Control I: Verzerrte, mehrlagige Vocals und unheimliches Gewaber. Bin ich im Weltall? In Innern eines Glasfaserkabels? Klingt so eine Druckerpatrone? Was ist gemeint mit «I’m losing control»? Tun wir das nicht ständig irgendwie, die Kontrolle verlieren? Im Hintergrund geht ein digitaler Sternenregen nieder. Und am Schluss: Abtauchen.
Oder Control II: Zuerst tiefe, dunkle Stimmen, direkt aus dem Nirgendwo. Dann digitale Tambouren und es wird heller, sehnsüchtiger, ansteckend. Diesmal bin ich «the one who’s in control» – oder doch nicht? Eigentlich reicht es doch völlig, einfach nur zu sein, egal wer oder was die Kontrolle hat oder was damit eigentlich gemeint ist. Orgeln, Bässe, tanzen, und fertig.
Zwischen Control I und II liegen noch sieben andere Stücke, doch sie sind das Rückgrat und namensgebend für Pyrits neues Album, sein zweites nach UFO, das 2015 erschien. «Control I und II bilden eine Schlaufe», sagt Pyrit, der im anderen Leben Thomas Kuratli heisst, in St.Gallen aufgewachsen ist und heute in Paris lebt: «Von Control I fällt man in Control II und wieder zurück. Der Zyklus beginnt von neuem.»
Plattentaufe: 7. April, 21 Uhr, Palace St.Gallen. Support: Rebeka Warrior und DJ die Härte.
Das Album sei «die Geschichte von einem Wesen an der Kippe zur Menschmaschine, gefangen im Zustand zwischen konstruierter Vorstellung und Auflösung im Nichts». So ähnlich fühlt man sich beim Hören des Stücks Wolgaschlepper: Man weiss nicht, ob man sich im Inneren einer riesigen Maschine befindet oder im luftleeren All. Oder ist das eh einerlei? Zumindest auf der atomaren Ebene. Glocken.
Auspuff, Router, Kabelrolle
Control trägt eindeutig Pyrits Handschrift, ist aber düsterer und anspruchsvoller als sein Vorgängeralbum UFO, das er ebenfalls in Zusammenarbeit mit Michael Gallusser (Stahlberger, Lord Kesseli & The Drums) produziert hat. Die Songstrukturen sind weniger klassisch, da und dort verspürt man ein gewisses Unbehagen, manchmal verirrt man sich kurz im Kosmos der Töne. Auspuff, Router, Kabelrolle, Erdbeben, Serverraum, Wassertropfen; es gibt unendlich viel hineinzudichten in diese Welt an der Kippe. Das dürfte auch am Schaffungsprozess von Control liegen: Kuratli und Gallusser haben Analoges wie Perkussionsinstrumente oder den Sound der Pariser Metro verfremdet, dekonstruiert und in ihre eigene Klangwelt überführt.
Another Story ist eines der gehörfälligsten Stücke auf Control. Sehr Pyrit, sehr gefühlvoll. Und verglichen etwa mit den beiden Controls oder dem swingigen Spit It Out eher schlank instrumentiert. Auch They Are ist in gewisser Weise typisch für Pyrit: Schwermütig, schwer beladen, aber nicht überladen. Und dann ist da noch I Don’t. Erinnert an Pink Floyd. Wegen der Gitarre? Dem Pathos? Oder liegt es an der Dramaturgie des Songs?
Das Album vertone «den Zustand eines Menschen, gefangen in einer Maschine, gesteuert von Algorithmen und entbunden von emotionalen Verbindungen», heisst es im Begleittext. Monody bringt dieses Maschinengläubige, das Getriebene und die Sehnsucht nach Nähe ziemlich auf den Punkt: Das Stück ist disharmonisch und unbehaglich, trotzdem will man sich reinlegen – «I’m a Part of all these People.»
Am Schluss die Erlösung
Aber ist «die Maschine» denn wirklich so beängstigend, übermächtig und einengend? «Ich glaube nicht, dass sie nur ein Gefängnis ist», sagt Kuratli. «Mit der Maschine meine ich eher eine Art Welt oder Gehirn, in der man sich ständig mit allem konfrontieren muss. Manchmal ist man im Flow und akzeptiert die Regeln, manchmal will man sie aufsprengen, manchmal ist es eine Qual.»
Die Frage ist, ob wir irgendwann wieder herauskommen aus dieser Maschine, diesem Hamsterrad, diesem ewigen Control-Zyklus. Kuratli sagt ja und verweist auf das zehnte und letzte Stück seines Albums: Styx. «Man kann den Zyklus irgendwann überwinden und kommt so schlussendlich zu einer Art Erlösung…» So ähnlich fühlt sich das Stück auch. Styx hat weder Rhythmus noch grossartig Struktur, es ist «eine Auflösung in den letzten Basston».
Das könnte man auf mindestens zwei Arten interpretieren: Entweder wir können uns noch zu Lebzeiten «erlösen», dann steht Styx für die Ruhe nach dem Befreiungssturm und für das einfache Leben abseits der Maschine. Oder wir entkommen dem Ganzen erst mit dem Tod, schliesslich ist der Styx – das Wasser des Grauens – in der griechischen Mythologie jener Fluss, der die Welt der Lebenden vom Reich der Toten, dem Hades, trennt. Dann stünde die Basslinie wohl stellvertretend für den Herzschlag.
Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.
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