Hansueli Stettler steht manchmal am Bahnhofplatz und beobachtet die Leute. So nicht! sagt er und kämpft gegen die Bahnhofsvorlage, über die am 9. Juni abgestimmt wird.
Hansueli Stettler, dreissig Millionen Menschen bewegen sich bald schon jährlich auf dem St. Galler Bahnhofplatz. Eine Riesenmasse – wie kann man sie bewältigen?
Hansueli Stettler: Die Zahl sagt nicht viel aus. Man muss nicht ein Jahr oder einen Stundendurchschnitt ansehen, sondern die Spitzenzeiten: Das ist vor allem der Moment, wenn die IC-Züge ankommen. Die Zahlen werden von der Stadt hochgeschraubt, geht man hingegen von den sehr kurzen Spitzen aus, ergibt das eine völlig andere Perspektive.
Was für eine?
Die Bahnhofsvorlage setzt auf das «Projekt Spinne»: ein mit vielen Haltestellen vermöbelter Platz, verwirrliche Wege von Bus zu Bus und damit verbundene Gefahren. Gleich wie heute: Man steigt aus dem Bus aus – und rennt los. Dabei ginge es darum, das Umsteigen zu vereinfachen. Und was ist das Einfachste? Wenn die Leute kurze Wege machen müssen. Die Busse sollen sich bewegen, nicht die Menschen. Das erreicht man, indem man die Busse zu Durchmesserlinien verbindet und sie an zwei langen Perronkanten vorfahren lässt.
Das Ziel, das Umsteigen zu vereinfachen, hat auch die Vorlage der Stadt.
Aber nicht konsequent genug. Die Bahnhofplatz-Planung steckt noch im Denken der Siebzigerjahre, was die Verkehrsorganisation betrifft. Mit der heutigen Steuerungstechnik gäbe es bessere und passagierfreundliche Möglichkeiten.
Warum realisiert man sie Ihrer Meinung nach nicht?
Weil der Stadtrat unklare Perspektiven für die Zukunft hat. Es zeichnet sich doch ab: Schon bald wird man teilweise automatisiert Auto fahren, die Verkehrsströme werden sich verflüssigen, es braucht dann auch keine dritte Tunnelröhre für die Stadtautobahn mehr. Auch Busse lassen sich zeitoptimiert «steuern», der Verkehr wird sich harmonisieren, und das rechnet sich sogar finanziell.
Rechnen Sie da nicht mit dem «steuerbaren» Menschen, der sich in seinem Verhalten eben doch nicht einfach reglementieren lässt?
Es macht keinen Sinn, sich gegen Fortschritte und Vereinfachungen zu stemmen, wenn sie sinnvoll sind. Die Menschen sind klug, aber auch faul. Was ist einfacher, als auszusteigen und am gleichen Ort auf den bald folgenden nächsten Bus zu warten? Wie am Marktplatz? Die Stadt drängt uns jetzt für 37 Millionen ein Schildbürgerprojekt auf. Ein gutes Verkehrskonzept für die nächsten 25 Jahre bringt: kurze Wartezeiten, kurze Wege, mehr Übersicht und Sicherheit, viel weniger Bau- und Unterhaltskosten – auch dank verlängerter Unterführung vom Bahnhof bis zum Kornhausplatz.
Fussgänger soll man nicht in den Untergrund verbannen, sagen die Gegner einer Unterführung.
Die Stadt plant einen «breiten Korridor», auf dem wir den Platz queren sollen. Das ist hanebüchen, weil die Fussgänger immer den kürzesten Weg kreuz und quer suchen und finden werden. Und: Zwei Drittel kommen jetzt schon unterirdisch an, vom Bahnhof her. Eine moderne, verlängerte Passage ist kein gefährlicher Ort, wie Kritiker sagen, sondern dient der Sicherheit und Fahrplanstabilität. Sie wäre erst noch mit Läden finanzierbar. Aber darüber will niemand mit mir diskutieren.
Warum nicht?
Man liebt Debatten in dieser Stadt nicht wirklich.
Vielleicht liegt es an Ihrer streitbaren Art?
Ich bin hartnäckig, für manche argumentiere ich zu breit. Aber ich bleibe kritisch und will die Probleme selber durchdenken, aus gesamtgesellschaftlicher und ökologischer Sicht. Die Bevölkerung will das übrigens auch, sie ist interessiert an guten Argumenten.
Wie sähe ein lebenswerter Bahnhofplatz in Ihrer Vision aus?
Der Verkehr fliesst oben stetig; die Unterführung bietet Sicherheit, der Billettverkauf ist dort, der Kornhausplatz wird ein wirklicher Platz. Übersicht, Freiraum und Geschichte, das gehört zu einem städtischen Platz. Er könnte flexible Nutzungen zulassen, aber nicht mit einem Zickzackbrunnen möbliert sein – solche Spielplätze gehören in die Quartiere. Ich bin dafür, den Platz leer zu halten; St.Gallen braucht solche Freiräume.
Gibt es für Ihre Ideen offene Ohren?
Ich hoffe, langfristig beim Kanton und den Busbetrieben.Der Kanton setzt zu Recht auf den Durchflussverkehr. Ich bin letzthin wieder einmal am frühen Morgen zwei Stunden auf dem Platz gestanden und habe zugeschaut, wie das zu- und hergeht. So nicht mehr! Das Projekt, über das wir abstimmen, bringt keine reale Verbesserung und lässt sich auch nicht «heilen» mit der Zusatzfrage zur Unterführung.
Sie stehen dort und schauen, was abgeht?
Ja, ich mache das ab und zu, einfach beobachten und überlegen. Ich habe auch Modellrechnungen gemacht, hier, diese Grafik, mit allen Abfahrten Richtung Ost/Nord und West/Süd, und den Verbesserungen dank Durchflussverkehr. Aber ich steige auch in den Bus, um zu schauen, wo es sonst noch klemmt. Mein Hobby ist auch empirisch … man muss wissen, wie die Leute funktionieren, ihre Bedürfnisse kennen und teilen.
Hansueli Stettler ist Bauökologe in St.Gallen, ehemals grüner Gemeinderat, fährt viel Velo, Zug, ab und zu Bus, selten Auto und ganz selten LKW.
Interview: Peter Surber / Bild: Tine Edel
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