Der Ort heisst eigentlich nicht Discovelo. Aber ich nenne ihn Discovelo. Es ist wie eine Art Fitnessstudio, aber nur mit Standvelos, die in einem Raum stehen, der dann jeweils ganz dunkel wird, und dann blinken crazy Lichter auf, zu Technomusik. Dazu macht man Sport.
Ich fand Discovelo erst recht dämlich. Wegen dieser Pseudoparty, und weil dort alle aussehen wie aus einem Fitness-Insta rausgepult.
Manchmal ging ich aber trotzdem ins Discovelo. Und musste mir irgendwann eingestehen, dass ich den Ort ein bisschen mochte. Ich mochte die Tonqualität der Soundanlage; ich mochte, dass ich um acht Uhr morgens das Gefühl haben konnte, es sei halb drei Uhr morgens im Club.
Klar, ich grummelte innerlich noch immer gegen die Fitness-Insta-Atmosphäre, gegen den Rich Kid-Vibe. Aber gleichzeitig ging ich immer wieder hin. Widerwillig glücklich.
Anna Rosenwasser, 1990 geboren und in Schaffhausen aufgewachsen, wohnt in Zürich. Sie arbeitet für die Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und als freischaffende Journalistin.
Natürlich schloss Discovelo seine blank geputzten Glastüren, als das Virus ausbrach. Zu Beginn der Lockerungen fanden die Klassen zwar wieder statt, aber enorm reduziert. Ich trat nach Monaten wieder in diesen Raum mit den Lichtern, den Standvelos, der modelmässigen Fitness-Instruktorin.
Es war das erste Mal seit langem, dass ich mich in einen Raum mit so vielen Leuten begab. Die lauter werdende Musik erinnerte mich daran, wie sehr ich Ausgang vermisste. Queere Partys, die wie Akkulader funktionierten. Mit der Absage der Pride wurde ich zurückgelassen ohne diesen Akkulader. Ohne Stolz zwischen den bad news.
Discovelo war nun in vollem Gange. Mein Herz raste vom Trampeln, in meinen Ohren endlich wieder der Techno, die Lichter um mich herum wild.
Dann ebbte der Track ab… und es begannen die ersten Sekunden eines Popliedes, das ich kannte. Sehr gut kannte. «Just put your paws up ‚cause you were born this way, baby.» Alter Falter, spielte Discovelo gerade Born This Way? DAS Born This Way?!
Da passierte es. Vom einen Moment auf den anderen erlöschten alle Lichter. Der Raum war vollkommen dunkel, ich sah meine eigenen Lenker nicht. Und dann: Erleuchtete alles in Regenbogenfarben. Lady Gaga sang die Hymne unserer Community, und der Raum des Discovelo war ein stolzer Regenbogen.
Unter normalen Umständen würde ich nie zugeben, dass ich in einer Sportlektion geweint habe. Aber es waren keine normalen Umstände, und ich habe inmitten dieser Lichter, inmitten von «I was born to survive» geweint.
Nur kurz, nur leise. Weil mir meine Akkulader-Anlässe für wenige Minuten ersetzt worden waren, in einem lauten Raum eines überteuerten Fitnessstudios. Es reicht nicht, den Regenbogen raushängen zu lassen. Aber es ist ein Anfang.
Dieser Beitrag erschien im Sommerheft von Saiten.
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