Treffen sich zwei Unbekannte Anfangvierziger, die unterschiedlicher nicht sein könnten – eine Scheidungsanwältin und ein Kleinkrimineller – in einer Weinbar und verbringen die Nacht miteinander…
Klingt nach einer langweiligen Hollywood-Schmonzette? Das ist Esther Muschols Inszenierung von Eine Sommernacht am Theater Konstanz beileibe nicht! Muschol nimmt das Stück des britischen Dramatikers David Greig als Grundlage für eine leichtfüssig gespielte und musikalisch runde Inszenierung der Aufs und Abs eines One-Night-Stands mit gewissen Vorzügen.
Wo bist Du?
Mit Katrin Huke als Helena fühlt das Publikum von Anfang an mit. Wie bestellt und nicht abgeholt sitzt sie in einer Bar, auf ihren verheirateten Liebhaber wartend, der offensichtlich nicht erscheint.
Ingo Biermann gibt den Möchtegern-Cowboy Bob, der mit Coolness seine Unsicherheit galant überspielt, der Dostojewski liest und seinen Lebensunterhalt mit ganz sicher illegalen Geschäften verdient. Für Helena kommt Bob wie gerufen, um sich gemeinsam das Leben schön trinken und für eine Nacht vergessen zu können.
Greig beschönigt nichts in seinem Text, manchmal kommt er ziemlich derb daher. Seine Figuren zeichnet die Inszenierung verletzlich und fehlbar; das Darstellerpaar setzt Freud und Leid der beiden mühelos um. Es geht um schlechte Tage, Identitätskrisen und unerfüllte Träume. Das Leben kommt einfach immer dazwischen – so auch, wenn Helena Bob fragt, ob er mit ihr eine Flasche Wein leeren möchte.
Unkonventionelle Bühne für eine unkonventionelle Story
Die Kulisse des Geschehens von Ágnes Hamvas ist so unkonventionell wie das Stück selbst: mit Graffiti und Collagen im Streetart-Stil verzierte Rollläden versprühen Kiezcharme. Eine türkisfarbene Türe und Barhocker mit türkisen Sitzpolstern verleihen einen etwas wilden Bonbon-Touch.
Es passiert natürlich, was passieren muss und die beiden landen in Helenas Bett, äh rosa Badewanne. Schwungvoll und selbstironisch à la Harry und Sally haben die beiden «hemmungslosen Sex», ausgesprochene Gedanken («Jetzt sollte ich mal ‘n bisschen stöhnen») inklusive.
Eine Sommernacht: Weitere Vorstellungen bis 14. April, Werkstatt Theater Konstanz
theaterkonstanz.de
Ein flüchtiger One-Night-Stand. Beide sind sich einig, dass sie so gar nicht zusammenpassen und gehen wieder ihrer Wege. Bis Helena im vollgekotzten türkisen Glitzer-Brautjungfernkleid (Kostüm auch von Ágnes Hamvas) und Bob mit einem Plastik-Obstsäckchen voller Schwarzgeld am nächsten Tag wieder aufeinandertreffen. Was liegt da näher als die Kohle einfach auf den Kopf zu hauen?
Roadmovie mit deutschen Songs
Das «Ding drehen» Katrin Huke und Ingo Biermann aber nicht allein. Musikalisch unterstützt wird das Duo vom musikalischen Leiter am Theater Konstanz, Rudolf Hartmann. Mit Akkordeon, Schlagzeug und Keyboard arrangiert er zusammen mit den Schauspieler:innen ausgewählte deutschsprachige Songs von Rio Reiser bis Rosenstolz. So gewinnt das rasant-witzige «Roadmovie» an Drive und bringt das Publikum in Stimmung.
Auf Ingo Biermanns Geschick an der Gitarre ist dabei, wie immer, Verlass und Katrin Huke beeindruckt mit einer überragenden Stimme. Ihr Solo auf der Blockflöte (!) darf an dieser Stelle aber auch nicht unerwähnt bleiben.
Rudolf Hartmann begleitet an den richtigen Stellen auch mal melodisch aus dem Off oder übernimmt mit einem Augenzwinkern kleinere Nebenrollen. Ein Zufall, dass das sprechende Plüschtier Rudi heisst?
Ein echter Page-turner
Mit Nebenrollen hat aber vor allem Katrin Huke ordentlich zu tun. Die Wechsel von Helena zum zwielichtigen Schläger-Typen Eddie Kowalsky etwa, der bei Bob regelmässig Schulden eintreibt, meistert sie mit Bravour.
Im Ballkleid stemmt sie dafür zum Beispiel mit einer Hand einen Barhocker in die Höhe und droht Bob mit tiefer Stimme «Du bist tot!», oder sie lallt als prolliger Gebrauchtwagenhändler über das angebotene Cabriolet «Ey Mann, Alter, es is‘ rosa!».
Die Mischung aus schauspielerischer Leistung, guter Musik und abwechslungsreicher Story machen die Inszenierung, wäre sie ein Buch, zu einem echten Page-turner. Und das mit einem feinsinnigen Gespür für Zwischentöne ganz ohne Flachwitze und Hollywood-Kitsch.
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