Kategorie
Autor:innen
Jahr

100 Jahre Palace: Kinohaus mit Filmverbot

1924 als Stummfilm-kinopalast eingeweiht, musste für das Palace vor 20 Jahren ein neuer Inhalt gesucht werden – und er wurde erfolgreich gefunden. Das Filmvorführverbot fürs Haus am Blumenbergplatz ist ein anachronistisches Relikt.
Von  René Hornung
Sara Spirig hat für den Palace-Schwerpunkt im Märzheft das Haus bei Tag und Nacht erkundet und Momentaufnahmen gemacht. Die übrigen Bilder sind aus dem Palace-Fundus, dem Staatsarchiv, dem Sadtarchiv und von der Baudokumentation Stadt St. Gallen.

Jules Albert Schulthess (1878–1963) war Elektromonteur in Oerlikon und wurde Kinobesitzer in St. Gallen. In den frühen 1920er-Jahren beauftragte er den Architekten Moritz Hauser mit dem Bau des Palace, ausgerüstet mit Bühne und Orchestergraben. Schulthess gilt als Kinopionier und zeigte schon 1930 den ersten Tonfilm. Bis 1983 war es seine Witwe, Trudy Schulthess-Liechti, die das Haus und drei weitere St.Galler Kinos während 20 Jahren allein weiter programmierte: Scala, Hecht und Storchen.

Fast wie im Märchen kamen die zwei einst zusammen. Jules Schulthess war Vorstandsmitglied des Schweizerischen Lichtspieltheaterverbandes, Trudy Liechti war dort Sekretärin. Er habe sie – so erzählte sie es im August 1982 dem Journalisten Hanspeter Spörri – «von der Stelle weg geheiratet». Gepflegtes Kino war der Anspruch dieser engagierten Frau, die im erwähnten Text auch sagt, das Frauenstimmrecht sei viel zu spät eingeführt worden und die Frauen müssten sich auch in den 1980er-Jahren noch ständig für ihre Rolle in der Wirtschaft verteidigen.

Brüni und sein Strohmann

Doch dann – inzwischen war die Grande Dame mit dem Weissweinglas in der Hand Anfang 70 – wurde es Zeit, ihre Nachfolge zu regeln. Es sei ihr wichtig gewesen, ein St.Galler Kinomonopol zu verhindern, sagte sie im Mai 1983 den Zeitungen. Also suchte sie nach jemanden, der ihre Säle übernehmen konnte und fand im Zürcher Engelbert Oberholzer einen Nachfolger. Doch Oberholzer starb, noch bevor die Übergabe stattfinden konnte. Und dann kam zum Ärger von Trudy Schulthess ans Licht, dass just ihr St.Galler Konkurrent, Franz Anton Brüni, als Mitfinanzierer von Oberholzer hinter dem Deal steckte.

Eröffnung Cinema Palace, 1924. (Bild: Stadtarchiv)

Damit war genau das passiert, was die Palace-Eigentümerin auf jeden Fall verhindern wollte: Das Kinomonopol war Tatsache geworden. Trudy Schulthess weigerte sich zuerst, den Vertrag anzuerkennen, denn vom «Strohmann» in Brünis Auftrag habe sie nichts gewusst. Sie vermietete ihre Kinos ab Juli 1982 deshalb der Zürcher Liag-Capitol. Doch dann setzte sich Brüni vor Gericht durch. Die Verträge seien gültig, befanden die Richter, und so wurde Konkurrent Brüni zuerst Mieter bei der Palace-Hauseigentümerin und später auch Hauseigentümer. Und Brüni setzte gleich zum nächsten Schachzug an: Er überliess der Liag-Capitol, die inzwischen die Schulthess’schen Kinos betrieb, seine Winterthurer Kinos und bekam dafür alle St.Galler Lichtspielhäuser. Trudy Schulthess war schwer enttäuscht: «Ich hätte die Kinos sicher nicht verkauft, wenn ich gewusst hätte, dass Brüni hinter dem Kauf steckt», kommentierte sie 1983 in der Presse.

Franz Anton Brüni war bei Kinofreund:innen zum Buhmann geworden. Er bemühte sich deshalb, seinen Ruf aufzupolieren und versprach, dank seinem Monopol könne er ein breites Programm anbieten und auf Sexfilme «weitgehend verzichten». Er legte Scala und Hecht zusammen und richtete 1984 zusätzliche Säle ein. Das Rex hatte er schon 1980 ausgebaut und im Obergeschoss und im Keller je einen zusätzlichen Saal eingerichtet. Der Kellersaal ist unter dem an dieser Stelle inzwischen entstandenen Neubau heute eine Kaverne fürs Meteorwasser.

Die erfolgreichen Strippenzieher:innen

Die grosse Veränderung zum heutigen Palace kam 2003: Brüni schenkte dem ehrwürdig-altmodischen Kino Palace kaum mehr Beachtung. Er hatte schon genug Mühe, seine drei Rex-Säle direkt nebenan zu füllen. Weil die Stadt gleichzeitig einen neuen Standort für die Methadonabgabe suchen musste und dafür den kleinen Anbau des Palace im Blick hatte, und weil die damalige Stadträtin Elisabeth Beéry sich für den Kauf des Kulturhauses stark machte, kam der Verkauf an die Stadt zustande. Allerdings mit einem im Grundbuch eingetragenen Servitut: Im Palace darf kein «Kino oder kinoähnliches Gewerbe» betrieben werden.

Nach dem Kauf schrieb die Stadt deshalb einen öffentlichen Ideenwettbewerb aus, mit dem herausgefunden werden sollte, was aus dem ehrwürdigen Palace nun werden könnte. Mehrere Projekte gingen ein, auch eines, das einen Theater- und Unterhaltungsbetrieb vorsah, wie er im Casino Winterthur läuft. Doch der dafür nötige Umbau- und Betriebskredit – 6,6 Millionen Franken Umbaukosten und eine Viertelmillion Jahresbeitrag – scheiterte im Stadtparlament. Wie das damals genau lief und wer wo lobbyierte, wird an den 100 Veranstaltungsstunden des Jubiläums zur Sprache kommen.

Jedenfalls war es ein erfolgreiches Strippenziehen jener drei Gruppen, die deutlich niederschwelligere Nutzungsvorschläge eingereicht hatten: Die Betreiber:innen der Frohegg – des ehemaligen Bündnerhofs – im Bleicheli, die Leute vom Hafenbuffet Rorschach sowie Klang und Kleid schlossen sich zusammen und konnten den Probebetrieb starten – mit «Tonhütte», «Erfreuliche Universität» und «Fanatorium». Und nachdem sich gezeigt hatte, dass der Betrieb lief, sagte das Stadtparlament im Herbst 2007, im zweiten Anlauf, Ja zu 3,5 Millionen für den deutlich bescheideneren Umbau und einen Betriebskredit samt Mietverbilligung von 200’000 Franken pro Jahr.

Obsoletes Filmvorführverbot

Das nach wie vor geltende Filmvorführverbot im Palace ist zum Unikum geworden. Beim Verkauf des Palace war es die Absicht von Kinomonopolist Franz Anton Brüni, dass in der direkten Nachbarschaft seiner drei Rex-Säle keine Konkurrenz weiterbetrieben wird. Doch die St.Galler Kinos gehören längst einem anderen Monopolisten: der Swisscom, respektive ihrer Kino-Tochter Blue Cinema. Und das Rex als Kinohaus ist abgebrochen und neu überbaut. Jetzt müssten nicht weniger als 20 Stockwerkeigentümer:innen im Neubau unterschreiben, um das obsolete Filmvorführverbot aus dem Grundbuch zu löschen, so die Auskunft aus dem Grundbuchamt.

Die verärgerte SVP

Allerdings blieben erneute Nebengeräusche nicht aus. Die SVP fand die 200’000 Franken einen Affront gegenüber anderen Kulturveranstalter:innen, die weniger oder nichts bekommen. Sie wollte nur 140’000 Franken bewilligen, scheiterte aber mit dem Kürzungsantrag. Schon im Vorfeld hatte Barbara Frei (FDP) sich in einer Einfachen Anfrage erkundigt, ob im stadteigenen Palace nicht unzulässig linke Politik gemacht werde, weil die «Erfreuliche Universität» einen Abend zur Videoüberwachung veranstaltet hatte. Der Stadtrat gab sich in der Antwort salomonisch: Zwar lägen einzelne Veranstaltungen im heiklen Grenzbereich zwischen einem «weitgespannten kulturellen Verständnis einerseits und politischem Engagement andererseits», doch angesichts des interessanten Palace-Programms gebe es keinen Grund zur Intervention.

Kaspar Surber, einer der Mitinitianten des Palace-Kulturbetriebs, schrieb beim Start 2006, das Haus sei schon bei seinem Bau eine «Trutzburg des Fortschritts und der Ein- und Aufmischung» gewesen. Das ist dem gerade 100 Jahre alt werdenden Haus offensichtlich bis heute eingeschrieben.

Das Cinema Palace am Blumenbergplatz wurde am 25. März 1924 feierlich eröffnet. Zum 100-Jahr-Jubiläum des ehemaligen Filmpalasts findet vom 20. bis 24. März das «100vor100»-Festival statt. Es dauert 100 Stunden und hält viele musikalische und cineastische, aber auch allerhand andere Überraschungen parat. Auch für die Nachtstunden.

Das komplette Programm mit allen Veranstaltungen (Konzerte, Filme, Soundwalks, Führungen, Lesungen, Erfreuliche Universität, Figurentheater, Kinderdisco etc.) samt Uhrzeiten findet sich auf palace.sg.

Das Kro­ko­dil schnappt wie­der zu

Von  Pius Frey  und  David Gadze
Krokodil 2026 pd

24/7 Traumacore

Heat Girl Sum­mer

Von  Mia Nägeli

Kunst in Oberuzwil

Spu­ren der Hei­mat

Von  Vera Zatti
Dieses

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von  Richard Butz
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von  Philipp Bürkler
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von  Philipp Bürkler
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von  Kristin Schmidt
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von  René Hornung
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01