Kategorie
Autor:innen
Jahr

Zwischen Bergen und Luftschlössern

Heute Freitag feiern Elyn und Wassily den Release ihrer gemeinsamen EP «Thickest Waters» – ein Werk zwischen Abheben und Abtauchen. von David Nägeli
Von  Gastbeitrag
Zwei vom selben Wurf: Eliane Sutter und Basil Kehl. (Bild: pd)

Kürzlich wurden zwei Bekannte im Zug von einer Fremden angequatscht, während sie über Musik, Medien oder sonst etwas diskutierten. Die Fremde fragte, ob sie Geschwister wären oder vielleicht doch ein Paar. Die beiden antworteten, sie wären ein Paar und die Fremde lächelte, gab ihnen einen kurzen Daumen nach oben und meinte, gewisse Dinge seien eben vom selben Wurf und gehörten zusammen.

Die Singer/Songwriterin Elyn (Eliane Sutter) und der Electro-Pop-Produzent Wassily (Basil Kehl) gehören ebenfalls zum selben Wurf – zumindest musikalisch. Heute Freitag feiern sie im Palace den Release ihrer (ersten) gemeinsamen EP Thickest Waters. Und darauf treffen sich die beiden ebenso stimmig, wie die beiden Bekannten im Zug. Und das ist durchaus erstaunlich, gerade da beide einen stark ausgeprägten soundästhetischen Charakter besitzen.

Treffen in der Mitte

Wassily, den man auch als die Hälfte von Dachs kennen dürfte, ist seit Jahren in einem Luftschloss aus Synthesizern Zuhause: Die kristallklaren Sounds und schleppenden Half-Time-Beats schweben schüchtern oder vielleicht auch mit dezenter Distanz durch Räume mit dem Hall von Kathedralen, sind aber dennoch mit einer beinahe neurotischen Feinsäuberlichkeit am richtigen, weil ästhetisch stimmigen Ort platziert. Wer Dachs oder die Solo-Releases von Wassily kennt, wird seinen Sound hier wiedererkennen: Weit weg und doch nah beim Herz.

Plattentaufe:
5. April, 22 Uhr, Palace St.Gallen
palace.sg

Elyn ist harmonisch am selben Ort Zuhause, springt gar noch mehr zwischen verschiedenen Genres und Kooperationen hin und her: Mit Greis, mit Manillio, mit Solo-Shows, mit Produzenten aus In- und Ausland. Wenn sie eigene Songs spielt, spielt sie diese mit alleinstehendem Piano, ebenso unaufdringlich und mit ebenso ineinander verfliessenden Akkordabläufen, wie bei Wassily. Während dessen Musik jedoch immer gegen den Himmel zu fliegen scheint, sind Elyns Songs und ihre Stimme viel näher bei der Erde – ein einfaches Piano als Ruhepol, um den ihre ebenso ruhige Stimme kreist.

In der Schwebe

Thickest Waters ist das Resultat dieses Aufeinandertreffens. Auf den sieben Songs der EP glänzen beide in ihren Elementen: Wassily mit den schwebenden Sounds und den verschleppten Beats, wie beispielsweise im Opener I Hear You oder You Seem So Alike und Elyn mit einer warmen Stimme und Melodien, die zurückhaltend sind, aber dennoch unmittelbar hängen bleiben.

Not Everything For The Wrong, die erste Single des Albums, ist ein wunderschönes Anschauungsbeispiel: Rund um Elyns melancholisch-ruhige Hook-Melodie gleiten Synth-Sounds in die Höhe, tauchen langsam aus einem See an Klängen auf und verschwinden dann wieder – als ob sie mit einem Seil an den Gesang gekettet wären, dass sie davor bewahrt, ganz in den Himmel zu fahren.

 

Das Bild zieht sich durch das gesamte Werk. Aus einer zugrundeliegenden Melancholie droht man entweder davon zu schweben oder in einem See zu ertrinken. «I’m walking through thickest waters», singt Elyn im namensgebenden Track der EP, «nothing pulling me down», fährt sie fort, durch trübes Wasser watend, hochgehalten durch den Glauben an die eigenen Entscheidungen («Drawing lines / so I don’t walk in circles») und hochgehalten durch die schwebenden Beats von Wassily.

Eine EP zum Einnisten

Die EP ist auch durchaus sanktgallerisch. Sie ist typisch für eine Stadt, die – wahrscheinlich seit dem ersten Nordklang-Festival – ein Faible für die skandinavische Art des des Electro-Pops entwickelt hat, für diesen höhenlastigen, verhallten Sound, der wunderbar zu verschneiten, offenen Landschaften und kurzen Tagen passt. Man könnte hier das Klischee der verschlafenen Ostschweiz zitieren, die Musik nachhängt, die international ihren Zenit vielleicht bereits überschritten hat. Oder vielleicht findet sich die Erklärung auch in einem anderen, ebenso typisch sanktgallerischen Werk. Vor rund drei Jahren sang Wassily nämlich auf der Dachs-EP Büzlä: «Z’Sangalle schneits / Schiints, me seits / s‘ ganz Johr».

Wenn Elyn und Wassily gemeinsam in einem Zugabteil sitzen und über Musik oder sonst was diskutieren, dürften sie eben so von Mitfahrenden angesprochen werden: Paar oder Geschwister? Die beiden sind eben so vom selben Wurf, wie das Paar zu Beginn des Textes. Sie haben sich gefunden, in einem See aus Melancholie oder in einer ebenso heimeligen wie auch abgeschotteten Holzhütte in der Nähe eines nordischen Dorfs: Elyns Stimme als Feuer in einem Kamin und Wassilys Sounds als Schneeflocken, die gegen das Fenster fliegen und langsam verfliessen. Die EP ist eben diese bedrückende Harmonie, diese Art von Melancholie, in der man sich gut einnisten kann, ohne zu ertrinken oder davon zu schweben.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Lau­te Ein­sam­keit

Jo­nas Ul­rich taucht mit sei­nem ers­ten Spiel­film in die Black-Me­tal-Welt ab. Wol­ves ist ei­ne bild­star­ke Ge­schich­te über Ein­sam­keit und das Da­zu­ge­hö­ren, vol­ler Ge­gen­sät­ze und mit et­was holp­ri­gen Dia­lo­gen.

Von  Daria Frick
001 wolves

Das Ge­dächt­nis der Zu­kunft

St.Gal­len be­wahrt nicht mehr nur 1000-jäh­ri­ge Hand­schrif­ten. Mit dem In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht hier ein Ar­chiv für Web­sei­ten, künst­li­che In­tel­li­genz und das di­gi­ta­le Ge­dächt­nis der Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
2606 Internet Archive 01
Heftvorschau 06/26
archive.org, Generalverdacht, 80er-Aufbruch

Mit In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht in St.Gal­len ein Ab­le­ger des gröss­ten Ar­chivs für Web­si­ten und Künst­li­che In­tel­li­genz welt­weit. Aus­ser­dem im Ju­ni­heft: Män­ner un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht, das gros­se St.Gal­ler 80er-Buch, das Ab­schieds­in­ter­view mit dem lang­jäh­ri­gen Kel­ler­büh­nen­chef und die Fla­schen­post aus Ve­ne­dig.

Saiten 2606 01 Cover

«Han­deln wi­der bes­se­res Wis­sen ist wie­der po­pu­lär»

Der WWF St.Gal­len wird 50 Jah­re alt. Sein Ge­schäfts­lei­ter Lu­kas In­der­maur zieht bei der Be­ur­tei­lung der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on von Na­tur und Um­welt ei­ne durch­zo­ge­ne Bi­lanz.

Von  Reto Voneschen
2605 Redeplatz Lukas Indermaur

Freu­de am Ma­chen

«Urs Frei. A – Z» im Kunst­mu­se­um St. Gal­len ist die ers­te Re­tro­spek­ti­ve zum aus­ser­or­dent­li­chen Schaf­fen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Ar­bei­ten ge­ben Ein­blick in ein Werk, das kaum zu fas­sen ist. Das ge­hört zu sei­ner Qua­li­tät.

Von  Ursula Badrutt
Urs frei online

Ideen für die Zu­kunft

Wie wol­len wir künf­tig le­ben und un­se­re Nah­rungs­mit­tel pro­du­zie­ren? Die Aus­stel­lung «How goes To­mor­row» der Ost­schwei­zer Künst­le­rin Clau­de Büh­ler in der Shed­hal­le in Frau­en­feld sen­si­bi­li­siert für nach­hal­ti­ge Hand­lungs­stra­te­gien. 

Von  Vera Zatti
IMG 9114

Vom Un­glück der Frau, die ihn ge­bo­ren hat

«Das Kind zu­rück­las­sen? Wie kann man so dumm und herz­los sein», schreibt der Schwei­zer Au­tor Lu­kas Bär­fuss über sei­ne Mut­ter, die kei­ne Mut­ter für ihn sein konn­te. In sei­nem neu­en Buch schaut er in die Ver­gan­gen­heit und hat Ver­ständ­nis, nicht für die Mut­ter, aber doch für die­se Frau, die nie Glück und im­mer zu we­nig Geld hat­te.

Von  Sieglinde Wöhrer
Jhqzg1tg 1 1 Stefano de Marchi

Lau­sanne-Ouchy vs. FCSG – St. Gal­len ist end­lich Cup­sie­ger!

Gaal, Gört­ler und Wit­zig schies­sen St. Gal­len zum lang­ersehn­ten Cup­sieg!

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bis­se am Bo­den­see­ufer

Die Me­di­ka­men­ten­ver­su­che von Müns­ter­lin­gen als Teil ei­nes Vam­pir-Mu­si­cals? Auf die Idee muss man erst ein­mal kom­men. Die Büh­ne Mam­mern wagt den Ver­such. Ab 29. Mai im Zir­kus­zelt.

Von  Michael Lünstroth
Cast landscape

Zwi­schen Gleis, Ge­gen­wart und Ge­sell­schaft

Die dies­jäh­ri­ge Kul­tur­lands­ge­mein­de fin­det ent­lang der Bahn­li­nie zwi­schen Gos­sau und Was­ser­au­en statt. Es ist ein in­ter­dis­zi­pli­nä­res Ex­pe­ri­m­ent­zwi­schen Kunst, Ge­sell­schaft und Ak­ti­vis­mus. Aus­ser­dem stellt die Kul­tur­lands­ge­mein­de künst­le­risch und or­ga­ni­sa­to­risch die Wei­chen für die Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
KULA Vorstand Oleksandra Tsapko

Ein Fes­ti­val für Punk­rock

Am Sams­tag fin­det in St.Gal­len erst­mals das Punk­fes­ti­val El Car­tel statt. Es soll da­zu bei­tra­gen, die Sze­ne zu stär­ken. Da­bei fehlt es ge­ra­de in St.Gal­len an Nach­wuchs.

Von  David Gadze
Yellow tales grabepunk

Wy­bora­da: Die fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek der Ost­schweiz

Seit 40 Jah­ren macht die Bi­blio­thek Wy­bora­da in St.Gal­len sicht­bar, was lan­ge fehl­te: Li­te­ra­tur von und über Frau­en. Heu­te sind Au­torin­nen und fe­mi­nis­ti­sche The­men zwar stär­ker prä­sent in der Öf­fent­lich­keit, doch die Re­le­vanz der Bi­blio­thek ist nach wie vor gross.

Von  Marion Loher
2605 Wyborada Laura Tura room

Or­ches­trier­ter An­griff ge­gen ex­ter­nen Auf­klä­rungs­un­ter­richt 

Mit ei­ner In­ter­pel­la­ti­on grei­fen SVP und EDU im St.Gal­ler Kan­tons­rat den aus­ser­schu­li­schen Auf­klä­rungs­un­ter­richt an. Und mit Un­ter­stüt­zung des «Leh­rer­netz­werks Schweiz» wol­len El­tern aus Büt­schwil ei­ne Mit­ar­bei­te­rin der Fach­stel­le für Aids- und Se­xu­al­fra­gen vor Ge­richt brin­gen. Da­hin­ter steckt ei­ne or­ches­trier­te Ak­ti­on.

Von  René Hornung
2502 Aufklaerung Badges Inv nr 1300

Brü­cke zwi­schen mu­si­ka­li­scher und sprach­li­cher Tra­di­ti­on

«Die­ci», die ita­lie­ni­sche Zahl für zehn, ist das Mot­to des dies­jäh­ri­gen Hei­den-Fes­ti­vals. Es ver­weist da­bei nicht nur auf das Ju­bi­lä­um, son­dern auch auf ei­ne kul­tur­po­li­ti­sche Hal­tung.

Von  Lilli Kim Schreiber
Heiden Festival Nicoals Senn Tom Rigney USA

Naturmuseum Thurgau

Der Grim­bart zum An­fas­sen

Von  Vera Zatti
Dachs Illustration quer def 1

Ein Ber­ner in St.Gal­len

Das St.Gal­ler Thea­ter Trou­vail­le ent­deckt den Mu­si­ker und Ju­ris­ten Ma­ni Mat­ter neu. «’S isch ei­nisch ei­ne gsy»– 90 Jah­re Ma­ni Mat­ter ver­bin­det zahl­rei­che Lie­der und li­te­ra­ri­sche Tex­te des Ber­ners zu ei­nem abend­fül­len­den Pro­gramm. Sai­ten hat mit dem Thea­ter­lei­ter Mat­thi­as Flü­cki­ger ge­spro­chen.

Von  Vera Zatti
Mani Matter Pressefoto

Ein Kurz­trip durch Schein­wel­ten

Vier Jah­re nach ih­rem De­büt keh­ren Lev Ti­gro­vich mit ei­ner neu­en EP zu­rück. Die­se han­delt von Kon­troll­ver­lust, Il­lu­sio­nen und gros­sen Ge­füh­len – und ent­hält erst­mals ei­nen Song, der nicht auf Rus­sisch ge­sun­gen ist.

Von  David Gadze
Lev Tigrovich Press Photo 4 Lena Frei

FC St. Gal­len vs. FC Thun 1:1 – Kein Sie­ger zwi­schen den bes­ten zwei Teams der Sai­son

Im letz­ten Spiel der Sai­son trifft der FC St.Gal­len auf den neu­en Schwei­zer Meis­ter aus Thun - ei­nen Sie­ger gibt es nicht.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Phy­sik und er­schöpf­te Ma­schi­nen

Ca­li­ne Aoun in­ter­es­sie­ren die Mo­men­te der Ver­än­de­rung, die Über­gän­ge und Zu­stän­de. Ih­re Aus­stel­lung in Kunst­mu­se­um und Kunst­hal­le Ap­pen­zell wird zum En­de der sechs­mo­na­ti­gen Lauf­zeit ei­ne an­de­re sein als zu Be­ginn. 

Von  Kristin Schmidt
Kunsthalle Appenzell Caline Aoun 03 High Res RGB

Un­ter­schrift als Re­li­quie

Der 1100. To­des­tag von Wi­bora­da – In­klu­sin, Stadt­hei­li­ge und Pro­jek­ti­ons­flä­che – ist zur­zeit The­ma viel­fäl­ti­ger Ak­ti­vi­tä­ten. Zu den High­lights ge­hört ei­ne mut­mass­li­che Un­ter­schrift, zu be­sich­ti­gen in der Aus­stel­lung im St.Gal­ler Re­gie­rungs­ge­bäu­de.

Von  Peter Müller
Unterschriften2