Die Sangomas, traditionelle Heiler und vorwiegend Heilerinnen Südafrikas (rund 90 Prozent sind weiblich) gelten als Hüterinnen uralter Rezepte und Traditionen. Sie vermögen mit den Ahnen in Verbindung zu treten und helfen den Ratsuchenden medizinisch wie psychologisch. Während der Apartheid in der Ausübung ihres Berufes eingeschränkt, spielen sie heute eine zentrale Rolle im südafrikanischen Gesundheitswesen und der Gesellschaft, in der Stadt wie auf dem Land.
Der Düsseldorfer Werbefotograf Peter Frank kam 1999 im Rahmen einer Auftragsreise in Südafrika mit den Heilerinnen und Heilern in Kontakt. Auf nachfolgenden Besuchen hat er einige der heute über 200’000 praktizierenden Sangomas effektvoll in Szene gesetzt.
Die Fremden im heimischen Umfeld
Die in St.Gallen ausgestellten rund 20 grossformatigen Bilder zeigen vorwiegend Porträts, in der Darstellung Herrscherbildern nicht unähnlich. Der Fotograf habe sie «in ihrem heimischen Umfeld fotografiert», wie dem Ausstellungstext zu entnehmen ist. Gemeint sind die engen Wellblechhütten der Townships oder ländliche Rundhäuser, die Räume ausgestattet mit Objekten zur Ausübung des Heilerberufes.
Peter Frank wandte eine für Fotograf wie Porträtierte spezielle Technik an, die Langzeitbelichtung dauerte bis zu 10 Sekunden. Ein (auch in der Ausstellung gezeigtes) Making Of-Video bietet Einblick in seine Arbeitsweise und den Aufnahmeprozess.
Das Ergebnis: hübsch belichtete Hochglanzaufnahmen. Das uns fremde «heimische» Umfeld der Sangomas bedient die Klischées des westlichen Blicks: Rätselhafte Schamanen in schönster Farbigkeit, eingepackt in exotische Spiritualität.
Von Lesotho nach St.Gallen
Ausgestellt sind die Bilder auf würfelförmigen Stellwänden in der Mitte des Raumes – und in den historischen Glasvitrinen. Deren Glasscheiben verdoppeln den Effekt der fotografischen Distanz des Betrachters zum Objekt zusätzlich. Doch hat die Vitrine auch eine praktische Funktion: Nebst den Porträts beherbergt sie rituelle Gegenstände traditioneller südafrikanischer Heiler aus der völkerkundlichen Sammlung des HVM.
Nach St.Gallen gelangten diese über die Toggenburger Missionarsärztin Bertha Hardegger, die von 1937-1970 in Lesotho lebte und praktizierte. Für den Besucher bleibt die Frage offen: Wie sind die ethnografischen Objekte hierhergekommen? Wurden sie Hardegger geschenkt? Hat sie diese gekauft oder eingetauscht? Oder wurden sie gar speziell angefertigt?
Objekte fürs Museum gesammelt
Dies ist zumindest beim «Zaubermantel» der Fall, wie von Sammlungsleiter und Co-Kurator Achim Schäfer zu erfahren ist. Hardegger sammelte im Auftrag des damaligen Konservators des St.Galler Museums, Hans Krucker, Utensilien der «Zauberer», wie sie die Sangomas nannte. Viele dieser rituellen Gegenstände stammen von Heiltätigen, die zum Christentum übergetreten waren, oder wurden – wie der Zaubermantel – als Auftrag speziell fürs Museum angefertigt. Informationen über Herkunft und Umstände der Erwerbung werden zwar vom Provenienzforscher der Museums, Peter Müller, aufgearbeitet, in der Ausstellung sind sie fürs Publikum jedoch erst auf den zweiten Blick fassbar.
Mit den Gegenständen schlagen die Kuratoren Schäfer und Müller eine Brücke nach St.Gallen. Verstärkt wird diese mit hiesigen Stimmen zum Thema – Gedanken und Reaktionen von Ostschweizern wie etwa Richard Butz, Verena Kast oder David Signer u.a. Diese sowie Dokumente von Bertha Hardegger (Bilder und Texte) sind auf einer PC-Station für interessierte Besucher abrufbar.
Die Ausstellung zeigt zwar faszinierende Bilder, doch wird, bis auf ein Interview in der Publikation zur Ausstellung, nur über die Sangomas gesprochen. Weder wird deren Stimme vernehmbar, noch finden sich Berichte über die Umstände, unter denen zu Hardeggers Zeit in Lesotho einige dieser Heiler ihren Beruf aufgaben – und damit erst ermöglichten, dass ethnologische Objekte mit ritueller Patina nach St.Gallen gelangten. Viele Fragen bleiben offen, und die interessanten Antworten, die dank aufwändiger Recherchearbeit von an der Ausstellung beteiligten Mitarbeitern beantwortet werden, bleiben für die Besucher zu wenig sichtbar.
Bildergalerie: Sangomas: Peter Frank / Aufnahmen von Bertha Hardegger: Historisches und Völkermuseum
Mehr Informationen zum Thema gibt’s an den Führungen. Programm: Sangomas – Mittler zwischen den Welten: So 16. März und 25. Mai, 11 Uhr / Mi 18. Juni, 17.30 Uhr Bertha Hardegger und die «Zauberer»: Mi 16. April und 2. Juli, 17.30 Uhr Zauberei und Magie in Südafrika: So 5. Oktober 2014, 11 Uhr
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.