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Baukultur im Dorf

Manch eine:r wird sich fragen: Uzwil – gibt es da Baukultur? Die Antwort ist ein klares Ja. Es gibt sie und das Projekt «Woher? Wohin?» zeigt sie. Den Anfang macht ein schmuckes Arbeiter-Mehrfamilienhaus.
Von  René Hornung
Gartenpracht unter dem Erker. (Bilder: Ladina Bischoff)

Uzwil, der Industrieort mit ausgedehnten Arbeiterhaus-Bebauungen, zeigt im raschen vorbeigehen oder -fahren wenig Charme. Das Zentrum – gerade mit einer Monster-Strassenbaustelle wenig attraktiv – gibt ein Bild ab, wie wir es in diesen mittelgrossen Gemeinden oft antreffen: Mit einem Neubau eines Grossverteilers der die kleinen Ladengeschäfte in der Umgebung kanibalisiert. Viele kleine Läden müssen aufgeben, die erwünschte Dichte im Ortszentrum erodiert. Die Menschen ziehen in Neubauten am Ortsrand und fahren mit dem Auto in die Tiefgarage unterm Einkaufszentrum.

Vor Ort hat Marco Bruggmann – der Architekt ist Projektleiter Ortsplanung und Siedlungsentwicklung der Gemeinde Uzwil – zusammen mit der St.Galler Kunsthistorikerin und Kuratorin Nina Keel ein Projekt entwickelt, das dieser Entwicklung etwas entgegensetzen will. Im eigenen Wohnort sollen die Bewohner:innen mit neuem Blick Entdeckungen machen. Hinweise auf gute Baukultur sollen Augen öffnen, damit die Qualitäten und erst recht die versteckten Bijous bewahrt und unüberlegte Abbrüche verhindert werden.

«Chömmed doch ine»

Den Anfang macht das Thema Eingänge und Hauptfassaden. Auf ihrer Suche im Dorf haben die Projektverfasser:innen zwar einige Vorzeige-Beispiele gefunden, aber auch sehr viele Absagen kassiert, wenn es darum ging, einen konkreten Eingang für eine Plakatwand zu fotografieren. Nicht so an der Konsumstrasse, wo Monica und Guido Gehr zufällig die Gruppe das Haus aus den 1910er-Jahren betrachten sahen. «Chömmed doch ine» wurden sie spontan eingeladen und nun zeigt das Paar der Öffentlichkeit weit mehr als nur den Eingang mit dem Erker, der mit der Strasse kommuniziert, weil er wie eine Nase aus dem Haus ragt.

Ein kurzer Film auf Instagram zeigt die Verbundenheit der Besitzer mit dem Haus, von dem Guido Gehr sagt, er kenne jede einzelne Schraube. Und Monica Gehr führt durch den Garten, wo sie manchmal ein bisschen mehr zurückschneide als es Guido gefalle. Als Zuschauer:in lernen wir: Baukultur heisst auch, sorgsam mit den Qualitäten von Haus und Garten umzugehen, auch wenn es «nur» um ein kleines Arbeiter-Mehrfamilienhaus geht.

Die Kampagne ist multimedial lanciert. Auf dem Instagram-Kanal «@baukultur_uzwil» mit Kurzfilm und Fotos, im «Uzwiler Blatt», dem Informationskanal der Gemeinden für die Bevölkerung mit einem Sonderdruck, sowie auf der Internetseite der Gemeinde. Alle zwei Monate wird ein kleiner Plakatwald mit neuen Fotos und Texten an einem jeweils anderen Ort aufgestellt. Baukultur wird so – quasi im Vorbeigehen – vermittelt. Der Plakatwald steht fürs erste auf dem Lindenring.

Uzwil ist überall

Als nächstes wird das Kino City vorgestellt werden und es werden Bauten von berühmten Architekten vorgestellt, die ihre Spuren im Ort hinterlassen haben. Darunter die frühen Betonpioniere Pfleghard und Haefeli oder Robert Maillart. Aber auch Max Vogt, der langjährige SBB-Architekt, oder der Engländer Baillie Scott. Auch Landschaftsarchitektur wird thematisiert.

Am Gelingen des Projekts sind neben Marco Bruggmann und Nina Keel viele weitere beteiligt: Die Grafik stammt von Laura Prim, die Fotos von Ladina Bischof und die Kurzfilme dreht Anina Frischknecht. Zusammen zeigen sie, dass Baukultur kein Spezialgebiet für Kunsthistoriker:innen oder Architekt:innen sein muss und dass wir sie bei genauerem Hinschauen überall antreffen. Denn: Uzwil ist überall.

Das Arbeiterhäuschen in voller Pracht

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