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Bei Liebe: Lesen Sie die Packungsbeilage

Die englische Dramatikerin Lucy Prebble fragt in «The Effect» nach den Bedingungen von Liebe, den Abgründen von Depressionen und der Macht von Medikamenten. Die junge Regisseurin Melanie Oşan inszeniert am Theater St. Gallen. Der Bericht von Sebastian Ryser.
Von  Gastbeitrag
In der Klinikhölle.

Das Setting des Stücks ist eine Privatklinik. Michael Kraus hat diese gelungen als Gummizelle umgesetzt, deren grünlich blaue Musterung auch an ein präpariertes Gehirn denken lassen. Wir befinden uns bildlich also mitten im Zentrum der Geschichte: in den drei Pfund Gelee im menschlichen Schädel, die unsere Emotionen und unser Handeln steuern.

Liebe oder Placebo? Meda Gheorghiu-Banciu und Tobias Fend.

Worum geht es? Zwei Probanden, Connie (Meda Gheorghiu-Banciu) und Tristan (Tobias Fend) testen gegen Bezahlung vier Wochen lang ein neues Antidepressivum. Die Klinik dürfen sie nicht verlassen, jede Bewegung und jeder Herzschlag wird von den Ärzten Dr. Lorna James (Olga Wäscher) und Dr. Toby Sealey (Oliver Losehand) überwacht.

Zwei Versuchskaninchen, zwei Lebensentwürfe: Tristan ist der coole, lebenslustige Draufgänger, Connie die seriöse, reflektierte Psychologiestudentin. Er braucht das Geld für Reisen, sie interessiert sich für depressive Erkrankungen.

Viagra fürs Herz

Connie und Tristan sind so gegensätzlich konzipiert, die müssen sich ja verlieben. Und tatsächlich wird schon bald heftig geflirtet. Die beiden verlieben sich Hals über Kopf.

Dabei werden ihre Gefühle füreinander immer stärker, während auch die Dosis des Antidepressivums immer weiter erhöht wird. Da kommen unweigerlich Zweifel auf. Ist diese Liebe echt? Oder sind ihre Gefühle nur die Folge eines erhöhten Dopamin-Spiegels? Liebe oder Nebenwirkung: Diese Frage wird besonders brisant, als Connie erfährt, dass einem der beiden Probanden Placebos verabreicht werden. Wessen Gefühle sind real und wer wird von den Chemikalien getäuscht?

Während das eine Paar mit Fragen über die Liebe hadert, streitet das andere Paar über den medizinischen Nutzen der Testreihe.

Auf Abwegen: Oliver Losehand, Olga Wäscher

Dr. Lorna James und Dr. Toby Sealey wachen über ihre Probanden. Und zwar ganz wörtlich: Sie stehen meist in einem kleinen, kreisrunden Balkon, der über der Bühne schwebt. Eine Kontrollplattform – auf der man sich aber auch schnell zu nahe kommen kann. Denn während die beiden jungen Leute unten sich gerade verlieben, verbindet die oben eine gescheiterte Liebesgeschichte.

Als Psychiater vertreten James und Sealey entgegengesetzte Standpunkte: Dr. Sealey sieht die Ursache von Depressionen einzig in einem chemischen Ungleichgewicht im Gehirn, das durch Medikamente behandelt werden muss. Für Dr. James hingegen, die selber unter Depressionen gelitten hat, sind sie die Folge von ganz unterschiedlichen, oft äusseren Einflüssen.

The Effect, Dezember 2015 Theater St.Gallen

Alles unter Kontrolle: Olga Wäscher als Dr. Lorna James.

Symmetrien und Choreographien

Depressionen sowie die Möglichkeiten und Abgründe ihrer medikamentösen Behandlung, das sind die Themen, um die das Stück kreist. Dabei ist Lucy Prebbles Text sehr schematisch gebaut: Anhand von zwei Paaren (die Probanden, die Ärzte) werden zwei Problemkomplexe (die Liebe, die Krankheit) verhandelt, wobei jeweils jeder seinen Standpunkt hat, den er gegen den anderen verteidigt.

Man erfährt dabei eher viel über medizinische und gesellschaftliche Gemeinplätze zum Thema Depression und eher wenig über die Beziehung zwischen den Figuren.

Nächste Vorstellungen: 27., 30., 31. Dezember, theatersg.ch

Regisseurin Melanie Oşan nutzt die Symmetrie der Figurenkonstellation aber geschickt als Ausgangspunkt für ihrer Inszenierung. So sind viele Bilder ebenfalls streng symmetrisch aufgebaut: Die Probanden unten, die Ärzte oben – und dazwischen links und rechts an den Wänden die Projektion von identischen Balkendiagrammen. Und auch bei den perfekt choreographierten Übergängen zwischen den Szenen passiert auf den beiden Seiten synchron das selbe. Die Einfälle sind gut und bringen ein angenehmes Tempo in die Inszenierung.

Schön aber auch, dass diese komponierten Bilder immer wieder aufgebrochen werden. Wenn Dr. James ihren Ärztekittel auszieht und nur noch in einem weissen Kleid mit überlangen Ärmeln auf der Bühne steht (Kostüme: Michaela Muchina). Wenn sie nicht mehr Ärztin ist, sondern Betroffene, die eindringlich von den Leiden eines depressiven Menschen berichtet.

Stark sind auch die letzten Szenen, die der Handlung noch einmal eine ganz andere Richtung geben und klar machen, wie fragil die drei Pfund Gelee im menschlichen Schädel sind – und was für gewaltige Auswirkungen sie auf das Leben haben.

Bilder: Tine Edel

 

 

 

 

 

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