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Liebe, füdliblutt

Verklemmte Millenials, Verlierer aus Bischofszell und Cipolata-Promis auf Cupcake-Parties: Dachs veröffentlicht das Ostschweizer Pop-Debutalbum des Jahres.
Von  Claudio Bucher
Lukas Senn und Basil Kehl sind Dachs. (Bilder: cb)

Da, wo das gefragteste St.Galler Pop-Duo für die kommende Tour probt, grüssen sich die Menschen noch im Postauto. Eine Riesenblache über dem Dorfkino verweist auf den Blockbuster der nächsten Wochen: ein Dokumentarfilm über eine örtliche Tradition, Alpromantik mit Drohnen-Ästhetik. «Nächster Halt Schönengrund» – der Werbebildschirm im Postauto verrät, dass der Bitcoin mittlerweile unter 6000 Dollar gesunken ist. In der Landi, dem Mini-Walmart der ländlichen Schweiz, kaufen Basil Kehl und Lukas Senn drei Schweinswürste für den Grill in der Berghütte und den angereisten Journalisten.

Was nach inszenierter Homestory klingt, ist rural-romantisch real: In der mit Keyboards und Drumcomputern zugestellten Berghütte wohnte schon Kehls Grossvater. Sein Enkel probt hier wirklich. Eine Familienkapelle: Auch der Ur-Ur-Grossvater schrieb schon einen Morgartensong (Kehl zeigt mir das Notenheft in schnörkelloser Schrift).

Der Song Morgarte des Ur-Ur-Enkels, einer der Höhepunkte des im Februar erschienenen Debut-Albums Immer schö Lächlä, hält uns unsere Gedächtniskultur vor Augen und damit das Erbe der geistigen Landesverteidigung mit den teilweise bizarr anmutenden Versuchen der Aufrechthaltung einer nationalen Identität, mit Heldengeschichten von Gründungsmythen. Kehl entwirft dazu eine Morgartenfeier in einer nicht mehr ganz fassbaren Zukunft, im Jahr 2315:

Mit Mischtgable usem historische Museum,
Laborchüe, die bringed’s noch de Fiir den eh um,
Berner Platte und au Speckschwarte,
si fiired tusig Johr Morgarte

Kehls Gegenwartsdiagnosen, vorgetragen in Thomas-Mars-Falsetto, nie lehrmeisterlich, gehören zum erfrischendsten, was die St.Galler Popmusikszene in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Er ist dabei nicht nur Songwriter, sondern auch Co-Produzent. Stilistisch setzt er und Lukas Senn fort, was sich bereits auf den ersten Demos nach dem Gewinn des lokalen Bandwettbewerbs bandXost 2012 (damals noch zu dritt) angedeutet hat und auf der Debut-EP Büzlä weitergeführt wurde: analoge Synthesizerflächen, programmierte Drums, eine detailreiche, verspielte, ausgemalte Produktion.

Senns und Kehls Probelokal gegenüber dem Säntis.

Man stellt sich eine prägende Kantizeit in der Chillwave-Ära vor (Kehl ist Jahrgang 1993, Senn nicht viel älter): Phoenix’ Meilenstein-Album Wolfgang Amadeus Phoenix kommt raus, als sie knapp 18 sind. Das weisse Rauschen des ans Limit verzerrten Electro-House von Justice und Konsorten (Auftritt am Openair St.Gallen 2008) klingt bereits wieder ab. Was bleibt, sind die ausgetüftelten Mehrspur-Produktionen von Complextro, ein spielerischer Umgang mit der Vocal-Spur, zerschnippelt und neu-arrangiert in den Fussstapfen von Jackson and his Computerband, Musik mit mehr Melodie als Inhalt. Dazu feiert das Versöhnliche ein Comeback mit warmen polyphonen Sounds von sehr teuren Synthesizer-Spielzeugen aus den späten 70-ern (für die Millenial-Schlafzimmer-Produzenten reichen graulegal heruntergeladene Emulationen auf ihren leistungsfähigen Macbooks).

Versöhnlich bleibt der Dachs-Sound auch 2018, zumindest wenn man die Texte nicht versteht. «Die Texte bilden einen Gegenpol», sagt Lukas Senn, der bei Dachs als Co-Produzent agiert, die Keyboards einspielt und momentan sein Studium der Musiktheorie an der ZHdK abschliesst. «Mit der Musik loten wir die Grenzen von Kitsch aus.» Kitsch sei nicht echt, wolle aber den Anschein machen, echt zu sein. «Wenn es keine Texte gäbe, fände ich die Musik wohl ein wenig zu kitschig.»

Dachs – Selecta Automat (2018): die gescheiterte Liebe versehentlich falsch gedrückter Nummern.

Kehl blickt in seinen Texten kritisch auf seine Generation: «Es gibt keine Jugendbewegung mehr wie etwa in den 90er-Jahren. Musik ist nicht mehr rebellisch.» Im starken Lebensroboter singt er von der «verklemmtesten Generation seit den 50er-Jahren»:

Ihr lueged alli Pornos,
aber niemer got meh nackt go bade
Hend e’n’entzündeti Hornhut
Vom vile Streame und Abelade
Niemer isch politisch,
Wel mer wend jo niemer usschlüsse

In Kehls Welt der hedonistischen Cipolata-Promis auf Cupcake-Parties gibt es eine Generation, bei deren Distinktionsbedürfnissen er eine Normung entlarvt, an deren Vergleichswettbewerben, befördert durch die Selbstvermarktungsbühnen sozialer Netzwerke, er nicht teilnehmen will. Instagram füttert der Sänger nur auf Wunsch der Promo-Agentur, sein Nokiahandy stellt nicht mal Bilder dar.

Sänger Kehl interessiert sich nicht für die Geschichten der Erfolgreichen, sondern für die Verlierer (Bischofszell; «welli au en Verlürer bin») und die «psychischen Baustellen» seiner Nächsten. Im Kontrast zur Kritik an der Leistungsgesellschaft, Gruppendruck und dem Streben nach Sozialprestige zieht sich Kehl derweil nicht resigniert tatenlos in die wohlige Alphütte zurück, sondern arbeitet – nach Abbruch des Jazzstudiums in Luzern – pausenlos an seiner Musik.

Er macht kaum Ferien («letztes Jahr mal eine Woche Ferien in Italien, Airbnb») und kann gemäss Senn kaum stillsitzen («Basil ist der arbeitsamste Mensch, den ich kenne.») Dachs bezeichnet sich mehrfach als «Loser-Band». Für die Festivalsaison 2018 sähe es «huere nicht gut aus.» Das Gagen-Niveau erlaubt noch keine Unterkunft, nach den Gigs fahren sie meist durch die halbe Schweiz zurück nach St.Gallen.

Dachs Albumtaufe: 2. März, 21 Uhr, Palace St.Gallen
palace.sg

Trotzdem stehen die Zeichen gut für einen verdienten Aufstieg, oder zumindest für ein Doppelzimmer im Dorfhotel nach den Gigs: In den letzten zwei Jahren spielten die zwei St.Galler im Duo über 60 Konzerte, Kehls Solo-Auftritte als Wassily nicht eingerechnet.

SRF 3 spielt die Songs der «Lieblings-St.Galler» für eine 1,1 Millionen-Hörerschaft. Im März geht Dachs auf Schweizer Club-Tour, im Herbst folgt die Deutschland-Tour Nummer zwei. Auf einen Song freut sich Kehl an der Plattentaufe im Palace besonders: auf das wunderbar reduzierte Wienacht: «für mich eine neue Erfahrung, noch nackter auf der Bühne zu stehen, mich dieser Angst zu stellen.»

Late-Stage-Kapitalismus im schwedischen Möbelhaus: das Albumcover. (Bild: Wania Harb, Joa Schmied)

Auch wenn man sich auf dem Debut-Album die brillanten Texte dem Verständnis zuliebe stellenweise ohne die reiche Dekoration durch die vielschichtige Instrumentierung wünscht – mal füdliblutt, mal mit mehr Mut zur Reduktion, bevor das Synthesizerorchester wieder einsetzt: Immer schö Lächlä ist das Debut einer der vielversprechendsten jungen Bands, welche die Ostschweiz in den letzten Jahren hervorgebracht hat.

Dachs: Immer Schö Lächlä, bei Siedl Records/Irascible
dachsmusic.ch

 

Dieser Text erschien im Märzheft von Saiten.

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