Ich bin eigentlich nicht gay geworden, um über Samen zu reden, aber okay, reden wir über Samen. Spezifisch: über das Spenden von Samen. Dieses ist nämlich plötzlich zu einem spritzigen Argument avanciert, um uns Homos weiterhin das Heiraten zu verbieten. Weil Samenspende unnatürlich sei und dem Kindeswohl schade.
Faszinierend, was Samen so alles kann. Man muss ihn bloss konsensuell spenden, und plötzlich ist er hoch umstritten.
Aber von vorne: Was umstritten ist, ist eigentlich gar nicht direkt die Samenspende. Sondern die rechtliche Absicherung. Quasi die Spendenbestätigung.
Wenn ein Kind mithilfe einer Samenspende gezeugt wird, kann das Gesetz dafür sorgen, dass die Familie, spezifisch das frisch produzierte Kind, rechtlich safe sind: dass beide Elternteile als solche anerkannt werden. Zum Beispiel für den Fall, dass ein Elternteil stirbt.
Der sichere Zugang zur Samenspende ist darum Teil der Hetero-Ehe, und zwar schon immer. Das wissen viele Schweizer:innen gar nicht, denn: Mann und Frau, die sind ja zum Kindermachen auserkoren! Gottgewollt! Naturgetrieben! Wie zwei Puzzleteile! Oder, kürzlich von einem Techniker erklärt bekommen: Stecker und Steckdose!
Ähä. Genau so funktionieren Körper. Wir Homos reiben dann einfach völlig verwirrt unsere Steckdosen aneinander und wundern uns, warum nichts passiert. Meine Freundin und ich versuchens schon seit Jahren. Aber irgendwie stimmt etwas nicht mit den Rahmenbedingungen. Oder: den Samenbedingungen.
Anna Rosenwasser, 1990 geboren und in Schaffhausen aufgewachsen, wohnt in Zürich und ist freischaffende Journalistin. (Illustration: Lukas Schneeberger)
Zurück zur vielzitierten Natur: Die ist gar nicht so babyfreundlich, wie manche gerne glauben. Wenn Mami und Papi sich ganz, ganz fest gern haben, entsteht oft nämlich einfach: nichts. Unsere Körper produzieren nicht einfach bei jedem Penis-in-Vagina-Sex Kinder.
Hetero-Paare, die ihren Kinderwunsch jahrelang unerfüllt sahen, wissen, dass es nicht immer so einfach ist. Und wie gross das Tabu ist. Dass nicht jede Mann-Frau-Kombination von Natur aus fruchtbar ist, wird in unserer Gesellschaft gern totgeschwiegen. Damit wir weiter daran glauben können, dass Mami und Papi sich einfach bloss ganz, ganz fest gern haben mussten, damit wir auf die Welt kamen.
Drum nehmen Paare den medizinischen Fortschritt in Anspruch. (Hoffentlich auch. Viele unserer Mütter wären nicht mehr am Leben, wenn beispielsweise die Geburt nicht von medizinischem Fortschritt begleitet würde.) Eines von vielen möglichen Elementen dabei ist die Samenspende. Wer in einer Hetero-Ehe ist, kann das tun, denn die rechtliche Absicherung im Falle einer Samenspende gehört zur Ehe dazu.
Jetzt kommen also wir elenden Lesben (in meinem Fall: wir elenden Bisexuellen) und haben die Dreistigkeit, genau das zu verlangen: dass unsere Ehe nicht nur ein Wort ist, sondern die genau gleichen Rechte beinhaltet. Dass unsere Kinder rechtlich abgesichert sind, wenn wir sie via Samenspende zeugen.
Jedes Mal, wenn daraufhin argumentiert wird, dass ausgerechnet die Samenspende nicht koscher sei, werde ich den Eindruck nicht los, dass was falsch verstanden wurde: Lesben haben keinen Alleinanspruch auf Samenspende. Zum Glück nicht. Drum wünsche ich sämtlichen sexuellen Orientierungen rechtlich abgesicherten Samen. Amen.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
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