«Das sollte doch selbstverständlich sein!», schimpfte mein Grosi und sah mich fordernd an. Es war Anfang März; meine Mutter, meine Grossmutter und ich hielten es für eine gute Idee, im Tessin Ferien zu machen. Nun sassen wir im sehr leeren Speisewagen nach Lugano und besprachen alle Politika, die nicht den Namen eines Bieres trugen.
Vor wenigen Tagen hatte sich ein Schwinger geoutet. Nicht so bitzli #loveislove und «ich passe in keine Schublade», sondern Klartext: «schwul» stand da in der Schlagzeile, «schwul» stand im Artikel, «schwul» stand in seinem Instagrampost.
Und darum polterte mein Grosi. «Selbstverständlichkeit!», sagte sie noch einmal, «das sollte doch keine Rolle spielen! Der muss sich doch nicht so öffentlich outen!»
Anna Rosenwasser, 1990 geboren und in Schaffhausen aufgewachsen, wohnt in Zürich. Sie arbeitet für die Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und als freischaffende Journalistin.
Ich denke oft nach über Coming-Outs, aber gerade fragte ich mich zum allerersten Mal, wann ich mich denn geoutet hatte bei meinem Grosi. Ich glaube, es hatte gar kein Coming-Out gegeben. Sie war immer lieb zu meinen Schätzlis gewesen, und als nach einem David, einem Simon und einem Muhammad halt mal eine Florina kam, stellte sie keine Fragen, ausser, ob wir noch etwas Tee wollten.
Es tut mir von Herzen leid, einer Frau zu widersprechen, deren Jahrgang tiefer ist als das Lebensalter mancher meiner Freund*innen (32!), aber: Sie macht einen strategischen Denkfehler. Klar, ich wünsche mir, dass alle so schulterzuckend liebevoll sind wie sie – aber das ist nicht der Fall.
Wir bekämpfen Homofeindlichkeit nicht, indem wir betonen, wie egal uns Homos sind. Die Antwort auf Scham, Schimpf und Schande ist nicht «wir sind doch alle gleich», sondern «wir sind anders, und das ist gut so».
Ich widerspreche hiermit nicht nur meinem eigenen Grosi, sondern auch einer grossen Zahl Homo-Befürwortenden, die sich nerven über laute, deutliche, ja nahezu penetrante Coming-Outs. «Das machen die Heteros ja auch nicht», lautet ein häufiges Argument.
Doch, machen sie. Wenn deine Arbeitskollegin in der Pause vom Wellnesswochenende mit ihrem Mann erzählt, outet sie sich. Wenn dein kleiner Cousin ein leicht bekleidetes Model als Handyhintergrund hat, outet er sich. Wenn deine Klassenkameradin erwähnt, dass sie den Typen aus der Parallelklasse hot findet, outet sie sich.
Wir nennen das alles nicht Coming-Out – weil es als normal gilt. Wir Homos haben selten die Möglichkeit, uns so unauffällig zu outen, wie es die Heteros tun. Darum heisst es ja Coming- Out: Weil man sich rausgetraut. Aus einem Geheimnis, für das man sich nie entschieden hat.
Wir haben also zwei Möglichkeiten: Entweder wir bleiben drin, als wandelndes Geheimnis. Oder wir kommen raus, entgegen der Norm. Wenn wir dies stolz und klar tun, in einem Insta-Post oder gar einer Schlagzeile, dann sagen wir nicht nur, dass mit uns nichts falsch ist. Sondern wir geben anderen Menschen die Möglichkeit, zu denken «Hey. Vielleicht ist mit mir auch nichts falsch.»
Solange dieses Gefühl noch nicht selbstverständlich ist, sollte es unsere sexuelle Orientierung auch nicht sein. Ausser bei meinem Grosi. Meinem Grosi ist deine sexuelle Orientierung echt egal.
Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.
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