Johr Morgarte
Kehls Gegenwartsdiagnosen, vorgetragen in Thomas-Mars-Falsetto, nie lehrmeisterlich, gehören zum erfrischendsten, was die St.Galler Popmusikszene in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Er ist dabei nicht nur Songwriter, sondern auch Co-Produzent. Stilistisch setzt er und Lukas Senn fort, was sich bereits auf den ersten Demos nach dem Gewinn des lokalen Bandwettbewerbs bandXost 2012 (damals noch zu dritt) angedeutet hat und auf der Debut-EP Büzlä weitergeführt wurde: analoge Synthesizerflächen, programmierte Drums, eine detailreiche, verspielte, ausgemalte Produktion.
Senns und Kehls Probelokal gegenüber dem Säntis.
Man stellt sich eine prägende Kantizeit in der Chillwave-Ära vor (Kehl ist Jahrgang 1993, Senn nicht viel älter): Phoenix’ Meilenstein-Album Wolfgang Amadeus Phoenix kommt raus, als sie knapp 18 sind. Das weisse Rauschen des ans Limit verzerrten Electro-House von Justice und Konsorten (Auftritt am Openair St.Gallen 2008) klingt bereits wieder ab. Was bleibt, sind die ausgetüftelten Mehrspur-Produktionen von Complextro, ein spielerischer Umgang mit der Vocal-Spur, zerschnippelt und neu-arrangiert in den Fussstapfen von Jackson and his Computerband, Musik mit mehr Melodie als Inhalt. Dazu feiert das Versöhnliche ein Comeback mit warmen polyphonen Sounds von sehr teuren Synthesizer-Spielzeugen aus den späten 70-ern (für die Millenial-Schlafzimmer-Produzenten reichen graulegal heruntergeladene Emulationen auf ihren leistungsfähigen Macbooks).
Versöhnlich bleibt der Dachs-Sound auch 2018, zumindest wenn man die Texte nicht versteht. «Die Texte bilden einen Gegenpol», sagt Lukas Senn, der bei Dachs als Co-Produzent agiert, die Keyboards einspielt und momentan sein Studium der Musiktheorie an der ZHdK abschliesst. «Mit der Musik loten wir die Grenzen von Kitsch aus.» Kitsch sei nicht echt, wolle aber den Anschein machen, echt zu sein. «Wenn es keine Texte gäbe, fände ich die Musik wohl ein wenig zu kitschig.»
Dachs – Selecta Automat (2018): die gescheiterte Liebe versehentlich falsch gedrückter Nummern.
Kehl blickt in seinen Texten kritisch auf seine Generation: «Es gibt keine Jugendbewegung mehr wie etwa in den 90er-Jahren. Musik ist nicht mehr rebellisch.» Im starken Lebensroboter singt er von der «verklemmtesten Generation seit den 50er-Jahren»:
Ihr lueged alli Pornos, aber niemer got meh nackt go bade Hend e’n’entzündeti Hornhut Vom vile Streame und Abelade Niemer isch politisch, Wel mer wend jo niemer usschlüsse
In Kehls Welt der hedonistischen Cipolata-Promis auf Cupcake-Parties gibt es eine Generation, bei deren Distinktionsbedürfnissen er eine Normung entlarvt, an deren Vergleichswettbewerben, befördert durch die Selbstvermarktungsbühnen sozialer Netzwerke, er nicht teilnehmen will. Instagram füttert der Sänger nur auf Wunsch der Promo-Agentur, sein Nokiahandy stellt nicht mal Bilder dar.
Sänger Kehl interessiert sich nicht für die Geschichten der Erfolgreichen, sondern für die Verlierer (Bischofszell; «welli au en Verlürer bin») und die «psychischen Baustellen» seiner Nächsten. Im Kontrast zur Kritik an der Leistungsgesellschaft, Gruppendruck und dem Streben nach Sozialprestige zieht sich Kehl derweil nicht resigniert tatenlos in die wohlige Alphütte zurück, sondern arbeitet – nach Abbruch des Jazzstudiums in Luzern – pausenlos an seiner Musik.
Er macht kaum Ferien («letztes Jahr mal eine Woche Ferien in Italien, Airbnb») und kann gemäss Senn kaum stillsitzen («Basil ist der arbeitsamste Mensch, den ich kenne.») Dachs bezeichnet sich mehrfach als «Loser-Band». Für die Festivalsaison 2018 sähe es «huere nicht gut aus.» Das Gagen-Niveau erlaubt noch keine Unterkunft, nach den Gigs fahren sie meist durch die halbe Schweiz zurück nach St.Gallen.
Dachs Albumtaufe: 2. März, 21 Uhr, Palace St.Gallen palace.sg
Trotzdem stehen die Zeichen gut für einen verdienten Aufstieg, oder zumindest für ein Doppelzimmer im Dorfhotel nach den Gigs: In den letzten zwei Jahren spielten die zwei St.Galler im Duo über 60 Konzerte, Kehls Solo-Auftritte als Wassily nicht eingerechnet.
SRF 3 spielt die Songs der «Lieblings-St.Galler» für eine 1,1 Millionen-Hörerschaft. Im März geht Dachs auf Schweizer Club-Tour, im Herbst folgt die Deutschland-Tour Nummer zwei. Auf einen Song freut sich Kehl an der Plattentaufe im Palace besonders: auf das wunderbar reduzierte Wienacht: «für mich eine neue Erfahrung, noch nackter auf der Bühne zu stehen, mich dieser Angst zu stellen.»
Late-Stage-Kapitalismus im schwedischen Möbelhaus: das Albumcover. (Bild: Wania Harb, Joa Schmied)
Auch wenn man sich auf dem Debut-Album die brillanten Texte dem Verständnis zuliebe stellenweise ohne die reiche Dekoration durch die vielschichtige Instrumentierung wünscht – mal füdliblutt, mal mit mehr Mut zur Reduktion, bevor das Synthesizerorchester wieder einsetzt: Immer schö Lächlä ist das Debut einer der vielversprechendsten jungen Bands, welche die Ostschweiz in den letzten Jahren hervorgebracht hat.
Dachs: Immer Schö Lächlä, bei Siedl Records/Irascible dachsmusic.ch
Dieser Text erschien im Märzheft von Saiten.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.
Gegen dieses Luzern müsste der FC St.Gallen eigentlich drei Punkte einfahren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es immerhin einer wird. Der Ausgleich gelingt erst weit in der Nachspielzeit per Penalty. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Herbert Rauch (1929–2012) war Briefträger und Künstler. In den Schwarz-Weiss-Fotografien des Rankweilers erscheinen Objekte wie Steine und Federn als abstrakte, grafische Gebilde. Nun ist ein Fotoband zu seinem Spätwerk erschienen, und im Schauraum René Dalpra in Altach sind seine Arbeiten ausgestellt.
Eine Bundesrätin, mehrere Nationalrät:innen und die Politrapper der Stunde: Alle kommen sie aus der Kleinstadt Wil. Eine Erkundung vor den Lokalwahlen.
Eines der vielen Gebäude des Sitterwerks, die vor genau 100 Jahren erbaute Schwarzfärberei, beherbergt heute die Kunstbibliothek und die Materialmusterschränke. Eine Aufstockung soll künftig mehr Platz schaffen.
Noch bis in den Herbst hinein und auch in den zwei folgenden Sommern bleibt die Voliere im Stadtpark eine Buvette. Ab 2029 wird sie zur «Maison des œufs», zum didaktischen Hühnerhof. Die eingereichten Ideen sahen noch ganz andere Nutzungen vor.
Der Streit ums St.Galler Verbot von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen geht in die nächste Runde: Das Referendumskomitee hat die notwendigen Unterschriften gegen eine Änderung des kantonalen Strassenverkehrsgesetzes eingereicht. Damit wird das Stimmvolk über die Frage entscheiden.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.