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Zwischen Kindheit und Krise

Der Herisauer Autor Marcel Hartmann (Bild: pd/ A. Butz)

Der Herisauer Autor Marcel Hartmann (Bild: pd/ A. Butz)

«Ich frage mich: Wozu sind Träume da?» Marcel Hartmanns autobiografische Erzählung Schneesperling erzählt von Hoffnung, Stille, Tod und Kindheit. Die treibende Kraft des Textes sind Erinnerungen. 

«Mei­ne Er­in­ne­run­gen be­stehen aus dem, was ich im In­ners­ten mit mir tra­ge.» So er­klärt es Fran­co, Prot­ago­nist der Er­zäh­lung von Mar­cel Hart­manns Schnee­s­per­ling. Das au­to­bio­gra­fisch in­spi­rier­te Werk ist das ers­te Buch des He­ri­sau­ers, bis­her hat er vor­wie­gend Kurz­ge­schich­ten ver­öf­fent­licht.

Schnee­s­per­ling ist achro­no­lo­gisch und wird auf drei sich ab­wech­seln­den Ebe­nen er­zählt: die frü­hen Er­leb­nis­se sei­ner Kind­heit und Ju­gend, die Zeit sei­nes psy­chi­schen Tief­punkts 2019 und Brie­fe, die er 2023 an sei­nen ver­stor­be­nen Gross­va­ter schreibt. Die­se Brie­fe sind für ihn An­lass, in die ei­ge­ne Ver­gan­gen­heit ein­zu­tau­chen. Das Schrei­ben wird zur hei­len­den Wohl­tat.

In poe­ti­schen Frag­men­ten schil­dert Hart­mann Fran­cos Kind­heit im Tog­gen­burg, das mit sei­ner länd­li­chen Ru­he ei­ne tie­fe Na­tur­ver­bun­den­heit und ei­ne fried­li­che Ur­sprüng­lich­keit her­auf­be­schwört. Fran­co ist meis­tens stil­ler Be­ob­ach­ter, der die Schön­heit in all­täg­li­chen Ges­ten, Bli­cken oder ba­nal an­mu­ten­den Sze­ne­rien sieht. Es sind Mo­men­te des Stau­nens. Die Wär­me der Son­ne, der lie­be­vol­le Blick­aus­tausch der Gross­el­tern, das Ge­räusch der Sen­se auf dem Feld, der Ge­ruch des Som­mer­re­gens, der Ge­schmack von But­ter­milch. Durch sei­ne kind­li­chen Au­gen wird der Kel­ler zur Un­ter­welt, der Hund zum Mons­trum, das Pa­pier­schiff­chen zum mu­ti­gen Aben­teu­er. 

«Be­rüh­rend das Nach­sin­nen in der nost­al­gi­schen Rück­blen­de.»

Als Er­wach­se­ner fragt sich Fran­co durch­aus, ob er sei­ne Kind­heit ver­klärt. Er scheint sich nach je­nen Zei­ten zu­rück­zu­seh­nen, ob­wohl ihm be­wusst ist, dass nicht al­les gut war. So ist ihm zum Bei­spiel ei­ne Sze­ne am Os­ter­es­sen 1964 prä­gend in Er­in­ne­rung ge­blie­ben. Der gross­mäu­li­ge On­kel be­schwer­te sich auf­brau­send über die Ju­gend und droh­te, das Fa­mi­li­en­idyll zu zer­stö­ren, das nur auf­recht­erhal­ten wird, weil nie­mand wi­der­spricht. 

Bis heu­te wehrt sich Fran­co nicht ge­gen Un­recht. Lie­ber hin­ter­geht er sei­ne ei­ge­nen Wer­te, als dass er je­man­dem vor den Kopf stösst. Schon sein Va­ter ver­dräng­te es stets, wenn ihm Un­recht wi­der­fuhr. Fran­co trägt die­ses Er­be wei­ter. Ein Ge­ne­ra­tio­nen­trau­ma mit­ten im rura­len Frie­den.

Das Jetzt als Feind

Nach ei­ner zer­bro­che­nen Lie­bes­be­zie­hung bah­nen sich in Fran­co mehr und mehr ne­ga­ti­ve Ge­dan­ken, Ängs­te und Zwei­fel an, die 2019 ih­ren Hö­he­punkt in ei­ner exis­ten­zi­el­len Kri­se er­rei­chen. Manch­mal fin­det er wie frü­her Ru­he und Trost in den klei­nen Au­gen­bli­cken, aber das an­dau­ern­de Glück der Kind­heit scheint ir­rever­si­bel ver­lo­ren ge­gan­gen zu sein. 

Ins­be­son­de­re in den Mo­men­ten, in de­nen es Fran­co am schlimms­ten geht, nimmt Hart­manns Spra­che rich­tig Fahrt auf. Sie wird me­ta­pho­risch, bild­ge­wal­tig, dras­tisch: «Wie im Schlund ei­nes Trich­ters sitzt er im Ker­ker der Selbst­zer­stö­rung.» Für man­che Le­sen­de könn­te der Stil in je­nen Pas­sa­gen über­frach­tend wir­ken und über­for­dernd sein. Doch ge­nau da­durch trans­por­tiert sich Fran­cos ver­zwei­fel­te Ver­wir­rung.

Ei­ne Aus­sicht auf Bes­se­rung ver­mit­teln ihm die Kunst und der Glau­be. Als er ein­mal im Mu­se­um ist, er­kennt er sich selbst in ei­nem Ge­mäl­de, in dem er die Ko­exis­tenz des Gu­ten und des Schlech­ten ma­ni­fes­tiert zu se­hen glaubt. Die­se über­ge­ord­ne­te Per­spek­ti­ve be­rührt ihn und macht ihm wie­der be­wusst, dass je­de Ver­zweif­lung den Schim­mer der Hoff­nung in sich birgt.

Die Am­bi­va­lenz des Kreu­zes

Der Glau­be ist ein Mo­tiv, das sich durch die ge­sam­te Er­zäh­lung zieht. Fran­co wird christ­lich er­zo­gen und sein Le­ben lang von Gott be­glei­tet. Es ist ei­ne Kraft, die ihn in Stau­nen ver­setzt und ihm die Krea­ti­vi­tät schenkt. In Zei­ten des Schre­ckens er­füllt ihn der Glau­be mit Zu­ver­sicht, aber manch­mal sind die Fra­gen des Le­bens so drän­gend, dass er ihn hin­ter­fragt: «Das Kreuz: Sym­bol für frömm­le­ri­sche Hin­ga­be, für ent­mün­di­gen­de Knech­tung, für scham­lo­se Heu­che­lei?» 

Doch nie wird Fran­co gänz­lich hoff­nungs­los oder zy­nisch. Er trägt stets den Fun­ken des Glücks in sich. Nur muss er wie­der ler­nen, ihn zu ent­fa­chen. Wenn er 2023 sei­ne Brie­fe an den Gross­va­ter schreibt, hat er be­reits ei­nen Kli­nik­auf­ent­halt hin­ter sich und es geht ihm merk­lich bes­ser.

Gross­va­ter

Sei­ne Be­zie­hung zum Gross­va­ter bil­det den Kern der Er­zäh­lung. Sie ist der Aus­gangs­punkt für all die fan­tas­ti­schen Er­in­ne­run­gen, für all die Schön­heit der Welt, aber auch für die dunk­len Schat­ten, die Fran­co heim­su­chen. Das Schrei­ben der Brie­fe er­fährt er als Dia­log. 

So wie ihm ein Fried­hof als Ort des Le­bens er­scheint, weil sich hin­ter je­dem Grab ei­ne Ge­schich­te ver­birgt, so scheint sein Gross­va­ter durch das Er­in­nern le­ben­di­ger als je zu­vor. Der Gross­va­ter exis­tiert aber nicht nur in prä­gen­den Er­in­ne­run­gen wei­ter, son­dern auch in Fran­cos Hal­tung und Han­deln. Die Er­in­ne­rung ist da­durch mehr als ei­ne blos­se nost­al­gi­sche Ver­klä­rung. Sie wird zum Sym­bol für das Le­ben selbst.

Hart­manns Schnee­s­per­ling ist ei­ne fein aus­ge­ar­bei­te­te und de­tail­lier­te Ge­schich­te ei­nes emp­find­sa­men Jun­gen. Und gleich­zei­tig ei­ne Ab­hand­lung über die Lie­be zum Le­ben. Ein Le­ben, das trotz Schwie­rig­kei­ten und Ver­za­gen ge­lebt wer­den will und das im­mer wie­der zeigt, dass es vol­ler Schön­heit ist. Viel­leicht sind Träu­me in ers­ter Li­nie da­für da, um ge­träumt zu wer­den.

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Mar­cel Hart­manns: Schnee­s­per­ling. Or­te Ver­lag, He­ris­au 2026.

Buch­ma­ti­nee, Sams­tag, 25. April, 10 Uhr, Ka­fi Karl, He­ris­au.

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