Kategorie
Autor:innen
Jahr

Zur Not mit Flaschenzug

Felicitas Gadient dirigiert den Kammerchor Wil im Rollstuhl. Ihre Rezepte heissen Humor und Gelassenheit. Hier das Porträt aus dem Saiten-Oktoberheft. Von Bettina Kugler
Von  Gastbeitrag , 

Bahnhof Gossau, ein Mittwochnachmittag. In wenigen Minuten wird der Interregio aus St. Gallen in Richtung Zürich auf Gleis 4 eintreffen. Der Mobi-Helfer wartet schon auf dem Perron, um Felicitas Gadient den Einstieg zu ermöglichen. Das «gäli Wägeli» steht für die Rollstuhlfahrerin bereit, ihr Vater ist mit zum Bahnhof gekommen. So geht es leichter die Rampe hinauf, und es bleibt noch etwas Zeit zum Plaudern. «Es genügt, mindestens eine Stunde vor der Abfahrt bei der Handicap-Telefonzentrale der SBB in Brig anzurufen», sagt sie; «dann kann ich mich darauf verlassen, dass jemand da ist und alles klappt.»

Hilfe wird ihr überraschend häufig auch von Mitreisenden angeboten. «Oft sind es Leute, denen man es auf den ersten Blick nicht zutrauen würde, von denen man denkt, sie seien mit sich selbst beschäftigt. Junge zum Beispiel.» Barrieren, so die Erfahrung der pendelnden Berufsmusikerin, mache man sich oft selber. «Wenn ich verdrossen schauen würde oder hässig, dann würde das sicher abschrecken.» Aber das ist ohnehin nicht ihre Art. Offen und freundlich geht sie auf andere zu. Nicht nur den Mobi-Helfer am Bahnhof Gossau freut es.

«Man findet immer eine Lösung»

Seit mehr als zehn Jahren ist Felicitas Gadient im Rollstuhl unterwegs, häufig und regelmässig mit der Bahn – und hat mit ihrer «eingeschränkten Mobilität», wie es nicht nur im ÖV technisch heisst, kein Problem. Gerade durch ihr Handicap hat die 44-Jährige Gelassenheit und Geduld gelernt. Eine Frage der Gewöhnung, sagt sie. «Ich habe gelernt, sorgfältig zu planen und vorauszudenken. Und ich habe mir abgewöhnt, mich über allfällige Barrieren aufzuregen.» Das verbrauche nur unnötig Energie – die sie als Chor- und Orchesterleiterin lieber für die Musik einsetzt. «Wenn ich mal einen Zug verpasse, dann ist es eben so. Man findet immer eine Lösung.» Dass sie schon vor ihrer Erkrankung eine vertrauensvolle, zuversichtliche Lebenseinstellung hatte, hat ihr diesen Lernprozess erleichtert.

Heute ist sie auf dem Heimweg nach Wettingen; tags zuvor hat sie wie jeden Dienstagabend die Probe des Kammerchors Wil geleitet und anschliessend bei den Eltern in Gossau übernachtet. Die Flyer für das nächste Konzert Anfang November sind schon gedruckt. Werke des St. Galler Komponisten Paul Huber stehen im Gedenken an dessen 100. Geburtstag auf dem Programm, zudem die Uraufführung von Wolfgang Siebers Wiler Sunntig: für Felicitas Gadient eine besondere logistische Herausforderung, zumal in der keineswegs barrierefreien Stadtkirche St. Nikolaus in Wil.

«Der erste Teil wird vorn im Chorraum gesungen, dann kommt ein kurzes Zwischenspiel, und währenddessen sollten wir hoch auf die Empore», sagt sie. Noch ist nicht klar, ob sie das so schnell schaffen wird. «Ihr werdet mich mit einem Flaschenzug hochziehen müssen», hat sie im Chor gescherzt, «oder ich brauche ein Katapult.» Humor, so ihre Erfahrung, hilft wesentlich im Umgang mit körperlichen Einschränkungen und mit Barrieren. Ihre Sängerinnen und Sänger des Kammerchors Wil haben sich längst an die Dirigentin im Rollstuhl gewöhnt. So sehr, dass sich beim Proben vertraute Muster eingeschlichen haben: etwa, dass zu sehr in die Noten geschaut wird und zu wenig nach vorn zu Felicitas Gadient. Ein Stück Normalität – auch das kann Barrierefreiheit sein.

Die Krankheit kam über Nacht

2007 erkrankte die gebürtige Gossauerin an einer MS-ähnlichen Lähmung im Gehirn und Rückenmark. Plötzlich funktionierte ihr Körper nicht mehr wie gewohnt. Die Lähmung schritt innert kurzer Zeit so weit voran, dass sie weder laufen noch frei sitzen konnte. Die kognitiven Fähigkeiten waren zeitweilig stark eingeschränkt; logisches Denken fiel ihr schwer, an vertraute Begriffe konnte sie sich nicht mehr erinnern. Nach zwei Monaten im Spital und vier weiteren in der Rehaklinik musste Felicitas Gadient ihren zuvor reichen Wortschatz, ihr Wissen in Theorie und Musikgeschichte, das Singen und Klavierspielen mit Geduld und Ausdauer neu lernen und für sich zurückerobern. «Etwa ein Jahr lang war völlig unsicher, wohin es mit mir gehen würde», erinnert sie sich. «Ich war wieder wie ein Kind.» Als ernüchternd erlebte sie die Beratungsgespräche der IV über Massnahmen zur beruflichen Wiedereingliederung. «Man sagte mir: Vielleicht können Sie noch im Service arbeiten.» Heute kann sie darüber lachen. Das Kämpfen hat sie nicht hart und verbissen gemacht, sondern ruhig: grosszügig mit sich und anderen. «Ich schaue nicht auf das, was nicht geht, sondern auf das, was gelingt. Es ist eine Frage der Einstellung.» Ihr Weltbild habe sich geändert: Es sei durch die körperlichen Einschränkungen und die mit der Krankheit verbundene Sinnsuche wesentlich offener geworden, sagt Felicitas Gadient.

Anfangs hätte sie nicht zu träumen gewagt, jemals wieder einen Chor oder ein Orchester zu leiten. Doch sie bekam die Chance, es anzupacken, es im Rollstuhl auszuprobieren. Erst übernahm sie nach einer längeren Pause beim Kammerchor Wil wieder das Einsingen und die Stimmbildung, dann die Hälfte der Proben. Um schliesslich ganz wiedereinzusteigen, in voller Verantwortung. «Es war wie ein Praktikum», sagt sie, dankbar für die vielfältige Unterstützung – auch in praktischen Dingen. So liess der Chor eigens ein Bühnenpodest bauen, um seine sitzende Dirigentin besser zu sehen. Mitglieder ihres langjährigen Orchesters, der sinfonia.baden, holten sie ab, machten Fahrdienste. Letztes Jahr gab sie die Leitung des Orchesters ab; Stress steckt sie nicht mehr so leicht weg wie früher.

Eine Barriere namens Angstmacherei

Die optimistische Grundhaltung aber erleichtert ihr Leben im Alltag enorm. Und sie hat ihr geholfen, die Krankheit anzunehmen, in Zeiten grösster Unsicherheit nicht mit dem Schicksal zu hadern. «Ich habe mich immer getragen gefühlt. Zum einen durch meine Familie, meine Freunde, meinen Partner. Zum anderen durch den Glauben an eine höhere Macht. Das hat mir Kraft gegeben.» Sie habe sich nie als Opfer empfunden, «auch nicht, als mir zeitweilig die Kontrolle über meinen Geist verloren ging. Da lernte ich, mich leiten zu lassen.» Um diese Erfahrung weiterzugeben und Menschen in Krisen zu unterstützen, hat sie im vergangenen Jahr eine Coaching-Ausbildung gemacht. Demnächst wird sie noch eine weitere in Spiritual Care absolvieren, einem Studiengang an der Theologischen Fakultät der Universität Bern.

Konzerte: 3. November, 19.30 Uhr, Hofkirche Luzern und 4. November, 17 Uhr, Stadtkirche Wil.
kammerchorwil.ch

«Die grössten Barrieren haben wir im Kopf», findet Felicitas Gadient, «sei es durch Erziehung, schlechte Erfahrungen und Prägungen oder durch gesellschaftliche Normen. Diese unsichtbaren Barrieren können sehr hinderlich sein.» Umso kritischer beobachtet sie die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. «Da werden durch Angstmacherei unglaubliche Barrieren künstlich aufgestellt, und das wird dann mit politischem Kalkül ausgenutzt. Man sieht nicht den einzelnen Menschen, es fehlt an gegenseitigem Respekt. Dabei wäre es so einfach, wenn jeder seinen Mitmenschen so behandeln würde, wie er selbst behandelt werden will.» Die Folgen solcher künstlicher Schwellen jedenfalls machen ihr eher Sorge als der nächste Zug nach Wettingen. Und ein barrierefreier Weg von A nach B.

Bettina Kugler, 1970, ist Journalistin beim «St.Galler Tagblatt».

Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
DSC02464

Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
IMG 1890 2

«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1