Grad seit längerem mal wieder ein Päckli aufgegeben auf der Post, Ziel: eine Adresse in Deutschland, ein paar vorzeitige Weihnachtsgeschenke drin, Selbstgemachtes. Die freundliche Frau am Schalter klärt mich auf, dass man dafür online vorweg ein ganzes Formular ausfüllen müsste, was regelmässige Päckli-Verschicker zweifellos wissen, aber mir wars neu.
Sie hilft dann geduldig beim Nach-Ausfüllen des Formulars, und weg ist das Paket, mit weniger als 2 Kilo noch als Brief taxiert, sonst wärs teurer. A-Post also. Ankunftstag ungewiss, weil die Post vor lauter Päckli nicht mehr nachkomme. Kostenpunkt: 30 Franken.
Tempotempo!
Pakete Pakete. Die Post ächzt unter der Flut des Hin- und Hergeschickten, 178 Millionen Pakete pro Jahr sind es in der Schweiz, trotz stolzen Tarifen. Und das Theater Café fuerte ächzt mit. Das neue Stück des in Vorarlberg und Ausserrhoden beheimateten Ensembles heisst genauso: Pakete Pakete. Es gibt Einblick in eine Welt, die man am Schalter höchstens erahnen kann. Eine verrückte Welt.
Hart in die Kurven: das Ensemble im Bus. (Bilder: Laurenz Feinig)
Zu viert marschieren sie an, Rücken gebeugt, Hände vor dem Bauch, Pakete Pakete schleppend im harten Marschtritt, den am Schlagzeug Florian Wagner vorgibt: Tobias Fend, Jeanne Devos, Gregor Weisgerber und John Kendall. In blauer Arbeitskluft rackern sie sich ab, Tempotempo, rein ins Auto, raus aus dem Auto, denn Zeit zum Ausliefern immer zu knapp, täglich ein grösserer Berg. Harry klärt den Anfänger Matteo gleich zu Beginn auf: «Niemals reingehen. Wenn Du reingehst, hast Du verloren. Sind sofort fünf Minuten weg.»
Das passiert ihm denn auch, mit der gesprächigen Seniorin im vierten Stock, die gar keine Rührschüssel bestellt hat oder vielleicht doch, aber vielleicht nicht diese, und ihm den Kopf vollquatscht, dass eine Rührschüssel braucht, wer an Weihnachten Plätzchen backen will, und erstmal ein Kaffee, dann den Inhalt des Pakets kontrollieren, man weiss ja nie. Und zum dicken Nachbarn, den er den Elefanten nennt, muss er auch noch, zur Not über den Balkon klettern.
Das Spieltempo ist hoch, beim Ausliefern und in den Dialogen zwischen dem erfahrenen Harry, dem gutmütigen Matteo, dem schweigsamen Bob und der perfektionistischen Sylvie, die den Job unbedingt braucht und alles dafür tut, um ihn zu behalten. Treppen hoch, Treppen runter, Vollgas zum Expressschalter, Autobahn, Stau, Chef macht Druck, Fussgängerstreifen – und dann die kleine Katze, die Matteo plötzlich vor die Räder rennt. Und dann die reiche Alte mit ihren sauteuren Paketen, bei der Sylvie vor lauter Pflichtbewusstsein alles falsch macht.
Die Opfer des Konsumwahns
Tobias Fend, Schauspieler und Mitgründer von Cafe fuerte, hat den Text geschrieben, Danielle Fend-Strahm inszeniert mit Schwung und Witz. Fend hat zur Vorbereitung selber Pakete ausgeliefert. Sein Stück zeichnet ein so groteskes wie realistisches Bild des Konsumwahns, der völlig aus dem Ruder gelaufen ist – und dessen Opfer die Auslieferer sind, Rücken gebeugt, Pakete geschultert, Pakete Pakete schleppend im Wettlauf gegen die Uhr für einen lausigen Lohn.
Raffiniert schnürt der Text sich immer enger um die Figuren, rasend schnell wechselnd Rollen und Choreografien, die Spieler verklumpen und verschlaufen sich, werden zum Chef, werden selber zum Menschenpaket. Das Unheil nimmt seinen Lauf, kleine Katze gibt den Geist auf, muss beerdigt werden, die Polizei klopft bei Sylvie an, alles geht schief und schiefer.
Bis die Kollegen merken, dass Harry längst seine Privatlösung zur Bewältigung der Paketflut gefunden hat: häckslern statt hetzen. Weil sowieso alle bloss bestellen und gar nichts brauchen und längst vergessen haben, was sie bestellt haben.
Pakete Pakete: So 22. November, 20 Uhr, Palais Bleu Trogen
cafefuerte.ch
Pakete Pakete ist ein Vergnügen und ein Abgrund, amüsant und augenöffnend, Volkstheater in seiner besten, sozialkritischen und unterhaltenden Art. Die Premiere, im Bregenzerwald geplant, fiel wie so vieles Corona zum Opfer. Ersatz sind fürs erste drei Vorstellungen auf dem Parkplatz hinter dem Palais Bleu in Trogen, diesen Sonntag steht noch die dritte bevor.
Wie es weitergeht, hängt vom Virus ab. Nicht von der Nachfrage – die ist gross, für Pakete aller Art und für Pakete Pakete.
Ein Auszug aus Pakete Pakete, gelesen von Tobias Fend, ist in der Saiten-Blackbox zu finden: hier.
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