Es ist nicht neu, dass Unterhaltungskonzerne das Musikgeschäft dominieren. Das Besondere an Unternehmen wie Live Nation, Anschutz Entertainment Group aus den USA oder CTS Eventim aus Deutschland ist aber, dass sie die ganze Verwertungskette kontrollieren.
Sie haben die Bands unter Vertrag, besitzen die Festivals, an denen die Bands auftreten, organisieren das Merchandising und vor allem gehören ihnen die lukrativen Plattformen, über die Tickets verkauft werden.
Metallica und Eminem – Saudiarabien kassiert mit
Der deutsche Autor und Inhaber einer Konzertagentur Berthold Seliger nennt es «Das Imperiengeschäft».
In einem normalen Jahr setzt CTS Eventim weltweit 250 Millionen Tickets ab.
2020 stieg der saudiarabische Staatsfonds mit rund einer Milliarde Dollar bei Live Nation ein und hält nun 5,7 Prozent der Aktien des Konzerns.
Das tönt nach weit weg – aber alles ist ganz nahe.
2017 wurde bekannt, dass Live Nation eine Mehrheitsbeteiligung am Openair Frauenfeld übernommen hat. Seither hat sich gegen aussen nicht viel geändert. Die gleichen Leute sind nach wie vor das Gesicht des Festivals. Als die Übernahme publik wurde, sagte Wolfgang Sahli, Präsident des Openair Frauenfeld, zu den Medien: «Dank dem Netzwerk von Live Nation werden wir einfacher an Stars kommen.»
Im ersten Jahr nach dem Einstieg von Live Nation konnte Frauenfeld Eminem als Hauptact präsentieren. Eminem ist bei Live Nation unter Vertrag. Die Tickets konnten nur über Ticketmaster gekauft werden. Ticketmaster gehört Live Nation.
Diese Woche gab das Openair Frauenfeld bekannt, dass es das 2002 eingestellte Festival «Out in the Green» auf der Pferderennbahn wieder aufleben lassen wird. Das Lineup führt Metallica an. Metallica ist bei Live Nation unter Vertrag.
Huber: «Noch direkterer Zugang zu Bands»
Im Januar 2020 schlossen sich die Unternehmen, die das Openair St.Gallen, das Summerdays in Arbon, das Seaside in Spiez sowie Unique Moments in Zürich veranstalten, zu einer neuen Firma namens Gadget abc Entertainement Group AG zusammen. Gleichzeitig wurde bekanntgegeben, dass dort der Unterhaltungskonzern CTS Eventim eine Mehrheitsbeteiligung übernommen hat.
In der Medienmitteilung erklärte Christof Huber, einer der beiden Geschäftsführer von Gadget: «CTS Eventim ist einer der erfolgreichsten Player auf internationaler Ebene, der uns einen noch direkteren Zugang zu Bands verschaffen kann.»
Seit dem Besitzerwechsel fielen die 2020 und 2021 geplanten Festivals im Sittertobel wegen der Corona-Beschränkungen aus. Die Tickets wären auf jeden Fall nur über Ticketcorner zu kaufen gewesen. Ticketcorner gehört je zur Hälfte CTS Eventim und Ringier.
Diese Woche startete das Weihern Openair mit Patent Ochsner, Pegasus und Lo & Leduc. Dem «St.Galler Tagblatt» erklärten die Organisatoren, dass der Verein Weihern Openair Festival neu mit der Gadget abc Entertainement Group zusammenarbeite. Diese unterstütze sie bei der Buchhaltung, beim Marketing, bei administrativen Angelegenheiten – und beim Kontakt mit Künstlern.
Organisator Diego Schweizer wird im Tagblatt mit dem Satz zitiert: «Durch die Kooperation hatten wir Zugang zu grösseren Namen wie Patent Ochsner.»
Pegasus sind direkt bei Gadget unter Vertrag. Unter dem Hinweis «we book and promote the following artists» wird auf der Homepage von Gadget das Eventim-Portfolio aufgeführt. Auf der langen Liste von AC/DC oder Adele bis zu Zucchero finden sich auch Patent Ochsner und Lo & Leduc. Die Tickets für das schon länger ausverkaufte Weihern Openair wurden über Ticketcorner abgesetzt.
Was heisst das alles?
Dem Publikum ist es vielleicht nicht so wichtig, dass auf Festivals von Live Nation vor allem Bands von Live Nation im Lineup auftauchen. Die Vielfalt ist schliesslich trotzdem gross. Zudem treten in Frauenfeld Eminem und Metallica auf – und nicht nur in Zürich oder München. Die Veränderungen fallen auch nicht gross auf, weil weiterhin die lokalen Crews am Ruder sind, die das Festivalprogramm ankündigen, mit den Behörden verhandeln und Pressekonferenzen abhalten.
Immer schwieriger wird es hingegen für die unabhängigen Veranstalter. Die Auswahl an zugkräftigen Bands, die nicht zu einem der grossen Konzerne gehören, wird kleiner. Es sind vor allem noch Newcomer, die sich erst einen Namen erspielen müssen, die gebucht werden können. Nur bringen sie wenig Publikum. Und wenn sie gross werden, unterschreiben sie vielleicht bei einer der vielen Tochterfirmen von Live Nation und CTS Eventim. Denn dann können sie auf den Festivals der Konzerne spielen.
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