Robert ist zurück in seiner Agglo-Gemeinde. Langsam tastet er sich in den Alltag zurück, bezieht bei den Eltern sein Kinderzimmer und fängt einen neuen Job an. Doch Robert, vielleicht 22 Jahre alt, hat bereits den Ausdruck eines gebrochenen, alten Mannes.
Er war vier Jahre im Knast, was etwas mit seinem schnellen Auto zu tun hat, mit dem Robert noch immer durch die Gegend fährt. «Du hesch jo öpper über dä Huufe gfahre», blafft ihn ein Bekannter mit ebenfalls getuntem Auto an, den er bei der Waschanlage trifft. «Sie heisst Leandra», sagt Robert in einer anderen Szene, als die Rede auf die Vergangenheit kommt. Ein kurzer Satz, eine Ahnung nur, in dem doch viel mitschwingt: Bedauern, Schuld, Entsetzen.
So schafft Driften vom Bieler Filmemacher Karim Patwa von Anfang an eine bedrückende Atmosphäre: Man ahnt schnell, es kommt irgendwie nicht gut mit dem verwirrten Robert (Max Hubacher), der sich in seiner Welt zurechtfinden muss, in der nichts mehr ist, wie zuvor: Seine «Kollegen» aus der Autoszene schneiden und beleidigen ihn, seine Ex-Freundin lässt ihn nicht mehr an sich heran, seiner Sucht, dem Rasen oder eben «Driften», darf er sich nicht mehr hingeben: Er ist nur auf Bewährung frei. Beeindruckend ist wie Max Hubacher, bekannt aus Verdingbub, wortkarg die Last der Schuld verkörpert, die Robert erdrückt.
Der Trailer zum Film:
Was geht in Rasern vor?
Regisseur Patwa, der sich selber als Velofahrer bezeichnet, hat sich wegen der «einseitigen Medienberichte» über Raser mit dem Thema beschäftigt: «Kein Artikel hat je thematisiert, was eigentlich in diesen jungen Männern vorgeht.» Dabei habe ihn gerade diese Mischung aus jugendlichem Übermut und dem Bedürfnis nach einem Rauschzustand interessiert – was ja nicht spezifisch sei für Raser. «Aber hier haben mich nicht zuletzt die visuellen Möglichkeiten gereizt.»
Tatsächlich beeindruckt der Film mit rasanten Autoszenen, für die mit schwenkbaren Kameras und einem Team von sechs Stuntleuten ein beträchtlicher Aufwand betrieben wurde. Was aber Spannung schafft in Driften sind nicht diese Szenen, sondern das Psychospiel zwischen Robert und Alice (Sabine Timoteo). «Was mich letztlich interessiert, ist das Aufeinandertreffen zweier Menschen», sagt denn auch Patwa.
Robert trifft Alice offenbar per Zufall im Tram und fühlt sich von der deutlich älteren Frau angezogen, folgt ihr mehrmals durch die Stadt. Es kommt zu einer betrunkenen Annäherung. Nachher nimmt Robert Privatlektionen bei der Englischlehrerein Alice, um ihr nahe zu sein.
Sexuelle Anziehung allein kann sein Beweggrund nicht sein, soviel wird klar. Doch was will Robert, der sich bei ihr mit falschem Namen vorstellt, wirklich von Alice? Und wie viel weiss Alice über Robert und seine Vergangenheit?
«Ab 180 löst sich alles uf…»
Patwa ging es auch darum, die innere Welt seiner Figuren zu zeigen und «das vermeintlich klare Opfer-Täter-Schema aufzubrechen». Dazu hat er Leute aus der Szene getroffen, junge Männer, die ihre getunten Autos «wie ein Heiligtum» behandeln. Und auch Opfer von Autounfällen: Etwa eine Frau, deren Tochter überfahren wurde und ums Leben kam. Oder einen jungen Mann, der bei einem selbstverschuldeten Unfall seine Freundin getötet hat.
Im Film schlittert Robert unaufhaltsam in eine Abwärtsspirale, lässt sich von einem Arbeitskollegen zu Drogen und Raserfahrten hinreissen – für diesen Kick ist er bereits, alles zu verlieren, lässt alle Vernunft fahren. Entrückt beschreibt er einmal, was ihm die Geschwindigkeit gibt: «Mit 130 verwachsch langsam, ab 150 fangts im Hinderchopf a chribble, ab 180 löst sich langsam alles uf…»
Also das Gefühl, nachdem ja letztlich alle irgendwo suchen.
St.Galler Premiere diesen Samstag, 7. März, um 19 Uhr im Kinok in Anwesenheit des Regisseurs Karim Patwa.
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Eleanor Antin ist seit 60 Jahren künstlerisch tätig. Früh hat sie sich mit Technologie, Rassismus und Genderfluidität beschäftigt, doch zwischenzeitlich war sie fast in Vergessenheit geraten. Nun macht die erste europäische Retrospektive Station im Kunstmuseum Liechtenstein.
Der Musiker und Künstler Nicolaj Ésteban veröffentlicht ein neues Album seiner Band Loveboy And His Imaginary Friends. Es führt in eine faszinierende Welt – und in sein Inneres, wo es manchmal dunkel ist.
Nach vierzig Jahren kehrt Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil zurück. Der Künstler, mit einem Faible für Fliegen, zeigt in «Zwischen den Systemen – Kunst im vernetzten Jetzt» eine Werkübersicht, die Organisches und Digitales vereint.
Eine halbe Million weniger von Kanton und Stadt – trotzdem machen Konzert und Theater St.Gallen vorläufig keine Abstriche beim Programm. Die Spielzeit 26/27 kündigt «Grenzgänge» an, sehr zeitgemässe insbesondere im Schauspiel.
Die Kritik an der Einladung des extremistischen und techno-libertären US-Bloggers Curtis Yarvin ans St. Gallen Symposium war gross – und berechtigt. Trotzdem war sein Auftritt am Ende vor allem eines: entlarvend. Selten traten die Widersprüche, die Selbstüberschätzung und die intellektuelle Leere der Neuen Rechten so öffentlich zutage.
In eigener Sache
Historische Überlieferungen sagen oft mehr über die Geisteshaltung der Verfasser aus als über geschichtliche Tatsachen. Was lässt sich also gesichert über die historische Person Wiborada sagen? Eine quellenkritische Spurensuche.
Ein Jahrhundert nach Thomas Manns Roman greifen Karl Kave & Durian das Motiv neu auf und erzählen mit Zauberberg ein vielschichtiges Konzeptalbum über Pflege, Perspektiven und gut betuchte Damen.
Paris, New York, Shanghai, Ittingen: Mit Fabrice Hyber gastiert mal wieder ein international renommierter Künstler im Kunstmuseum Thurgau. Eine Begegnung.
Treueprobe, Verkleidungsspuk, Partner:innentausch: Così fan tutte scheint definitiv von vorgestern. Trotzdem lohnt sich Mozarts Oper auch jetzt wieder am Theater St.Gallen. Am Samstag war Premiere.
Das Kunstzeughaus Rapperswil-Jona zeigt seit dem 26. April die aktuelle Sammlungsausstellung «wohin – woher – womit». Mitgestaltet von Menschen aus der Region untersucht sie, wie Teilhabe in Museen künftig aussehen kann.
St.Gallen verliert das Spiel gegen Sion und macht so Thun zum Meister. Doch in St.Gallen denken längst alle an den anderen Titel, der dann in drei Wochen vergeben wird. Das Spiel gegen Sion zum Nachlesen gibt es trotzdem im SENF-Ticker.
Filmfestival in Frauenfeld
Buch zur Migration in die Ostschweiz