Jules Albert Schulthess (1878–1963) war Elektromonteur in Oerlikon und wurde Kinobesitzer in St. Gallen. In den frühen 1920er-Jahren beauftragte er den Architekten Moritz Hauser mit dem Bau des Palace, ausgerüstet mit Bühne und Orchestergraben. Schulthess gilt als Kinopionier und zeigte schon 1930 den ersten Tonfilm. Bis 1983 war es seine Witwe, Trudy Schulthess-Liechti, die das Haus und drei weitere St.Galler Kinos während 20 Jahren allein weiter programmierte: Scala, Hecht und Storchen.
Fast wie im Märchen kamen die zwei einst zusammen. Jules Schulthess war Vorstandsmitglied des Schweizerischen Lichtspieltheaterverbandes, Trudy Liechti war dort Sekretärin. Er habe sie – so erzählte sie es im August 1982 dem Journalisten Hanspeter Spörri – «von der Stelle weg geheiratet». Gepflegtes Kino war der Anspruch dieser engagierten Frau, die im erwähnten Text auch sagt, das Frauenstimmrecht sei viel zu spät eingeführt worden und die Frauen müssten sich auch in den 1980er-Jahren noch ständig für ihre Rolle in der Wirtschaft verteidigen.
Brüni und sein Strohmann
Doch dann – inzwischen war die Grande Dame mit dem Weissweinglas in der Hand Anfang 70 – wurde es Zeit, ihre Nachfolge zu regeln. Es sei ihr wichtig gewesen, ein St.Galler Kinomonopol zu verhindern, sagte sie im Mai 1983 den Zeitungen. Also suchte sie nach jemanden, der ihre Säle übernehmen konnte und fand im Zürcher Engelbert Oberholzer einen Nachfolger. Doch Oberholzer starb, noch bevor die Übergabe stattfinden konnte. Und dann kam zum Ärger von Trudy Schulthess ans Licht, dass just ihr St.Galler Konkurrent, Franz Anton Brüni, als Mitfinanzierer von Oberholzer hinter dem Deal steckte.
Eröffnung Cinema Palace, 1924. (Bild: Stadtarchiv)
Damit war genau das passiert, was die Palace-Eigentümerin auf jeden Fall verhindern wollte: Das Kinomonopol war Tatsache geworden. Trudy Schulthess weigerte sich zuerst, den Vertrag anzuerkennen, denn vom «Strohmann» in Brünis Auftrag habe sie nichts gewusst. Sie vermietete ihre Kinos ab Juli 1982 deshalb der Zürcher Liag-Capitol. Doch dann setzte sich Brüni vor Gericht durch. Die Verträge seien gültig, befanden die Richter, und so wurde Konkurrent Brüni zuerst Mieter bei der Palace-Hauseigentümerin und später auch Hauseigentümer. Und Brüni setzte gleich zum nächsten Schachzug an: Er überliess der Liag-Capitol, die inzwischen die Schulthess’schen Kinos betrieb, seine Winterthurer Kinos und bekam dafür alle St.Galler Lichtspielhäuser. Trudy Schulthess war schwer enttäuscht: «Ich hätte die Kinos sicher nicht verkauft, wenn ich gewusst hätte, dass Brüni hinter dem Kauf steckt», kommentierte sie 1983 in der Presse.
Franz Anton Brüni war bei Kinofreund:innen zum Buhmann geworden. Er bemühte sich deshalb, seinen Ruf aufzupolieren und versprach, dank seinem Monopol könne er ein breites Programm anbieten und auf Sexfilme «weitgehend verzichten». Er legte Scala und Hecht zusammen und richtete 1984 zusätzliche Säle ein. Das Rex hatte er schon 1980 ausgebaut und im Obergeschoss und im Keller je einen zusätzlichen Saal eingerichtet. Der Kellersaal ist unter dem an dieser Stelle inzwischen entstandenen Neubau heute eine Kaverne fürs Meteorwasser.
Die erfolgreichen Strippenzieher:innen
Die grosse Veränderung zum heutigen Palace kam 2003: Brüni schenkte dem ehrwürdig-altmodischen Kino Palace kaum mehr Beachtung. Er hatte schon genug Mühe, seine drei Rex-Säle direkt nebenan zu füllen. Weil die Stadt gleichzeitig einen neuen Standort für die Methadonabgabe suchen musste und dafür den kleinen Anbau des Palace im Blick hatte, und weil die damalige Stadträtin Elisabeth Beéry sich für den Kauf des Kulturhauses stark machte, kam der Verkauf an die Stadt zustande. Allerdings mit einem im Grundbuch eingetragenen Servitut: Im Palace darf kein «Kino oder kinoähnliches Gewerbe» betrieben werden.
Nach dem Kauf schrieb die Stadt deshalb einen öffentlichen Ideenwettbewerb aus, mit dem herausgefunden werden sollte, was aus dem ehrwürdigen Palace nun werden könnte. Mehrere Projekte gingen ein, auch eines, das einen Theater- und Unterhaltungsbetrieb vorsah, wie er im Casino Winterthur läuft. Doch der dafür nötige Umbau- und Betriebskredit – 6,6 Millionen Franken Umbaukosten und eine Viertelmillion Jahresbeitrag – scheiterte im Stadtparlament. Wie das damals genau lief und wer wo lobbyierte, wird an den 100 Veranstaltungsstunden des Jubiläums zur Sprache kommen.
Jedenfalls war es ein erfolgreiches Strippenziehen jener drei Gruppen, die deutlich niederschwelligere Nutzungsvorschläge eingereicht hatten: Die Betreiber:innen der Frohegg – des ehemaligen Bündnerhofs – im Bleicheli, die Leute vom Hafenbuffet Rorschach sowie Klang und Kleid schlossen sich zusammen und konnten den Probebetrieb starten – mit «Tonhütte», «Erfreuliche Universität» und «Fanatorium». Und nachdem sich gezeigt hatte, dass der Betrieb lief, sagte das Stadtparlament im Herbst 2007, im zweiten Anlauf, Ja zu 3,5 Millionen für den deutlich bescheideneren Umbau und einen Betriebskredit samt Mietverbilligung von 200’000 Franken pro Jahr.
Obsoletes Filmvorführverbot
Das nach wie vor geltende Filmvorführverbot im Palace ist zum Unikum geworden. Beim Verkauf des Palace war es die Absicht von Kinomonopolist Franz Anton Brüni, dass in der direkten Nachbarschaft seiner drei Rex-Säle keine Konkurrenz weiterbetrieben wird. Doch die St.Galler Kinos gehören längst einem anderen Monopolisten: der Swisscom, respektive ihrer Kino-Tochter Blue Cinema. Und das Rex als Kinohaus ist abgebrochen und neu überbaut. Jetzt müssten nicht weniger als 20 Stockwerkeigentümer:innen im Neubau unterschreiben, um das obsolete Filmvorführverbot aus dem Grundbuch zu löschen, so die Auskunft aus dem Grundbuchamt.
Die verärgerte SVP
Allerdings blieben erneute Nebengeräusche nicht aus. Die SVP fand die 200’000 Franken einen Affront gegenüber anderen Kulturveranstalter:innen, die weniger oder nichts bekommen. Sie wollte nur 140’000 Franken bewilligen, scheiterte aber mit dem Kürzungsantrag. Schon im Vorfeld hatte Barbara Frei (FDP) sich in einer Einfachen Anfrage erkundigt, ob im stadteigenen Palace nicht unzulässig linke Politik gemacht werde, weil die «Erfreuliche Universität» einen Abend zur Videoüberwachung veranstaltet hatte. Der Stadtrat gab sich in der Antwort salomonisch: Zwar lägen einzelne Veranstaltungen im heiklen Grenzbereich zwischen einem «weitgespannten kulturellen Verständnis einerseits und politischem Engagement andererseits», doch angesichts des interessanten Palace-Programms gebe es keinen Grund zur Intervention.
Kaspar Surber, einer der Mitinitianten des Palace-Kulturbetriebs, schrieb beim Start 2006, das Haus sei schon bei seinem Bau eine «Trutzburg des Fortschritts und der Ein- und Aufmischung» gewesen. Das ist dem gerade 100 Jahre alt werdenden Haus offensichtlich bis heute eingeschrieben.
Das Cinema Palace am Blumenbergplatz wurde am 25. März 1924 feierlich eröffnet. Zum 100-Jahr-Jubiläum des ehemaligen Filmpalasts findet vom 20. bis 24. März das «100vor100»-Festival statt. Es dauert 100 Stunden und hält viele musikalische und cineastische, aber auch allerhand andere Überraschungen parat. Auch für die Nachtstunden.
Das komplette Programm mit allen Veranstaltungen (Konzerte, Filme, Soundwalks, Führungen, Lesungen, Erfreuliche Universität, Figurentheater, Kinderdisco etc.) samt Uhrzeiten findet sich auf palace.sg.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.