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Wildfremd, hautnah

Wenn die «Wilden» und Tiere kommen, fühlt sich der «weisse Mann» überlegen: Die Journalistin und Schriftstellerin Rea Brändle stellt ihr neuaufgelegtes Buch «Wildfremd, hautnah» vor. 

Von  Harry Rosenbaum

Wie Zootiere wurden bis vor wenigen Jahrzehnten Menschen aus fremden Kulturen  in sogenannten «Völkerschauen» in Europa vorgeführt. Damit sollte die Sensationslust der Bevölkerung gestillt werden, die damals noch keine Reisemöglichkeiten hatte und sich kein Bild von der realen Welt machen konnte. Es ging aber mit der Zurschaustellung der «Wilden» auch darum, die angebliche Überlegenheit der weissen Rasse und Kultur zu belegen und den Kolonialismus zu rechtfertigen. Allein in St.Gallen gab es laut Rea Brändle zwischen 1833 und 1964 vierzig solcher «Völkerschauen».

Die aus dem Toggenburg stammende Journalistin und Schriftstellerin stellt im Palace die jetzt aufgelegte erweiterte Neuausgabe ihres Standardwerkes «Wildfremd, hautnah» vor, das im Rotpunktverlag erschienen ist.

Rea Brändle berichtet darüber, welche Truppen nach St.Gallen kamen, wo sie aufgetreten sind und was ihre Darbietungen beinhalteten. Dies geschieht anhand von Texten, Bildern, aber auch mit Erläuterungen. Es geht dabei um Typisches, aber auch um einzelne Beispiele.

5._Kap8, Abb 8

Neben unzähligen kleinen Ergänzungen hat das Standardwerk «Wildfremd, hautnah» drei neue Kapitel erhalten. Zudem ist die Dokumentation über Völkerschauen stark ausgebaut worden. Sie bezieht sich nicht mehr bloss auf Zürich, sondern zeigt ganze Tourneen einzelner Truppen. Neu sind auch etliche Bilder und deren Qualität; Normalerweise erhält eine Zweitauflage ja ein kleineres Taschenbuchformat. Hier ist es umgekehrt. Das ist laut der Autorin ein Glücksfall.

Was muss man sich unter den «Völkerschauen», die gewerbsmässig betrieben worden sind, konkret vorstellen? Rea Brändle sagt: «Es gibt unterschiedliche Ausprägungen: Kleine und grosse Veranstaltungen, mit und ohne Tiere zum Beispiel. Auf jeden Fall aber ist eines gemeinsam: Es sind Zurschaustellungen von Menschen aus andern Kontinenten. Man zahlte Eintritt, um sie anschauen zu können. In den allermeisten Fällen kamen die Völkerschauteilnehmer nicht für ein einzelnes Gastspiel nach Europa, es wurden für sie Tourneen von sehr unterschiedlicher Länge organisiert. Auch wenn etliche Teilnehmer sich freiwillig engagieren liessen, wussten sicher die wenigsten, worauf die sich einliesse. Bezeichnend ist zudem, dass immer in der Werbung, ja, im gesamten Auftritt auf die ethnische Herkunft der Leute verwiesen wurde.»

Wie kamen die «Völkerschauen» in die Schweiz, in welchen Städten respektive Orten wurden sie zuerst gezeigt? «Wie fast überall in Europa begann der Boom Ende der 1870er Jahre», sagt die Autorin. «Je grösser die Städte, desto früher die Auftritte. Doch bald schon gab es auch Schauen in kleineren Ortschaften, 1887 in Rorschach beispielsweise, 1888 in Wil, 1902 in Buchs und Altstätten.»

Wie kam Rea Brändle auf das Thema der «Völkerschauen» und wie zeigte sich die Quellenlage als sie für das Buch «Wildfremd, hautnah» zu recherchieren begann? «Durch Zufall hatte ich erfahren, dass das Anthropologischen Institut mehrere Skelette von Feuerländern aufbewahrt, die alle im Frühling 1882 in Zürich verstarben. Wie kamen diese Feuerländer nach Zürich, was haben sie hier gemacht und warum sind sie gestorben? Ich begann Material zu suchen und rekonstruierte die Geschichte dieser Menschen, die gesamte Tournee. Es gab Dokumente, die waren aber völlig verstreut.»

Völkerschauen in St. Gallen: Vortrag mit Lesung und Bildern von Rea Brändle am 17. Dezember an der Erfreulichen Universität im Palace St.Gallen. Beginn: 20.15 Uhr.

4._Kap7, Abb 3, Glatty in Leipzig001

 

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