Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Ein Schildbürgerprojekt»

Hansueli Stettler steht manchmal am Bahnhofplatz und beobachtet die Leute. So nicht! sagt er und kämpft gegen die Bahnhofsvorlage, über die am 9. Juni abgestimmt wird.

Von  Peter Surber , 

Hansueli Stettler, dreissig Millionen Menschen bewegen sich bald schon jährlich auf dem St. Galler Bahnhofplatz. Eine Riesenmasse – wie kann man sie bewältigen?

Hansueli Stettler: Die Zahl sagt nicht viel aus. Man muss nicht ein Jahr oder einen Stundendurchschnitt ansehen, sondern die Spitzenzeiten: Das ist vor allem der Moment, wenn die IC-Züge ankommen. Die Zahlen werden von der Stadt hochgeschraubt, geht man hingegen von den sehr kurzen Spitzen aus, ergibt das eine völlig andere Perspektive.

Was für eine?

Die Bahnhofsvorlage setzt auf das «Projekt Spinne»: ein mit vielen Haltestellen vermöbelter Platz, verwirrliche Wege von Bus zu Bus und damit verbundene Gefahren. Gleich wie heute: Man steigt aus dem Bus aus – und rennt los. Dabei ginge es darum, das Umsteigen zu vereinfachen. Und was ist das Einfachste? Wenn die Leute kurze Wege machen müssen. Die Busse sollen sich bewegen, nicht die Menschen. Das erreicht man, indem man die Busse zu Durchmesserlinien verbindet und sie an zwei langen Perronkanten vorfahren lässt.

Das Ziel, das Umsteigen zu vereinfachen, hat auch die Vorlage der Stadt.

Aber nicht konsequent genug. Die Bahnhofplatz-Planung steckt noch im Denken der Siebzigerjahre, was die Verkehrsorganisation betrifft. Mit der heutigen Steuerungstechnik gäbe es bessere und passagierfreundliche Möglichkeiten.

Warum realisiert man sie Ihrer Meinung nach nicht?

Weil der Stadtrat unklare Perspektiven für die Zukunft hat. Es zeichnet sich doch ab: Schon bald wird man teilweise automatisiert Auto fahren, die Verkehrsströme werden sich verflüssigen, es braucht dann auch keine dritte Tunnelröhre für die Stadtautobahn mehr. Auch Busse lassen sich zeitoptimiert «steuern», der Verkehr wird sich harmonisieren, und das rechnet sich sogar finanziell.

Rechnen Sie da nicht mit dem «steuerbaren» Menschen, der sich in seinem Verhalten eben doch nicht einfach reglementieren lässt?

Es macht keinen Sinn, sich gegen Fortschritte und Vereinfachungen zu stemmen, wenn sie sinnvoll sind. Die Menschen sind klug, aber auch faul. Was ist einfacher, als auszusteigen und am gleichen Ort auf den bald folgenden nächsten Bus zu warten? Wie am Marktplatz? Die Stadt drängt uns jetzt für 37 Millionen ein Schildbürgerprojekt auf. Ein gutes Verkehrskonzept für die nächsten 25 Jahre bringt: kurze Wartezeiten, kurze Wege, mehr Übersicht und Sicherheit, viel weniger Bau- und Unterhaltskosten – auch dank verlängerter Unterführung vom Bahnhof bis zum Kornhausplatz.

Fussgänger soll man nicht in den Untergrund verbannen, sagen die Gegner einer Unterführung.

Die Stadt plant einen «breiten Korridor», auf dem wir den Platz queren sollen. Das ist hanebüchen, weil die Fussgänger immer den kürzesten Weg kreuz und quer suchen und finden werden. Und: Zwei Drittel kommen jetzt schon unterirdisch an, vom Bahnhof her. Eine moderne, verlängerte Passage ist kein gefährlicher Ort, wie Kritiker sagen, sondern dient der Sicherheit und Fahrplanstabilität. Sie wäre erst noch mit Läden finanzierbar. Aber darüber will niemand mit mir diskutieren.

Warum nicht?

Man liebt Debatten in dieser Stadt nicht wirklich.

Vielleicht liegt es an Ihrer streitbaren Art?

Ich bin hartnäckig, für manche argumentiere ich zu breit. Aber ich bleibe kritisch und will die Probleme selber durchdenken, aus gesamtgesellschaftlicher und ökologischer Sicht. Die Bevölkerung will das übrigens auch, sie ist interessiert an guten Argumenten.

Wie sähe ein lebenswerter Bahnhofplatz in Ihrer Vision aus?

Der Verkehr fliesst oben stetig; die Unterführung bietet Sicherheit, der Billettverkauf ist dort, der Kornhausplatz wird ein wirklicher Platz. Übersicht, Freiraum und Geschichte, das gehört zu einem städtischen Platz. Er könnte flexible Nutzungen zulassen, aber nicht mit einem Zickzackbrunnen möbliert sein – solche Spielplätze gehören in die Quartiere. Ich bin dafür, den Platz leer zu halten; St.Gallen braucht solche Freiräume.

Gibt es für Ihre Ideen offene Ohren?

Ich hoffe, langfristig beim Kanton und den Busbetrieben.Der Kanton setzt zu Recht auf den Durchflussverkehr. Ich bin letzthin wieder einmal am frühen Morgen zwei Stunden auf dem Platz gestanden und habe zugeschaut, wie das zu- und hergeht. So nicht mehr! Das Projekt, über das wir abstimmen, bringt keine reale Verbesserung und lässt sich auch nicht «heilen» mit der Zusatzfrage zur Unterführung.

Sie stehen dort und schauen, was abgeht?

Ja, ich mache das ab und zu, einfach beobachten und überlegen. Ich habe auch Modellrechnungen gemacht, hier, diese Grafik, mit allen Abfahrten Richtung Ost/Nord und West/Süd, und den Verbesserungen dank Durchflussverkehr. Aber ich steige auch in den Bus, um zu schauen, wo es sonst noch klemmt. Mein Hobby ist auch empirisch … man muss wissen, wie die Leute funktionieren, ihre Bedürfnisse kennen und teilen.

 

Hansueli Stettler ist Bauökologe in St.Gallen, ehemals grüner Gemeinderat, fährt viel Velo, Zug, ab und zu Bus, selten Auto und ganz selten LKW.

Interview: Peter Surber / Bild: Tine Edel

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2