Nachdem das Publikum im Freilichttheater am Konstanzer Münsterplatz aus den jeweiligen Wartezonen, wo brav mit Abstand im Sitzen oder im Stehen und selbstverständlich mit Mund-Nasen-Bedeckung dem Einlass entgegengefiebert wurde, die Plätze (Pärchen- oder Einzelsitze) eingenommen und sich im Zweifel von ihrer Begleitung verabschiedet hat – denn getuschelt werden kann mit zwei Metern Abstand nun nicht mehr – geht es auch schon los.
Die Bühne von Marie Labsch offenbart sich als Universum im Kleinen: Zur Linken befindet sich eine goldene Halbkugel aus runden Metallstreben und darin eine kleinere, goldene Halbkugel, die sich wie ein Büro-Stuhl um die eigene Achse drehen lässt. Die ganze Konstruktion bildet ein halbiertes Astrolabium.
Zur Rechten liegt ein aus silbernen Rohren gefertigtes, sichelförmiges Objekt. Sonne und Mond. Sie liegen zu Füssen des mit Patina überzogenen Kruzifix, der erleuchteten Buntglasfenster mit Heiligendarstellungen und des Seitenportals des Konstanzer Münsters. Imposant trifft das Universum, die Wissenschaft, auf den Glauben.
Land gegen Kind
Kinder (Kinderchor der Münstermusik Konstanz), alle mit Corona-Schutzschildern vor dem Gesicht, singen ein Lied über ein «bucklig Männlein». Gemeint ist Hermann der Krumme – Hermannus Contractus, Hermann der Lahme oder auch Hermann von Reichenau genannt – ein Kind adliger Herkunft, das aufgrund seiner körperlichen Einschränkungen als Ritter nicht taugt und deshalb von seiner Mutter ins Benediktinerkloster auf die Insel Reichenau gegeben wird.
Damit die Mönche den «Krüppel» aufnehmen – der Vater schimpft ihn ein «Hinkebein, Stinkebein» – bekommen sie Ländereien im Gegenzug. Hermann kann zwar kaum sprechen und gehen, verschafft sich aber als kluger Kopf, Universalgelehrter und Verfasser einer Weltenchronik den Respekt des Abtes Berno und seines Schülers Berthold sowie von Papst und Kaiser.
Die Berühmtheit Hermanns ist einigen Mitbrüdern ein Dorn im Auge. Doch seine Güte lässt deren Hass und die Enttäuschung des Vaters über sein verweichlichtes, unmännliches Kind an ihm abperlen wie Morgentau an einer Blume («Es gibt keine Einsamkeit, die der treuste Mensch nicht bannen kann»).
1A-Besetzung
Sarah Siri Lee König gibt Hermann diese innere Gelassenheit. Sie spricht langsam und mit Bedacht, macht auch scheinbar unpassende Pausen, die Hermanns Sprachschwierigkeiten Ausdruck verleihen. Vorsichtig tapst sie über die Pflastersteine auf dem Münsterplatz als sei der Boden wackelig.
Mascha Schubert (Kostüm) hat sie in ein weisses Cape aus Softtüll gekleidet, das die zerbrechliche Gestalt betont und zugleich umspielt. Auch die anderen Kostüme sind schlicht, aber treffend – nicht zu viel und nicht zu wenig. Der Tänzer Mike Planz, der das stumme körperliche Gegenstück zu Königs feingeistigem Hermann in roboterhaft kantige und dabei beeindruckend kontrollierte Bewegungen überführt, trägt schlicht schwarz.
Harald Schröpfer glänzt in den antagonistischen Rollen des Vaters und des Mönchs Udualrich mit seiner scharfen Stimme und geht als exzentrischer Schneider im hautengen Streifenanzug aus sich heraus. Besonders brilliert Odo Jergitsch, der auch die Rollen des Leo IX. und eines Mönchs übernimmt, als Stimme Stephen Hawkings.
Hermann der Krumme oder die Erde ist rund: bis 2. August, Freilichtbühne Theater Konstanz
theaterkonstanz.de
Der Autor des Stücks, Christoph Nix, lässt Hermann Zwiesprache mit dem rund 1000 Jahre später lebenden Physiker halten, der sich, ebenso eingeschränkt durch die Unzulänglichkeit des eigenen Körpers, mit existenziellen, wenn auch nicht universellen, Fragen beschäftigte, Gott aber wohl wesentlich ferner war als Hermann (Hermann: «Was ist mit Gott? Wo lebt Gott?» Hawking: «Du sollst nach oben zu den Sternen schauen, nicht zu den Füssen.»).
Philosophische Fragen
Auch zu Hawkings Zeiten kam die Frage nach dem nicht-göttlichen Ursprung der Welt nicht bei allen gut an. Und auch heute noch diskutieren wir darüber, wie man Personen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen adäquat adressiert, weil die alten Vorurteile über Menschen, die «anders» sind, tief sitzen.
Im Vordergrund: Harald Schröpfer.
Im Gegensatz zu früheren Freilichtstücken auf dem Münsterplatz mit Klamauk und Pomp, wirft dieses Stück viele tiefsinnige philosophische Fragen nach dem menschlichen Ursprung und der richtigen Form des Zusammenlebens auf.
Unmittelbare Antworten findet man in der Inszenierung von Christoph Nix, Lorenz Leander Haas und Zenta Haerter (Co-Regie) keine. Stattdessen reflektiert Nix in einem beeindruckenden Monolog des Abtes Berno (einfühlsam: Peter Cieslinski), der ob seiner unkonventionellen Ansichten Ärger mit der hiesigen Obrigkeit hat, nachdenklich und selbstkritisch über seine Zeit in Konstanz: «Ich habe Liebe gefordert und zu wenig Liebe gegeben» und «wenn ich im Zorn war, dann wusste ich, dass ich ungerecht handelte».
Nachdruck verleiht dem starken Text der Gesang des Vokalensembles der Münstermusik Konstanz unter der Leitung von Steffen Schreyer, dessen Präzision Ehrfurcht gebietet. Die Choräle tragen die Szenerie in höhere Sphären und bereits Schreyers Dirigentenbewegungen für sich genommen haben etwas Geheimnisvolles an sich.
And what about Corona?
Im Stück beschreibt Hermann den Menschen als «Virus, der alles verdirbt». Deshalb möchte er die Menschen «bilden und zum Guten erziehen». In der Frage danach, woher wir kommen, sucht er Antworten auf die Frage, wohin wir gehen. Im Blick zurück verliert er trotzdem das Vorne nicht aus den Augen.
Und das ist es auch, was das Theater Konstanz mit seinem speziellen Corona-Konzept geschafft hat. Es hat nicht die Hände in den Schoss gelegt und die aktuell durchaus schwierigen Zeiten bedauert, sondern versucht, das Beste daraus zu machen und den Menschen Brot statt Steine zu geben.
Die beteiligten Darstellerinnen und Darsteller haben sich freiwillig bereit erklärt, zu spielen und zusammen mit allen Beteiligten eine rührende Geschichte zum Leben erweckt. Dass am Schluss nicht nur Georg Melich die Tränen kommen, ist der Verdienst dieser für ihre Arbeit brennenden Theatertruppe.
Theater in Zeiten von Corona – geht das überhaupt? Ja, es geht und zwar sehr gut. Eine echte Krönung der 14-jährigen Schaffenszeit von Christoph Nix in Konstanz.
Dieser Beitrag erschien auch bei seemoz.de
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