«Wenn die Kinder artig sind…», beginnt Dr. Heinrich Hoffmanns Buch Der Struwwelpeter aus dem Jahr 1844. Dabei geht es im Buch selbst so überhaupt nicht um artige Kinder. Im Gegenteil, neben dem Struwwelpeter finden sich darin noch zahlreiche andere Kinderfiguren mit devianten Verhaltensweisen, etwa der Daumenlutscher, der Zappelphilipp oder das zündelnde Paulinchen.
Nicht selten lässt Hoffmann die Kinder in seinen Geschichten ihr Fehlverhalten mit dem Leben bezahlen. So verwundert es nicht, dass das als Kinderbuch konzipierte Werk inzwischen höchst umstritten ist – Jugendpsycholog:innen bezeichnen es gar als erziehungsschädlich.
Aber warum die Grausamkeit dieses Bilderbuchs nicht überspitzen und sich Erwachsene gruseln lassen? Das hat die britische Band The Tiger Lillies wohl gedacht, als sie 1998 erstmals das Musical Shockheaded Peter auf die Bühne brachte. Die schwarzhumorige Junk-Oper basiert auf dem deutschen Kinderbuch – nur die Sterberate – so Martin Jacques, der Frontmann der Band, wurde (nach oben) angepasst. Nun greift die Regisseurin Susi Weber das Musical besagter Band und der Autoren Julian Crouchs und Phelim McDermotts am Konstanzer Stadttheater auf und kreiert eine comichafte, musikalisch anspruchsvolle Groteske.
Grausige Geschichten, makaber-schöne Bühne
Ingo Biermann glänzt in seiner Paraderolle als Direktor, der das Publikum mit aufmerksamkeitsheischenden Ansagen («Seht! Staunt! Und vor allem: Nehmt Euch in Acht!») und eigenen Showeinlagen durchs Gruselkabinett führt. Unterdessen geht Maëlle Giovanetti in ihrer Rolle als stets gequält dreinblickendes langhaariges Wesen auf und erzählt die grausigen Reim-Geschichten mit ihrem vielseitigen Gesangstalent.
Unterstützt wird sie dabei von einer vierköpfigen Band (Kontrabass, Saxophon, Schlagzeug) um einen der musikalischen Leiter, Rudolf Hartmann (Akkordeon). Die Jahrmarktklänge des Quartetts fügen sich mit Kabarett- und Chansonelementen zu einer schräg-makabren, tragikomischen Mischung.
Die Inszenierung nutzt die technischen und räumlichen Möglichkeiten der Konstanzer Stadttheaterbühne exzellent (Bühne: Luis Graninger). Man wird überrascht, wie viele Ebenen in Tiefe und Höhe so eine eigentlich flache Bühne haben kann. Vorhänge werden geöffnet, schließen sich wieder oder gehen mal nur einen halben Meter hoch, sodass nur die Beine der Darsteller:innen zu sehen sind.
Wenn der Schneider den Daumenlutscher zurechstutzt, spritzt natürlich das Blut.
So etwa in der Geschichte um den wilden Jäger, der von seiner eigenen Beute gejagt wird. Der Bühnenboden hebt sich und lässt Schauspieler:innen schweben oder verschwinden. Der Hintergrund dreht sich im Takt der wilden Musik.
Die Nebendarsteller:innen illustrieren die Geschichten oftmals stumm in eindrücklichen bewegten Bildern. Während Ruby Ann Rawson karikierend frech die Rollen der Kinder übernimmt, sind Mirjam Schollmeyer, Jasper Diedrichsen und Anna Eger in wechselnden Nebenrollen zu sehen.
Publikum winkt und applaudiert
Die Choreografie der Geschichten um den Struwwelpeter und seine Schicksalsgenoss:innen ist sorgfältig durchkomponiert und wird teilweise durch Puppenspiel ergänzt. Vier Personen etwa lassen an langen Stäben die Puppe des fliegenden Robert auf seinem Weg durch die Wolken tanzen, sodass er sogar über das Publikum hinweggleiten kann. Das animiert manche im Publikum, dem armen Kerlchen zum Abschied zuzuwinken.
Jede Bewegung ist bewusst gesetzt – sogar die bunten Lämpchen der altmodischen Lichterkette blinken im Takt. Auch die schrill bemalten Requisiten, z.B. das übergroße Streichholz, mit dem Paulinchen zündelt, verstärken die groteske Wirkung. Nicht zuletzt setzen die Kostüme von Kattia Bottegal dem Stück das optische Krönchen auf. Strumpfhalter erinnern an längst vergangene Biedermeier-Zeiten, grelle Neon-Farben kreischen wie die sterbenden Kinder und mit goldenen Fäden durchsetzte Hemden verleihen einen Hauch von Weimarer Varieté.
Als Erziehungsbuch ist der Struwwelpeter fehl am Platz. Wer deshalb ein Stück mit erhobenem moralischem Zeigefinger erwartet oder umgekehrt die unartigen Bengel der Neuzeit mal ordentlich schwarzpädagogisch belehrt haben möchte, wird enttäuscht werden.
Trotz all der Lacher, die uns Biermann, Giovanetti und Kolleg:innen entlocken, sollte uns bewusst sein, dass Hoffmanns Werk wohl Generationen von Kindern Albträume bereitet hat. Ob das tatsächlich im Sinne des Autors war, darüber sind sich auch die Fachleute uneins.
Einigkeit besteht jedoch darin, dass die Wirkung des Kinderbuchs stark davon abhängt, was die Erwachsenen daraus machen; besonders, wenn sie selbst die Zielgruppe werden. Den Tiger Lillies und schliesslich auch der Konstanzer Inszenierung kann an dieser Stelle nur getrost für eine kunstvolle Umsetzung applaudiert werden. Das hat das Publikum auch begeistert getan.
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