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«Ich scheue mich nicht vor schwierigen Diskussionen»

Anastasia Kurer aus dem Rorschacherberg hat zuerst das Jugendparlament und erst danach ihre Partei, die Junge GLP, gefunden. Als Diplomatin hofft sie, dereinst ein paar Steine ins Rollen zu bringen. 

Anastasia Kurer, fotografiert von Laurin Bleiker.

Anastasia Kurer, fotografiert von Laurin Bleiker.

Wä­re Ans­ta­sia Ku­rer ei­ne Co­mic-Hel­din, trü­ge sie far­bi­ge Haa­re und schwar­ze Hör­ner, ei­ne selbst­ge­bas­tel­te Glit­zer­mas­ke und auf dem Rü­cken ein Ge­wehr für al­le Fäl­le. Aber sie wä­re ver­mut­lich ei­ne sehr fried­vol­le Hel­din, wür­de die Su­per­schur­ken mit be­tö­ren­dem Har­fen­spiel und viel Ver­hand­lungs­ge­schick da­zu brin­gen, ihr Un­we­sen wo­an­ders zu trei­ben. Auf ih­rem Cape stün­de gross Py­ra­liss. So wird Ana­sta­sia von ih­ren Far­ben­schwes­tern der Ad­ras­t­eia Sangal­len­sis ge­nannt. Es ist die äl­tes­te Frau­en­ver­bin­dung der Schweiz.

Ei­ne Co­mic-Hel­din ist sie zwar nur in ih­ren Träu­men, aber an­ge­sichts ih­rer voll­ge­pack­ten Wo­chen scheint die 18-jäh­ri­ge Ror­scha­cher­ber­ge­rin de­fi­ni­tiv über ein paar Su­per­kräf­te zu ver­fü­gen: Sie ist im Schüt­zen­ver­ein und in der Frau­en­ver­bin­dung, macht Ka­ra­te und Cos­play, spielt Har­fe und sitzt im Vor­stand des Ju­gend­par­la­ments der Kan­to­ne St.Gal­len und bei­der Ap­pen­zell. Wenn sie nicht ge­ra­de in Alt­stät­ten in der Schu­le oder in St.Gal­len am Ar­bei­ten ist. Ku­rer macht seit Som­mer 2023 das KV Mar­ke­ting und Kom­mu­ni­ka­ti­on mit BMS. Wir tref­fen uns am Vor­tag der 50. Ju­gend­ses­si­on im Co­wor­king-Space ih­res Lehr­be­triebs an der Fürs­ten­land­stras­se. 

Junge Politik

Am 16. No­vem­ber hat sich im St.Gal­ler Kan­tons­rats­saal zum 50. Mal das Ju­gend­par­la­ment der Kan­to­ne St.Gal­len und bei­der Ap­pen­zell ge­trof­fen. An­läss­lich die­ses Ju­bi­lä­ums hat Sai­ten sechs Nach­wuchs­po­li­ti­ker:in­nen aus al­len gros­sen Ost­schwei­zer Jung­par­tei­en por­trä­tiert und sie un­ter an­de­rem ge­fragt, wie sie zur Po­li­tik ge­kom­men sind, was sie sich von ihr er­hof­fen und was sie ver­än­dern wür­den.

Fo­to­gra­fiert wur­den die sechs Jung­po­li­ti­ker:in­nen von Lau­rin Blei­ker am Ran­de der Ju­gend­ses­si­on im St.Gal­ler  Kan­tons­rats­saal. Blei­ker, 2003, ist selb­stän­di­ger Fo­to­graf und Vi­deo­pro­du­zent aus St.Gal­len. Auf­ge­wach­sen ist er im Tog­gen­burg.

Aus­zu­bil­den­de mit ho­hen Zie­len

In die­sem Be­trieb wird Ku­rer vor­aus­sicht­lich nicht ewig blei­ben, denn sie hat ein ho­hes Ziel: Die Jung­po­li­ti­ke­rin will in die Di­plo­ma­tie ge­hen und Bot­schaf­te­rin wer­den. Das passt zu ei­ner wei­te­ren Su­per­kraft, die sie nach ei­ge­nen An­ga­ben hat: Sie kann es mit fast al­len. «Seit ich ein Kind bin, be­we­ge ich mich in den ver­schie­dens­ten Krei­sen, von kon­ser­va­tiv bis pro­gres­siv», er­klärt Ku­rer. «Ich bin neu­gie­rig, kann mich in vie­le Stand­punk­te hin­ein­ver­set­zen und scheue mich auch nicht vor schwie­ri­gen Dis­kus­sio­nen.» 

Gu­te Vor­aus­set­zun­gen für die Po­li­tik. Für Ku­rer ist die­se ein Ort, an dem sie ihr Netz­werk wei­ter aus­bau­en und Be­zie­hun­gen knüp­fen kann. Sie sei eher in­tro­ver­tiert und et­was un­ge­dul­dig, sagt sie von sich. An der Ju­gend­ses­si­on spürt man we­nig da­von. Ihr Res­sort ist die po­li­ti­sche Bil­dung, den KI-Work­shop am Nach­mit­tag hat sie auf die Bei­ne ge­stellt. Be­flis­sen geht sie durch den Kan­tons­rat­saal, be­ant­wor­tet Fra­gen, be­grüsst die an­we­sen­den Ju­gend­li­chen und mo­de­riert den Po­lit­geo­gra­fen Mi­cha­el Her­mann an, der das Er­öff­nungs­re­fe­rat an die­sem Sams­tag­mor­gen hält. Selbst als am Nach­mit­tag die Ju­so und die Jun­gen Grü­nen ge­räusch­voll den Saal ver­las­sen, weil das Ge­schlech­ter­ver­hält­nis der Dis­kus­si­ons­run­de un­aus­ge­wo­gen ist, bringt sie das kaum aus der Ru­he. 

Das Grün im Na­men ist wich­tig

In die Po­li­tik ist Ku­rer eher zu­fäl­lig ge­rutscht. Aus ei­nem News­let­ter hat sie vom Ju­gend­par­la­ment er­fah­ren und sich spon­tan für die Ses­si­on im Früh­ling 2023 an­ge­mel­det. Aus Neu­gier. Ei­ner der Work­shops dreh­te sich um nach­hal­ti­ge Er­näh­rung, als Ve­ge­ta­rie­rin war sie so­fort in­ter­es­siert. We­nig spä­ter sass sie be­reits im Ju­pa-Vor­stand. Der Jun­gen GLP ist sie erst da­nach bei­getre­ten, «und fast hät­te ich aus Ver­se­hen bei den Grü­nen an­ge­heu­ert», er­zählt Ku­rer und lacht. Sie hat­te die Lo­gos ver­wech­selt und sich irr­tüm­lich zu­erst bei den Grü­nen ge­mel­det. «Aber sie ha­ben nicht gleich zu­rück­ge­schrie­ben, al­so bin ich am En­de doch am rich­ti­gen Ort ge­lan­det.» 

Das Grün im Par­tei­na­men ist Ku­rer wich­tig. Gre­ta Thun­berg und die Kli­ma­be­we­gung ha­ben ziem­lich Ein­druck bei ihr hin­ter­las­sen. Aber sie woll­te auch in ei­ne «ru­hi­ge Mit­te-links-Par­tei», die sich «al­le Sei­ten an­hört» und «nicht zu ideo­lo­gisch tickt». Was nicht heisst, dass sie die Grü­nen nicht mag, be­tont Ku­rer. Bei der GLP fühlt sie sich ein­fach eher zu­hau­se.

Auch die Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit ist für sie ein wich­ti­ges The­ma. Da­mit passt sie ins em­pi­ri­sche Bild: Jun­ge Frau­en ver­or­ten sich im­mer wei­ter links und be­vor­zu­gen mo­der­ne Rol­len­bil­der, jun­ge Män­ner ste­hen im­mer wei­ter rechts und hal­ten an tra­dier­ten Mus­tern fest. Der Ge­schlech­ter­gra­ben wei­tet sich. Die­sen Trend be­ob­ach­tet auch Ku­rer. «Kon­ser­va­ti­ve Wer­te sind vor al­lem bei jun­gen Män­nern wie­der cool. Sie idea­li­sie­ren die Ver­gan­gen­heit. Aber das gilt nicht nur für Män­ner», sagt sie und ver­weist auf So­cial-Me­dia-Phä­no­me­ne wie den Trad­wi­fe-Life­style. Oder auf die neu­er­li­che Wahl von Trump, die auch Frau­en mit­ver­schul­det hät­ten. 

Dik­ta­to­ren, Krie­ge, Kli­ma­kri­se. Wie blickt ei­ne 18-jäh­ri­ge an­ge­hen­de Ver­hand­lungs­künst­le­rin auf die­se Welt? Brin­gen es Po­li­tik und Di­plo­ma­tie über­haupt noch? «War­um denn nicht?», fragt Ku­rer zu­rück. Pro­ble­me und Kri­sen ha­be es schon im­mer ge­ge­ben und das wer­de sich in Zu­kunft auch nicht än­dern. Al­so kein Grund, die Hoff­nung auf­zu­ge­ben. «Ich tre­te auch nicht an, um die Welt zu ver­än­dern. Ich bin zu­frie­den, wenn ich ein paar Stein­chen ins Rol­len brin­gen kann. Ver­än­de­rung be­ginnt im Klei­nen. Wir könn­ten zum Bei­spiel ein­mal da­mit an­fan­gen, die ÖV-Prei­se zu sen­ken.»

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