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«Electroboy»: Marcel Gislers Premiere in Locarno

«Electroboy» ist der erste Dokumentarfilm des im Rheintal aufgewachsenen Filmemachers Marcel Gisler. Die Premiere fand am Samstag am Filmfestival in Locarno statt.
Von  Andreas Kneubühler

Im Januar 2013 lief  «Rosie« als Eröffnungsfilm der Solothurner Filmtage. Es war das Comeback von Marcel Gisler in den Kinos nach fast 15 Jahren Drehpause. Rund eineinhalb Jahre später präsentierte der in Berlin lebende Filmemacher am Samstag in Locarno bereits seinen nächsten Film: Die Premiere von «Electroboy» lief in der renommierten Festivalschiene «Semaine de la Critique».

«Electroboy» ist die Geschichte von Florian Burkhardt.

Aufgewachsen in den 70er Jahren in der Innerschweiz in einem katholisch-moralischen Elternhaus, beendete er mit 21 Jahren das Lehrerseminar – und hob ab. Er sah sich als Star und fand überall sofort Leute, die dasselbe glaubten. Burkhardt wollte Filmschauspieler werden, reiste ohne Umweg nach Hollywood und wurde dort von einem Agenten unter Vertrag genommen – brach aber das Experiment nach vier Monaten bereits wieder ab.

Doch das war aber nur der Anfang: In Mailand startete er praktisch aus dem Stand eine Karriere als Model und wurde von exklusiven Agenturen unter Vertrag genommen. Dann schmiss er alles hin und arbeitete erfolgreich im Internet-Business der frühen 90er Jahre. Erneut warf er alles hin und begann in Zürich unter dem Label «Electroboy» eine Karriere als Partyorganisator – im grossen Stil.

Damals litt Burkhardt aber bereits unter Angstpsychosen, die Klinikaufenthalte nötig machten und seither seinen Alltag bestimmen.

Damit gab es für Gisler eigentlich zwei Stoffe: Eine süffige Hochstaplerstory mit Locations wie Hollywood, Milano oder New York.  Und die schwierige Entwicklungsgeschichte eines schwulen Jugendlichen im rigid-katholischen Milieu.

Gisler erzählt sie beide. Und zwar mit einer Leichtigkeit, die bei der Premiere im kleinen Teatro Kursaal immer wieder für Gelächter sorgte – ohne dass die psychische Krankheit und das damit verbundene Familiendrama abgeschwächt würden.

Gezeigt werden über weite Strecken 1:1-Situationen: Die Kamera ist auf eine Person gerichtet. Ein Interviewer (Gisler) stellt Fragen, bleibt aber selbst unsichtbar. Diese klassische Konstellation eines Dokumentarfilms löst sich dann aber immer mehr auf: Gisler fragt mit hörbarer Verwunderung nach, beantwortet Fragen und rückt am Schluss selber ins Bild.

Die Kamera bleibt geduldig auf die Gesichter fokussiert – auch wenn die Frage schon lange beantwortet scheint. Sie bricht die Szene aber auch abrupt ab, wenn nichts mehr gezeigt werden kann. Das Kopfschütteln des Vaters ist dann aber so lange zu sehen, bis ihm das Nein niemand mehr glaubt.

Dass der schwierige Spagat mit den beiden unterschiedlichen Plots gelang, hat auch mit der Hauptfigur zu tun. Florian Burkhardt erzählt seine eigene Geschichte mit viel Lakonie, wie von einem steten inneren Kopfschütteln begleitet.

Dieses Gespräch habe er erst am Schluss gedreht, erzählte Marcel Gisler nach der Premiere. «Wir hatten Angst, dass er emotional verschlossen bleibt.» Doch dann sei Burkhardt vor der Kamera so offen gewesen, wie nie zuvor. «Wir mussten unser Konzept umstellen, denn danach war klar, dass das Interview mit ihm im Film der rote Faden sein wird.»

Der Kinostart von «Electroboy» ist für den 20. November angekündigt.

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