Kategorie
Autor:innen
Jahr

WTF’s up with that?!

M.I.A. macht ein Refugee-Video und alle feiern es ab. Verändern wird das wenig, abgesehen von ihrem Kontostand.
Von  Corinne Riedener , 
Szene aus Borders (Screenshot YouTube)

M.I.A. fällt gerne auf. Die Londoner Musikerin mit tamilischen Wurzeln mag es laut und deutlich. Sie kokettiert auch gern mal mit blutigen Videos. Oder mit der Vergangenheit ihres freiheitskämpfenden Vaters. Er soll Gründungsmitglied der Eelam Revolutionary Organisation of Students (EROS) sein.

Ihre Musik ist politisch, war sie schon immer. M.I.A. kämpft gegen Homophobie, gegen Ungleichheit und Unterdrückung allerlei Couleur. In ihrem neusten Video zu Borders – Regie hat sie selber geführt – nimmt sie sich nun die Boat People, Refugees und Reisenden vor. Damit ist das Thema endgültig in der Popkultur angelangt. Die Metapher tut fast schon weh: Refugees sind Mainstream.

Das Video zeigt dunkelhäutige Männer (ja, wo sind eigentlich die Kinder und Frauen?), die über einen absurd hohen Grenzzaun klettern. Man sieht Wüstenlandschaften, Pyramiden und Boote aus Menschenkörpern. Und mittendrin: M.I.A. – immer schön beleuchtet.

 

Die Künstlerin treibe uns damit die Bequemlichkeit aus, schreibt die «Süddeutsche». Das Video sei «ein eindrücklicher Kommentar zur aktuellen Flüchtlingskrise», lobt «Spiegel Online». Und «musikexpress.de» stellt fest: «Kaum ein Künstler hat sich bislang getraut, eine derart klare Botschaft zur aktuellen Weltlage in Bezug auf die Flüchtlinge und die damit verbundenen Veränderungen in unserer Gesellschaft musikalisch zu formulieren, wie M.I.A. – ein wichtiger Schritt.»

Seh ich anders. Was M.I.A. da tut, mag wohl gut und ernst gemeint sein, doch es hat einen üblen Beigeschmack. Die Bilder im Video sind so überinszeniert und ästhetisch, dass sie eine Ikonizität entwickeln, die mich an Che Guevara-Buttons erinnert. Refugees, die buchstäblich um ihr Leben klettern und zu Hunderten im gleichen Boot sitzen, sollten nicht Gegenstand stylischer Pop-Videos sein. Nicht fancy. Flüchten ist kein Lifestyle, gopf.

Doch, genau solche Videos braucht es, könnte man dagegen argumentieren – eine Mainstream-Ikone, die die Leute zum Nachdenken zwingt, die etwas in Gang bringen kann. Ganz ehrlich: Wenn die echten Bilder (oder auch das nicht minder ikonische Foto von Aylan am Strand von Bodrum) schon nicht wirklich etwas bewirken, dann wird es auch M.I.A. nicht schaffen – Popkultur hin oder her. Verändern wird sie mit dieser Aktion in erster Linie ihren Kontostand.

Hier liegt das Problem: «Angekommen in der Popkultur» means nichts anderes als «making dollars». Mag sein, dass M.I.A. dem Thema einen gewissen Schub verleiht dank ihrer Bekanntheit, doch im Endeffekt wird es ihr wie allen im Business ergehen: Mit Borders wird Kasse gemacht. In diesem Fall mit Leuten, die sonst schon auf allen erdenklichen Ebenen ausgenommen werden.

Dieser elende Reflex ist systembedingt und ganz bestimmt nicht M.I.A.’s Schuld. Aber die Absolventin des Central Saint Martins College of Art and Design profitiert davon, nicht zuletzt dank ihrem Gespür für die Fragen der Gegenwart. Und dass sie einst selber Refugee war, macht es nur noch bitterer. Wenn sie wenigstens Klartext singen würde… nur ist der Text zu Borders meilenweit davon entfernt.

mia_borders

Bild via pitchfork.com

Ich hoffe, dass ich mich irre, aber letztlich werden die M.I.A.-Fans wohl nicht raus gehen und etwas gegen die Gleichgültigkeit unternehmen, sondern irgendwo an einer Bar stehen und zu Borders mit ihren Ärschen wackeln.

Diese Kaputtheit bringt Fatoni in seinem Video zu 32 Grad auf den Punkt. Der Track ist auf seinem im November erschienenen Album Yo, Picasso zu finden und illustriert den Zustand unserer Gesellschaft ziemlich gut: Man sieht ihn Pina Colada schlürfend im Spass-Boot vor Lampedusa, während hinter ihm die Boat People vorbeiziehen.

Er beginnt so:
Ich bin Gast in diesem Land
Ich kam hier an mit meinem Pass in meiner Hand
Meine Haut ist an vielen Stellen verbrannt
Ich hab die Sonnencreme vergessen, doch liege ständig am Strand!

 

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2

Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
2609 RIO Gerd Zikeli 01 IMG 1149