Wunschmaschine Mann 1975

Frank Heers neuer Roman «Alice» ist ein süffig geschriebenes Zeitgemälde der 1970er-Jahre. Es zeichnet die Verwerfungen im Leben eines jungen Redaktors einer bürgerlich-konservativen Zeitung nach. Am 1. Mai ist Buchpremiere.
Von  Florian Vetsch
Bilder: pd

1975 war ich 15 Jahre alt. Ein verrücktes Alter, weder Fisch noch Vogel. An einem langweiligen Mittwochnachmittag nahmen mein Spezi und ich uns im Kino Scala Jaws vor, Steven Spielbergs Vollschocker Der Weisse Hai, der in den USA die Badestrände leerfegte. In der ersten Filmhälfte versetzte mich bereits die Strandszene in Hochspannung. Dann jagte mir das jähe Auftauchen einer Wasserleiche in einem Schiffswrack schier den Pelz an die Decke. Das Ende fand ich mässig.

Doch zwischendurch kam es zu einer Szene, in welcher der Hai einen Köder mitsamt dem Bootssteg vom Ufer losreisst; auf letzterem befindet sich ein Fischer, der alsbald ins Wasser springt, um ans Ufer zurückzuschwimmen. Es kommt zu einer Verfolgungsjagd. In diese Szene hinein schrien wir Kindsköpfe: «Ja! Schnapp ihn dir! Schneller! Schneller!

In Frank Heers neuem Roman Alice schauen sich der Hauptprotagonist Max Rossmann – gibt es einen männlicheren Namen? – und seine Freundin Alice Zidane denselben Film im Kino an. Danach reden die beiden, die sich in Bezug auf Filme nie einig sind, über den Streifen:

«Nun mal ehrlich», sagte ich zu Alice, «der Film war spannend. Das musst du doch zugeben.» – «Was ich kritisiere, ist nicht sein Unterhaltungswert, sondern… Er impliziert, dass der Hai ein Monster ist. Aber das stimmt nicht! Kein Hai steigt aus dem Meer, um Menschen zu töten. Das ist komplett bescheuert.» – «Darum geht es doch nicht.» – «Worum sonst?» – «Um die Paranoia in Zeiten wie diesen. Die kollektive Angst. Vor den Russen. Der RAF. Der Atombombe. Sie ist wie eine ansteckende Krankheit, die uns von innen zerfrisst und uns selbst dort befällt, wo wir uns sicher fühlen: in unseren eigenen vier Wänden.» – «Was hat ein Hai mit der RAF zu tun?» – «Beide bringen Unruhe in die Gesellschaft.» – «Unruhe? Die RAF bringt Menschen um, weil sie die Gesellschaft erziehen will. Der Hai tötet, wer ihm zu nahe kommt. Er hat keine Ideologie, er verteidigt nur sein Revier.» – «Die Angst vor dem linken Terror ist so irrational wie die Angst vor einem Weissen Hai…» – «Das glaubst du doch selbst nicht.» – «… oder einem streunenden Köter.»

In die Handlung seines Romans, dessen Kapitel die Tage vom 7. November bis zum 25. Dezember 1975 durchlaufen, streut der Autor nicht nur hier geschickt das Aroma der 1970er-Jahre ein: Pasolinis Tod, die Machenschaften des Kommunistenschnüfflers Ernst Cincera, Francos Ende, Moon Boots, Kassettenrecorder, Telexgeräte oder die Telefonauskunft sind nur einige weitere Beispiele für das getroffene Zeitflair.

Frank Heer: Alice, Limmat Verlag 2022, Fr. 30.-

Der 23-jährige Rossmann arbeitet für den Lokalteil des bürgerlich-konservativen «Anzeigers». Er hat aber das Heu auf einer ganz anderen Bühne. Die Spannungen auf der Redaktion bauen sich auf, insbesondere zwischen Max und dem rechtslastigen Inlandredaktor Krauthammer. Sie kulminieren über der Berichterstattung zu einer von der Polizei brutal aufgelösten Demonstration gegen General Pinochets Diktatur in Chile. Krauthammer massregelt Max wegen seines kritisch aufdeckenden Artikels und ersetzt denselben durch eine nichtssagende Pressemitteilung, welche die wahren Vorfälle unterschlägt. Doch abends schmuggelt Max seinen Augenzeugenbericht in den Lokalteil des «Anzeigers» ein, sodass er dennoch erscheint. Darauf kommt es zum Eklat:

Dann platzte Krauthammer in den Raum. Dunkelrot das Gesicht, zerzaust das Haar. Er stürzte sich auf mich und schüttelte mich wie einen Baum. «Verräter! Dissident!», schrie er, «das lasse ich mir nicht bieten!»

Gräben durchziehen nicht nur die Redaktion des «Anzeigers», sondern auch das Elternhaus des Revoluzzers: «Meine Eltern steckten unter einer Decke. Einer Decke der Beherrschung.» Mit allen Mitteln versucht Max, diesem Trauma unterdrückter Bedürfnisse und Leidenschaften zu entfliehen. Alkohol und Drogen bieten ein Vergessen, entpuppen sich aber als kurze Fluchtwege. Zuverlässiger ist da die Musik.

Buchvernissagen mit Kassettenrecorder:
1. Mai, 16 Uhr, Bücherladen Appenzell
7. Mai, 20 Uhr, Schlössli Steinegg
9. Mai, 20 Uhr, Kellerbühne St.Gallen

Musik ist denn in Frank Heers Roman Alice zentral für das eingefangene Zeitflair der 1970er-Jahre – dem Buch liegt eine Songliste bei, deren Titel von Led Zeppelin und Uriah Heep über Leonard Cohen und David Bowie bis hin zu Roxy Music und Patti Smith reichen.

Und Alice Zidane, die bei der erwähnten Demonstration von einer Tränengasgranate am Rücken empfindlich verletzt wird, ist nicht die einzige Alice, die in Max’ Liebesleben eine Rolle spielt – da ist auch die rätselhafte Musikerin Alice Bay, eine von Judee Sill und Joni Mitchell inspirierte Singer-Songwriterin. Ihrer «Wolkenmeermusik» lauscht Max hingegeben in einer Bar. Eines ihrer Lieder rührt ihn zu Tränen. Er beschliesst, die junge Frau für den «Anzeiger» zu interviewen…

Anonyme Anrufe, unerklärliche Risse an Hunden und Schafen, der Treff der Anonymen Alkoholiker, Haschkekse, ein Suizidversuch und eine wüste Schlägerei spielen zudem eine Rolle in diesem süffig geschriebenen Roman.

Frank Heer, 1966 in Uzwil geboren, Journalist und Musiker in Zürich, hat 2005 seinen ersten Roman Flammender Grund herausgebracht. Jetzt ist ihm mit Alice nicht nur ein prägnantes Zeitgemälde gelungen, sondern auch ein Abbild der keineswegs harmlosen, aber sensiblen Wunschmaschine Mann.

Dieser Beitrag erscheint im Maiheft von Saiten.

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Marianne Sax,  

Ein feiner Roman ist das. Er atmet den Geist der 70er Jahre (verdammt lang her!), ist spannend und dicht erzählt. Aaaber, lieber Florian Vetsch: 1975 gab es noch keine Faxgeräte. Wie im Roman korrekt beschrieben, ratterten damals die Telexgeräte in den Redaktionen und spuckten die Meldungen aus aller Welt auf langen Lochstreifen aus.

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