Das Bühnenbild von Florian Dietrich wirkt vielversprechend: übergrosse comichafte Rauchwolken mit pinkem Knall-Effekt vor schwarzem Hintergrund. Davor ein riesiger wie aus Lehm geformter Kopf mit weit aufgerissenem Mund (Bühnenplastik: Nicola Güntert), der eine giftgrüne Flüssigkeit zu erbrechen scheint.
Der Kopf gehört einem alten Mann mit hohlen Augen und Bart – Don Quijote? Das ist eine der zentralen Fragen, mit denen sich das von Hannes Weiler frei nach Miguel de Cervantes inszenierte Stück Quijote beschäftigt.
«Aber das ist doch der…»
Als die Schauspieler:innen auftreten, skandieren sie mit Blick auf den Kopf im Chor «Oh Gott, was ist das denn jetze?!». Ihre namenlosen Figuren beginnen frei zu assoziieren, was es mit dem Kopf auf sich haben mag, aber auch mit der Welt darum herum und im Allgemeinen. Dabei kann von Figuren im strengen Sinne keine Rede sein, weil niemand jemanden repräsentiert, verkörpert, spielt.
Der Zuschauerin wird im Begleitheft ein «Denkraum» versprochen, in dem «das Erbe des Klassikers und auch unser aller Erwartungen umkreist» würden. Auf abstrakter Ebene soll das Stück die Beziehung von Fiktion und Wirklichkeit thematisieren und das, was wir als Letztere definieren. Don Quijotes Geschichte wird höchstens angerissen, etwa bei der Beschreibung eines ritterhaften Raubzugs durch den Supermarkt oder der Frage, ob Dulcinea nicht eigentlich eine wohlriechende Duschlotion sei.
«Was war nochmal unsere Mission?»: Sarah Siri Lee König, Anne Rohde.
Wer darauf hofft, etwas über den aus der Zeit gefallenen, selbsterklärten Ritter Don Quijote und seine Kämpfe gegen Windmühlen zu erfahren, wird bitter enttäuscht werden. Einen Spieler (Dominik Puhl) lässt der Regisseur regelrecht an der Vorstellung verzweifeln, Originaltext zu spielen. Dieser macht dem Publikum sein empfundenes Unbehagen, ja Grauen, mehr als glaubhaft: «Das will doch keiner, wer hat denn schon die Zeit für sowas und die Geduld, das sind 300 Seiten, mit Nachwort noch viel mehr».
Wer auf der Suche nach einer Interpretation des Originaltexts ist, wird am Theater Konstanz fündig, auch wenn die Spieler:innen hinsichtlich des Abstraktionsniveaus selbst uneins zu sein scheinen: «Lass uns das doch einfach mal so hindenken, ohne sofort wieder einen pragmatischen Abgleich zu suchen.» Mit Theater im klassischen Sinne hat das wenig zu tun.
Hätte, hätte, Fahrradkette
Die Inszenierung trumpft auf mit lebhaftem Dialog und einem sehr engagierten Ensemble, das eine einwandfreie Performance abliefert. Gerade am Anfang sind auch die Wortspielchen noch kreativ. Was allerdings fehlt, ist ein Zusammenhang zwischen all den entsponnenen und nicht zu Ende gewobenen Gedankenfäden und Was-wäre-wenns. Weilers Text über Sozialkonstruktivismus und individuelle Realitäten mag philosophisch interessant sein – Weiler ist Spezialist in der Weiterentwicklung klassischer Prosatexte –, aber auf der Bühne springt der Funke nicht über.
Postmodernes Suppeessen.
Alles dreht sich um den Text und um Ideen und Assoziationen. Eine Handlung, die es voranzutreiben gilt, gibt es genauso wenig wie Figuren, sodass die körperliche Aktivität, die auf der Bühne stattfindet, im Grunde nichts beizutragen hat. Fünf Minuten etwa beobachten wir eine Szene, in der Suppe in rostigen Blechdosen auf die Bühne gebracht wird, dann die Löffel, dann die Servietten, dann die Feststellung: «Croutons sind alle!».
Hingegen wird das Potenzial des interessantesten Bühnenelements, des Kopfs, durch dessen Mund sogar jemand kriechen könnte, überhaupt nicht ausgeschöpft. Das Stück scheint zufrieden mit seiner eigenen Unvollkommenheit.
«Ist das alles?»
Es ist wohl das Schicksal postmoderner Theaterproduktionen, nicht mehr einfach nur zu spielen, sondern über Theater zu spielen, die Darsteller:innen sich fragen zu lassen «Sind wir jetzt schon im Stoff drin?» oder «Originaltexte und ungekürzt, ich finde das ja gut, aber ganz alleine?». Man kann das komisch oder sogar lustig finden, aber auch hier konstruiert eben jede:r eine eigene Version der Wirklichkeit.
Nächste Vorstellungen: 25., 26., 27., 28., 29. Oktober, weitere Termine im November
theaterkonstanz.de
Zehn Minuten vor Schluss dann die ehrliche Frage: «Was war nochmal unsere Mission?». Ja, was war die denn noch gleich? Die Figuren stellen selbst fest, dass sie sich im Grunde in einer Endlosschleife der Küchenphilosophie aufhalten, dass sie dieses Spiel eigentlich immer so weitertreiben könnten. «Kein Punkt. Kein Ende. Nie und nimmer.»
Gut, dass der Abend dann doch zu einem Ende kommt. Sonst sässe das Publikum jetzt noch da und würde den Spieler:innen beim Fabulieren über Gott und die Welt zuhören. Das Stück, das selbst noch kritisch darauf verweist, dass wir uns viel zu oft im Leben die Frage «Ist das alles?» stellen, schafft hier selbst die Realität, die es fingiert.
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