Harry Rosenbaum: Die Vision fehlt
Um diese Frage zu beantworten, schalte ich um auf den Sachverstand und zupfe mir mal den Lokalbund für St.Gallen und Umgebung heraus. Natürlich lässt sich daran keine Gesamtkritik für das Blatt festmachen. Aber als vielseitig interessierter Stadtbewohner ist halt der Lokalbund für mich das Filetstück.
Meine Erwartungen sind auch entsprechend hoch. Lokaljournalismus soll durch Hintergrund, Einordnung, Meinungen und Lesespass entschleunigend wirken. Ich lasse mich gerne überraschen durch Themenwahl, Unkonventionalität, Sprache und Bilder.
Der Lokalteil meiner Zeitung soll für mich unentbehrlich werden, eine Community darstellen, kulturellen und gesellschaftlichen Service bieten. Ich will mich als Komplize meiner Zeitung fühlen und muss deshalb vor allem von der Lokalredaktion ernst genommen werden: als Leser, Kritiker, Anreger und manchmal auch als debattierender Leserbriefschreiber.
Gewiss, das ist ein sehr individuelles Bekenntnis eines Zeitungslesers. Ich denke aber, es ist legitim, weil die Lokalredaktion sich solchen Vorstellungen annähern kann. Das genügt mir.
Am 7. Juli ist die neue Architektur des St.Galler Tagblatts Realität geworden. Besonders davon betroffen ist der Lokalteil. Es werde leichte Umfangreduktionen geben, schreiben die Verantwortlichen. Verschiedentlich werde es zu Anpassungen der Ressortstrukturen kommen. Wo es sinnvoll erscheine, würden Optimierungen im Nachbarschaftsbereich der einzelnen Ausgaben umgesetzt, werde ich weiter aufgeklärt. Das heisst, dass in meiner Ausgabe die Seite «St.Galler Kultur» schon mal wegfällt.
Wenn ich die ersten sieben Nummern mit der neuen Architektur im Lokalteil anschaue, ist die Blattordnung schlechter geworden. Früher habe ich mich zwischen den Berichten und Informationen aus der Stadt St.Gallen und dem Agglo-Land besser zurecht gefunden.
Und was ist mit meinen anderen Erwartungen an den Lokaljournalismus? Da stelle ich keine merklichen Veränderungen fest. Das Tagblatt spiegelt zwar einen Teil der realen Welt, belässt aber nach wie vor viel Lokales im toten Winkel. Diesbezüglich bringt die neue Blattarchitektur nicht mehr Qualität. Und der Verlag lässt eine Vision für die Zukunft gänzlich vermissen.
Entschuldigt wird der Umbau des Blattes lapidar mit «weniger Anzeigeseiten». Die Erklärung ist billig. Die Konkurrenz, die Gratiszeitungen, haben nämlich im ersten Halbjahr 2014 Anzeigevolumen zugelegt, wenn auch nicht in grossem Stil.
Matthias Ackeret, Chefredaktor von persoenlich.com, hat das kürzlich vor dem Verband der Schweizer Gratiszeitungen (VSGZ) so erklärt: Die Gratiszeitungen seien in den Regionen gut verankert, zumal sie in bestimmten Gebieten alle Haushalte abdeckten. Und lokal geprägte Inhalte, wie sie die Gratiszeitungen anböten, fänden bei den Lesern eben grosse Beachtung.
Dem St.Galler Tagblatt fehlt diese Einsicht, diese Vision fürs Zeitungsmachen unter den veränderten wirtschaftlichen Bedingungen. Dabei geht es auch anders. So setzten beispielsweise die «Westdeutsche Zeitung» in Düsseldorf und die «Bild» auf neue Strukturen und auf den Ausbau der Regional- und Lokalberichterstattung an Rhein und Ruhr. Die Blätter haben nicht nur mehr Leser, sondern auch mehr Anzeigekunden gewonnen.
Eine kleine Lokalzeitung in Winnipeg, Kanada hat das Zeitungsmachen sogar neu erfunden und ihre Redaktion in eine Beiz verlegt. So konnten die Zugangsbarrieren für die Leser abgeschafft werden. Im «Free News Café» können die Leute die Zeitungsmacher nun direkt ansprechen, ihnen Fragen stellen, sie kritisieren und auch selber Themen anreissen.
Harry Rosenbaum ist seit über 40 Jahren Journalist, wohnt in St.Gallen und schreibt unter anderem für den «Schweizer Journalist» und für Saiten.
Zora Debrunner: «Fades Gemüse in einer Knochensuppe»
Seit ich denken kann, hat meine Familie die Thurgauer Zeitung (TZ) abonniert. Ich bin mit ihr sozusagen aufgewachsen. Die TZ hat mich Lesen gelehrt. Ich bin ihr, der Zeitung mit den ehemals blauen Lettern, sehr verbunden.
Ich erinnere mich daran, dass die TZ jeweils an den hohen Festtagen ein besonderes, buntes Titelblatt hatte. Ich hab es jeweils ausgeschnitten und in mein Tagebuch geklebt.
Irgendwann wurde die TZ ein Adoptivkind des «TagesAnzeigers». Mir ging das gegen den Strich. Unsere Zeitung in den Händen des Zürcher TA-Media-Verlags? Was soll dabei noch Gutes heraus kommen?
Dann wurde die TZ, die immerhin auf zweihundert Jahre Geschichte zurückblicken kann, wie ein unliebsames Rind an die NZZ verschachert. Ich und viele andere im Thurgau hofften auf eine Steigerung der Qualität. Schliesslich würde die NZZ, bzw. die zugehörige Tagblatt-Gruppe, nun das neue Mutterhaus werden!
Jetzt, einige Jahre später, bin ich vollends desillusioniert. Die Tagblatt-Gruppe hat aus meiner Zeitung ein Stück fades Gemüse in einer Knochensuppe gemacht. Die Thurgauer Zeitung ist heute nicht mehr als ein auswechselbarer Titel, denn die Inhalte sind mehrheitlich jene des Tagblatts.
Diesen Juni lancierte der Pfyner Künstler Alex Meszmer eine Petition für den Erhalt der Regionalinhalte. Innerhalb kürzester Zeit kamen so über 1500 Unterschriften zusammen. Chefredaktor Philipp Landmark nahm dies zur Kenntnis, äusserte sich auf Twitter aber eher ausweichend. Er zeigte wenig Bereitschaft, sich mit seinen Lesern über die bevorstehenden Veränderungen zu unterhalten.
Ende Juni wurde klar, dass die Zusammenlegung der Ressorts beschlossene Sache war und zehn Redaktionsstellen gestrichen würden.
Da ist beispielsweise das Verschwinden der «Leuchtspur» und der «Ostblock»-Seiten zu erwähnen. In meinem Bekanntenkreis (keine Künstler, sondern «ganz normale» Leute) wurden diese sehr geschätzt. Dass nun stattdessen in unserer Zeitung irgendwelche Merchandising-Angebote gedruckt werden, erheitert. Verständnis dafür bringen die wenigsten auf.
Stattdessen sollen wir also, nachdem die Chefredaktion die wirklich interessanten Seiten entfernt hat, uns mit Tagblatt-Bechern und Schirmen eindecken? Schliifts? Auf Fragen wie: «Warum hast du die TZ abonniert?» hörte ich in den letzten Tagen Antworten in der Art: «Wegen der Todesanzeigen!» Die Frage nach der thurgauischen Identität bleibt, zumindest von der TZ, unbeantwortet.
Wir erkennen: die NZZ-Gruppe hat keinerlei Interesse an einer starken regionalen Zeitung wie der TZ. Nein. Alle Argumente, eine Zeitung für die Leser zu machen, prallen ab. Verletzter Lokalstolz wird als fades Argument gegen die verallgemeinerte Informationsstrategie in einer ganzen Region angeführt, unter anderem von Philipp Landmark.
Dabei sieht die Sache für mich als Thurgauerin etwas anders aus: Lokale Redaktionen haben einen tieferen Einblick in die lokalen Verhältnisse als jemand in St.Gallen, der nicht den Blick aufs Thurtal, sondern nur grad auf den Säntis hat. Die Leute, die in Diessenhofen leben, haben logischerweise andere Interessen als die Arboner.
Bei der Neustrukturierung wurde (absichtlich?) übersehen, wie unterschiedlich die Regionen des Thurgaus ticken. Vielleicht mag man das als ländlich und piefig verspotten. Für uns Leser bleibt aber ein bitterer Nachgeschmack.
Auch ein anderer Aspekt wird nun zumindest den Thurgauer Politikern klar: Berichte aus dem Kantonsrat werden ebenfalls rarer werden. Vermutlich steigt dafür die Artikeldichte über fälschlicherweise eingeschläferte Katzen. Es bleibt spannend. Die Anzahl der Abonnenten wird im Thurgau bestimmt nicht steigen.
Zora Debrunner stammt aus dem Thurgau und schreibt unter anderem für thurgaukultur.ch, ihren Blog «Demenz für Anfänger» und neu auch für Saiten. Das farbige Foto hat sie kürzlich auf dem Säntis gemacht, das schwarzweisse ist von Sascha Erni.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.