Wenn ein Speiserestaurant seine Speisekarte erneuert, ist das üblicherweise nur für Gäste und allenfalls für Gastrokritiker von Interesse. Beim weit über St.Gallen hinaus bekannten Restaurant Baratella ist das anders: Hier verbindet sich mit der neuen, von Silvie Defrauoi gestalteten Speisekarte zum zehnten Mal Kunst mit Kochkunst.
Der Beginn dieser Kulturinitiative geht auf 1976 und eine Anregung der Erker-Galeristen Franz Larese und Jürg Janett zurück. Beide waren fast täglich im Baratella zu Gast, oft zusammen mit den Künstlern und Künstlerinnen, die sie aus ganz Europa nach St.Gallen in ihre Galerie am Gallusplatz holten. Künstler wie Giuseppe Santomaso, Eugène Ionesco, Serge Poliakoff, Günther Uecker oder Piero Dorazio gehörten zu den regelmässigen Gästen der beiden Galeristen. Die erste künstlerische Speisekarte gestaltete der italienische Künstler Piero Dorazio. Auf der Rückseite stand, vom Wirt Benjamino Marchesoni von Hand auf Stein geschrieben und im Lithographie-Verfahren gedruckt, die Speisekarte.
Auf Dorazio folgte drei Jahre später sein Landsmann Giuseppe Santomaso. Nach einer Pause von fast elf Jahren nahmen Franco Marchesoni und der St.Galler Designer Charles Keller die Idee wieder auf und beauftragten den damals in St.Gallen lebenden österreichischen Künstler Günther Wizemann mit der Gestaltung einer neuen Karte.
Für Franco Marchesoni war diese Fortsetzung logisch: «Ich habe schon als Kind viel mitbekommen und erlebt, wenn die Künstler bei uns im Restaurant waren. Sie schenkten mir manchmal auch kleine Werke, die ich dann oft selber veränderte, was sie eigentlich immer freute.» Auf Wizemann folgten bis 2013 Rolf Hauenstein, Maurizio Giuseppucci, H.R. Fricker (mit literarischen Texten auf der Rückseite), Günther Förg, Ilona Ruegg und Günther Uecker.
Infos und Reservation: restaurantbaratella.ch
Silvie Defraoui kennt das Baratella schon lange; sie wurde 1935 als Silvia Rehsteiner in St.Gallen geboren. Sie verlegte aber bereits in den 1950er-Jahren ihren Wohnsitz nach Genf, wo sie mit Chérif Defraoui (1932-1994) ein Künstlerpaar bildete, das sich mit Arbeiten in den Bereichen Installation, Fotografie, Malerei, Siebdruck und Video weit über die Schweiz hinaus einen Namen schuf. Mit St.Gallen ist Silvie Defraoui aber verbunden geblieben. 2016 erhielt sie den Kulturpreis der Stadt, sie hat im hiesigen Kunstmuseum ausgestellt und engagiert sich in der Stiftung für Ostschweizer Kunstschaffen.
Für die neue Baratella-Speisekarte hat die Künstlerin ein Foto vom Innern des Restaurants verwendet und es künstlerisch umgesetzt. Die Auflage beträgt 470 Exemplare. Davon sind 400 unsigniert, zehn gehen an die Künstlerin, 60 sind von ihr für den Verkauf signiert zum Preis von 650 Franken. Im Restaurant wird die neue Speisekarte ab dem 1. März eingesetzt.
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