Seit Ende Februar wütet eine Herde unabhängiger Nutztiere im Konstanzer Stadttheater. Die Animal Farm hat die Revolution ausgerufen und den gierigen Landlord Mr. Jones vom Hof gejagt.
Ganz im Sinne des verstorbenen Oberebers Old Major haben sich die Schweine an die Spitze dieser Befreiungsbewegung der Tiere gesetzt – so jedenfalls propagiert es Napoleon, das neue Oberschwein. Unter gelungener Regie von Franziska Stuhr wird die Farm zur Parabel der realsozialistischen Gesellschaft der Sowjetunion unter Joseph Stalin.
Ein Stück gegen den Sozialismus?
Der Weg von einer besseren Gesellschaft ins Tal der Tyrannei steht im Zentrum der Dramatisierung des gleichnamigen weltberühmten Romans von George Orwell. Als überzeugter Sozialist zog der Sohn eines britischen Kolonialbürokraten in den Krieg gegen die spanischen Faschisten. Vom stalinistischen Machtapparat desillusioniert kehrt er später nach Grossbritannien zurück und rechnet mit den neuen Sowjetherren ab.
Dabei merkt man dem Werk – auch in seiner Dramenform – an: Orwell hat den Wunsch nach einer «goldenen Zukunft» nicht begraben. So eröffnet der wandelbare Miguel Jachmann als Old Major den Kampf um die Farm mit einem feurigen Plädoyer für Freiheit, Gleichheit und Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Nur: Der Realsozialismus stalinistischer Prägung ist nichts anderes als Unterdrückung in neuem Gewand. Das lässt Orwell seine Tiere Stück für Stück – oder Filet für Haxe? – spüren.
Die Regeln der Animal Farm
Schaffen müssen auf der Farm nur die Tiere. Als die Menschen fort sind, teilen sie die Last, von Ute Radler als schwere Kornsäcke plastisch auf die Bühne gebracht, untereinander auf. Die Bühnengestaltung lässt sich flexibel zum Schützengraben (Sandsäcke?) oder Bauwerk umgestalten; alles von Huf, Pfote und Klaue versteht sich.
Die Revolution beginnt, Mr. Jones wird vom Hof gejagt.
Die Tiere arbeiten gemeinsam und leben vom Ertrag ihres Tagwerks. Mit sieben einfachen Gesetzen begründen sie ihre Gesellschaft, den Animalismus. Im Zentrum steht die Botschaft: Der Mensch und seine Lebensweise ist böse. «Kein Tier soll seinesgleichen je tyrannisieren!»
Doch die Schweine haben als Einzige lesen und schreiben gelernt. Bemüht sich das Schwein Schneeball (überzeugend: Luise Harder) noch um die Aufklärung der Massen, profitieren die anderen Schweine rund um Napoleon (gekonnt gemein: Jonas Pätzold) und den redegewandten Petzwutz (subtil: Dominik Puhl) von ihrem Wissensvorsprung.
Mit Gewalt und dreisten Lügen unterdrücken sie Widerspruch und machen sich die schwachen (später «niederen») Tiere zum Werkzeug. Die Regeln der Animal Farm werden zur Verfügungsmasse der gierigen Schweine.
Kein beschauliches Landleben
Das Tempo des Stücks ist beachtlich. Franziska Stuhr treibt ihre Herde durch schnelle Szenen, die vom Ton sowjetischer Propagandagesänge und, etwas unpassend, vom Rhythmus der (Fleisch-)Fabrik leben. Die künstlich exaltierte Siegesfeier mit Luftrüssel ist dagegen einfach unnötig.
Animal Farm – die letzten drei Vorstellungen: 15., 18. und 29. März, 20 Uhr, Theater Konstanz
theaterkonstanz.de
Der Inszenierung gelingt es, die ideomatischen Bilder der organisierten Arbeiter- und Bauernschaft auf die Bühne zu bringen. Dabei verliert sie jedoch die Dynamiken und Beziehungen zwischen den Tieren nicht aus dem Blick: Hinter der pompösen Fassade entwickeln die Pferde, Esel, Schweine und Hühner ein Band, das enger zusammenschweisst als die Propaganda. Dass der Obereber immer mehr von der Bühne verschwindet – nicht ohne alle Auszeichnungen als «Held der Tiere» an sein Revers geheftet zu haben – merken auch die menschlichen Zuschauer:innen.
Für einen jungen Mann war die Vorstellung am 7. März ein womöglich unvergessliches Erlebnis: Er wurde spontan zum Statisten erklärt und durfte als (kapitalistisch-westlicher) Handelspartner die Animal Farm auf der Bühne besichtigen. Was man auch allen anderen nur empfehlen kann.
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