Mit 33 Jahren beendet Vincent O. Carter die Arbeit an seinem über 400 Seiten umfassenden Buchmanuskript mit dem späteren Titel The Bern Book. Vier Jahre hat der in bescheidenen Verhältnissen in Kansas City, Missouri, aufgewachsene Autor daran gefeilt. Am 25. Oktober 1957 schreibt er den letzten Satz, der wie etliche Sätze im Manuskript mit drei Punkten endet. Die Niederschrift besteht aus 78 Kapiteln und ist ein Sammelsurium aus Texten unterschiedlichster Art: Roman, Essay, Tagebuch und Brief. Er selbst nennt es in seinem Vorwort ein «Reisebuch» und erläutert:
«Schauplatz meiner partiellen (und nach wie vor nicht abgeschlossenen) Metamorphose ist die Stadt Bern – das Objekt, auf das ich meine Aufmerksamkeit richtete und dem ich die fragmentarischen Eindrücke verdanke, die ein Licht auf meine Identität werfen. Es ist also im Wesentlichen ein Reisebuch. Doch da ich die Relativität von ‹Zeit› und ‹Ort› geltend gemacht und das erlebende ‹Ich› auf einen Bewusstseinszustand reduziert habe, muss dies vor allem als Aufzeichnung einer Reise des Geistes angesehen werden.»
Carters Schriftstück ist ein verspieltes Werk, nach innen gerichtet, melancholisch; versammelt Beobachtungen, Geschichten, Reflexionen. Der Untertitel «A Record of a Voyage of the Mind», wie es im amerikanischen Original heisst, trifft die genuine Erzählweise aufs Genaueste. Es ist ein höchst subjektives Berichten, das gerne abschweift, mäandert, nach allen Seiten hin ausbricht.
Im Gegensatz zu James Baldwins stark historisch argumentierendem Leukerbad-Essay Stranger in the Village, welcher im Oktober 1953 in «Harper‘s Magazine» veröffentlicht wurde und seither aufgrund seiner meisterlichen Dialektik grosse Wellen in intellektuellen Kreisen geschlagen hat, muss die Gedanken- und Schreibarbeit seines Berner Autorenkollegen als ideell bezeichnet werden. Für Baldwin führen die historischen Tatsachen folgerichtig in eine nie-mehr-weisse Zukunft, für Carter zu der humanistischen, ja ganzheitlichen Idee, dass alle Menschen von Grund auf gleich sind.
Hysterische Reaktionen
Und so macht er vor allem in der Berner Bevölkerung das eigentlich fremde Wesen aus, erklärt die über Jahrhunderte gewachsene Identität der Bernerinnen und Berner als allgemeingültiges Problem; eines, das auch von aussen so gesehen werden kann.
«Daher wirkt Bern wie ein auf Hochglanz poliertes Warenhaus mit reichlich bestückten Schaufenstern, um die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und Fremde anzulocken, die es zwar fürchtet, ohne die es aber nicht überleben kann.»
Carter auf einem Spaziergang in Bern.
Ende 1953 lebten gerade mal 8600 gemeldete Ausländer:innen in der 153’839 Einwohner grossen Bundesstadt. Als Schwarzer unter Weissen nennt sich Carter in diesem Zusammenhang einen «schrägen Vogel», bezeichnet sich als einzigartig unter all den anderen Menschen, die ihn umgeben und die Berner Gesellschaft zu der Zeit ausmachen.
«Wenn ich das Mövenpick betrat, fielen den Leuten Messer und Gabeln aus der Hand, sie verdrehten die Köpfe, sassen mit offenen Mündern da, Babys kreischten hysterisch los und Frauen riefen: ‹Gott, steh uns bei!› Die ganz Mutigen hielten ihre Babys hoch, damit sie sich den schwarzen Mann ansehen konnten. Auf den Strassen kam es fast zu Auffahrunfällen, weil die Fahrer damit beschäftigt waren, mich anzugaffen.»
Erst 16 Jahre nach Beendigung des Manuskripts wird The Bern Book in den USA veröffentlicht. Der Widerhall ist gering. Kaum einer interessiert sich für das Werk. Der Autor selbst hat sich damals, 1973, bereits von der Literatur ab- und der Malerei zugewandt.
Eine Erklärung für die zurückhaltende Rezeption in den USA liegt möglicherweise in der historischen Gesamtsituation: Die Rolle schwarzer Autorinnen und Autoren wurde zu der Zeit – im Kontext der Bürgerrechtsbewegung – sehr eng gefasst. Wenn, dann sollte idealerweise politisch engagierte Protestliteratur verfasst werden. Carters Werk war dafür zu leise. Diese Sichtweise teilte auch der amerikanische Autor Herbert R. Lottmann. In seinem Vorwort zu Carters The Bern Book schreibt er:
«Die beste schwarze Literatur dieser Zeit waren Protestschriften und nicht Romane. Für einen Schriftsteller protestierte Carter aber einfach zu wenig.»
Selbstverständlich ist dies ein Urteil in einer politisch hoch aufgeladenen Zeit. So wie auch die Erlebnisse Carters stets zeitgebunden sind. Nichtsdestotrotz ist Das Bernbuch ein an manchen Stellen bissiges Porträt der Schweizer Gesellschaft in den 1950ern, ironisch gefärbt und literarisch gekonnt aufbereitet.
Bern blieb sein Schicksal
Vincent O. Carter blieb der Stadt bis zu seinem Tod im Jahr 1983 verbunden. Wobei sich sein Leben in den Jahrzehnten seines Aufenthaltes immer wieder veränderte. Auf Hochphasen folgten etliche Tiefphasen. Carter litt mitunter an Depressionen, so sehr setzte ihm sein sozial prekärer Zustand zu. In den ersten Monaten in Bern wurde er oft mit der Frage konfrontiert, warum er sich ausgerechnet diese Stadt als Lebensmittelpunkt ausgesucht habe.
«Oh… mir gefällt Bern ganz gut. Es ist eine sehr schöne Stadt. Sehr sauber… Gut geführt. Gemütlich… solange man über das nötige Kleingeld verfügt, um sie wirklich zu geniessen…»
Des Öfteren musste er umziehen, versuchte im Allgemeinen sparsam zu leben, setzte alles auf die Kunst. Er mochte keine falschen Kompromisse eingehen. Die ersten Wochen lebte er von seinem Ersparten, dann bekam er Aufträge fürs Radio, schrieb Texte für «Radio Bern». Die Einnahmen blieben jedoch spärlich. Weil das Geld nicht ausreichte, arbeitete er als Englischlehrer, gab wöchentlich Nachhilfe. Auch im Theater wurde er hin und wieder für eine Rolle besetzt. Doch nichts war von Dauer. Einmal gelang es ihm, eine Geschichte an eine Zeitschrift zu verkaufen. Dies blieb jedoch eine Ausnahme.
Vincent O. Carter: Meine weisse Stadt und ich. Das Bernbuch. Aus dem amerikanischen Englisch von Pociao und Roberto de Hollanda. Mit einem Nachwort von Martin Bieri. Limmat-Verlag, Zürich 2021, Fr. 34.–
Carter erfand sich in Bern, das er damals als sehr provinziell wahrnahm, stets neu – das ging sogar so weit, dass er in seinen letzten Lebensjahren eine Art spiritueller Wende durchlief: Seine Interessen gingen mehr und mehr in Richtung altindischer Mystik und Meditation. Die Kunst, ob Schriftstellerei oder Malerei, traten dabei deutlich in den Hintergrund. Erst posthum, 2003, erschien ein weiteres Werk aus seiner Feder, ebenfalls in den USA, diesmal aber ein Roman – Such Sweet Thunder. Die Kritik zeigte sich begeistert.
In Such Sweet Thunder erzählt Carter von seiner Kindheit in Kansas City während der 1920er- und 30er-Jahre, einer Zeit, die in den USA von Rassentrennung und Ungerechtigkeit geprägt war. Bereits 1963 soll er das Manuskript fertiggestellt haben. Laut Limmat-Verlag ist die Übersetzung des Romans bereits in Vorbereitung.
Was für ein Leben hätte Vincent O. Carter wohl geführt, wäre die Anerkennung seines literarischen Schaffens bereits zu seinen Lebzeiten eingetreten? Hätte er am Schreiben festgehalten? So wie er es die ersten Jahre getan hatte – mit all seiner Vehemenz und Leidenschaft? Leider kann hier nurmehr spekuliert werden. Und welchen Rang Carter als Schriftsteller hat, sei nach wie vor nicht ausgemacht, sagt Herausgeber Martin Bieri (s. Interview im Märzheft von Saiten).
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