M.I.A. fällt gerne auf. Die Londoner Musikerin mit tamilischen Wurzeln mag es laut und deutlich. Sie kokettiert auch gern mal mit blutigen Videos. Oder mit der Vergangenheit ihres freiheitskämpfenden Vaters. Er soll Gründungsmitglied der Eelam Revolutionary Organisation of Students (EROS) sein.
Ihre Musik ist politisch, war sie schon immer. M.I.A. kämpft gegen Homophobie, gegen Ungleichheit und Unterdrückung allerlei Couleur. In ihrem neusten Video zu Borders – Regie hat sie selber geführt – nimmt sie sich nun die Boat People, Refugees und Reisenden vor. Damit ist das Thema endgültig in der Popkultur angelangt. Die Metapher tut fast schon weh: Refugees sind Mainstream.
Das Video zeigt dunkelhäutige Männer (ja, wo sind eigentlich die Kinder und Frauen?), die über einen absurd hohen Grenzzaun klettern. Man sieht Wüstenlandschaften, Pyramiden und Boote aus Menschenkörpern. Und mittendrin: M.I.A. – immer schön beleuchtet.
Die Künstlerin treibe uns damit die Bequemlichkeit aus, schreibt die «Süddeutsche». Das Video sei «ein eindrücklicher Kommentar zur aktuellen Flüchtlingskrise», lobt «Spiegel Online». Und «musikexpress.de» stellt fest: «Kaum ein Künstler hat sich bislang getraut, eine derart klare Botschaft zur aktuellen Weltlage in Bezug auf die Flüchtlinge und die damit verbundenen Veränderungen in unserer Gesellschaft musikalisch zu formulieren, wie M.I.A. – ein wichtiger Schritt.»
Seh ich anders. Was M.I.A. da tut, mag wohl gut und ernst gemeint sein, doch es hat einen üblen Beigeschmack. Die Bilder im Video sind so überinszeniert und ästhetisch, dass sie eine Ikonizität entwickeln, die mich an Che Guevara-Buttons erinnert. Refugees, die buchstäblich um ihr Leben klettern und zu Hunderten im gleichen Boot sitzen, sollten nicht Gegenstand stylischer Pop-Videos sein. Nicht fancy. Flüchten ist kein Lifestyle, gopf.
Doch, genau solche Videos braucht es, könnte man dagegen argumentieren – eine Mainstream-Ikone, die die Leute zum Nachdenken zwingt, die etwas in Gang bringen kann. Ganz ehrlich: Wenn die echten Bilder (oder auch das nicht minder ikonische Foto von Aylan am Strand von Bodrum) schon nicht wirklich etwas bewirken, dann wird es auch M.I.A. nicht schaffen – Popkultur hin oder her. Verändern wird sie mit dieser Aktion in erster Linie ihren Kontostand.
Hier liegt das Problem: «Angekommen in der Popkultur» means nichts anderes als «making dollars». Mag sein, dass M.I.A. dem Thema einen gewissen Schub verleiht dank ihrer Bekanntheit, doch im Endeffekt wird es ihr wie allen im Business ergehen: Mit Borders wird Kasse gemacht. In diesem Fall mit Leuten, die sonst schon auf allen erdenklichen Ebenen ausgenommen werden.
Dieser elende Reflex ist systembedingt und ganz bestimmt nicht M.I.A.’s Schuld. Aber die Absolventin des Central Saint Martins College of Art and Design profitiert davon, nicht zuletzt dank ihrem Gespür für die Fragen der Gegenwart. Und dass sie einst selber Refugee war, macht es nur noch bitterer. Wenn sie wenigstens Klartext singen würde… nur ist der Text zu Borders meilenweit davon entfernt.
Bild via pitchfork.com
Ich hoffe, dass ich mich irre, aber letztlich werden die M.I.A.-Fans wohl nicht raus gehen und etwas gegen die Gleichgültigkeit unternehmen, sondern irgendwo an einer Bar stehen und zu Borders mit ihren Ärschen wackeln.
Diese Kaputtheit bringt Fatoni in seinem Video zu 32 Grad auf den Punkt. Der Track ist auf seinem im November erschienenen Album Yo, Picasso zu finden und illustriert den Zustand unserer Gesellschaft ziemlich gut: Man sieht ihn Pina Colada schlürfend im Spass-Boot vor Lampedusa, während hinter ihm die Boat People vorbeiziehen.
Er beginnt so: Ich bin Gast in diesem Land Ich kam hier an mit meinem Pass in meiner Hand Meine Haut ist an vielen Stellen verbrannt Ich hab die Sonnencreme vergessen, doch liege ständig am Strand!
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